Das Gesetz der Berge

1. November 2013, 17:59
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Matthias Polityckis Roman "Samarkand, Samarkand" ist von großer Kraft - und wirkt dabei doch merkwürdig brüchig

Dieser Wiegeschritt. Diese kleine, schmale, grazile Erscheinung. Verhüllten Hauptes und federnden Schrittes kommt sie näher. Und scheint sich nicht bewusst zu sein, im Fadenkreuz des Gewehrs zu sein, das Alexander Kaufler auf sie richtet. Endlich, nach zweieinhalb Jahren der Demütigung, kann Kaufler nun Rache nehmen - oder doch nicht?

Das Schlussbild, das der in Hamburg lebende 58-jährige Matthias Politycki für seinen neuen Roman wählt, ist ein starkes. Weil Atem nehmendes. Es ist ein Cliffhanger. Und dabei ist Kaufler da schon jenseits aller Sicherheiten. Es ist ein fulminantes Finale eines durchaus fulminanten Romans. Zumindest eines, für dessen Konstruktion, Anlage und Ausführung scheinbar veraltete Begriffe hervorzuholen sind: die Pranke des Autors, der allwissende Erzähler, der Roman als Breitwandgemälde.

Dabei ist dies auch noch ein Abenteuer-, ein Berg- und ein Science-Fiction-Roman. Denn Politycki siedelt ihn an in den Jahren 2025 bis 2028. Seine Hauptfigur Alexander Kaufler, ein in der DDR aufgewachsener Deutscher, ist zu Beginn des Buches um die 56 Jahre alt, die Welt, die er kannte, gibt es inzwischen nicht mehr. Denn an mehreren Fronten ist ein dritter, konventionell geführter Weltkrieg ausgebrochen, die Armee des Kalifen von Bagdad hat sich via Spanien durch Frankreich gekämpft und steht am Rhein, die Rote Armee hält große Teile Osteuropas besetzt, in Deutschland selbst sieht es so aus wie einst im Dreißigjährigen Krieg: Zerstörte Städte, Anarchie, jeder kämpft quasi gegen jeden und alle ums tagtägliche Überleben, die finanziell ausgebluteten USA haben sich auf sich und den karibischen Raum zurückgezogen, dafür steht China kurz davor einzugreifen, ebenso wie die Türkei.

Kaufler, ausgebildeter Gebirgsjäger, ist im Auftrag der Festen Freien Wandsbek, einer Résistancegruppe, nach Samarkand in Usbekistan entsandt worden, um dort die bisher noch von niemandem georteten sterblichen Überreste Timur ibn Taraghai Baras' zu finden, besser bekannt als Tamerlan (1336-1405), des Heerführers und Eroberers, dem einige Jahre lang das größte Reich in der Geschichte Mittelasiens unterstand. Mit dieser heiligen, Macht verleihenden Reliquie sollen, so die Idee der Auftraggeber Kauflers, die Streiter des Kalifen aus Europa vertrieben werden.

So durchstreift Kaufler die Gebirge rings um Samarkand, jahrelang, im ersten Jahr noch geführt vom jungen Bergführer Odina, dessen Tod er später bewirken wird, dann mehr und mehr allein, immer einsamer und immer magischer auf einem immer schmaleren Grat zwischen Realität, Illusion, Imagination und Wahn. Parallel dazu greifen die globalen Konflikte über auf Samarkand und die benachbarten Täler, es kommt zu Militäraktionen, Massakern, ethnischen Vertreibungen. Kaufler hält an seinem Auftrag bis zuletzt fest, auch wenn der Kontakt zu seinen Auftraggebern schon längst abgebrochen ist. Er bewegt sich durch eine Welt voller Atavismen ("das Gesetz der Berge"), Fundamentalismen und archaischer Riten, eine Welt, die eine erzählerische Anderswelt ist und die Politycki in detaillierter Stofflichkeit lustvoll auspinselt, inklusive zwei höchst detaillierter Schlachtungen eines Stiers und einer Ziege.

25 Jahre hat Politycki, bekennt er in seiner Nachbemerkung, diesen Stoff mit sich herumgetragen, immer wieder Anläufe genommen, die versandeten, er hat anderes dazwischengeschoben, Bücher, Reisen, Auslandsaufenthalte. Seine letzte größere Veröffentlichung von einigem Rang, der Kuba-Roman Herr der Hörner, auch ein Buch über den Zusammenprall von Kulturen, liegt immerhin acht Jahre zurück - dazwischen lagen sein satirisches Reisebuch In 180 Tagen um die Welt, die Jenseitsnovelle, sein zumindest von ihm selbst als humoristisch eingestufter Trinkerbericht über Londoner Pubs London für Helden. The Ale Trail - Expedition ins Bierreich sowie nicht wenige Aktivitäten als Literaturreihen- und Lesefestorganisator.

Hier schreibt er nun so geschmeidig, so rhetorisch geschliffen, so wortmächtig, so atmosphärisch beschwörend wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor seiner Generation. Er beherrscht die Materie eindrucksvoller Naturbeschreibungen ebenso gut wie die gegen Ende als mündliche Erzählung präsentierte farbenprächtige historische Etüde - die stupende Geschichte von Timur, seinem Ziehsohn und Rivalen, und Toktamisch und dessen Goldener Horde, in der die Motive Macht und Liebesverlust, Machtlosigkeit und Widerständigkeit überbordend als farbige Miniatur des Großromans konzentriert sich spiegeln - das Sinnliche wie das Sinnenverwirrende. Unübersehbar hat er lange am Duktus seiner Sätze geschliffen, auf dass sie sich prächtig für ein lautes Lesen und Rezitieren eignen.

Und doch ist den gesamten Roman des Poeta doctus Matthias Politycki hindurch nicht der Eindruck abzuschütteln, man habe die Handlung, viele Szenen, viele Einsprengsel, viele Details schon einmal gelesen, gehört, gesehen, irgendwo, anderswo, in Jean-Jacques Arnauds Film Duell - Enemy at the Gates, bei Colin Thubron, Kafka, Salman Rushdie. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

Matthias Politycki, "Samarkand, Samarkand". € 23,60 / 400 Seiten. Hoffmann und Campe, Hamburg 2013

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    cover: hoffmann und campe
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