Cordula Simon: Untergangsreigen

1. November 2013, 17:58
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Die Autorin bemüht in "Ostrov Mogila" eine Kettenreaktion des Schreckens und der Abgründe

Arthur Schnitzlers Reigen zieht seinen Kreis in zehn Szenen. Die junge Germanistin Cordula Simon, die in Graz und Odessa lebt, führt nun ihren Prosareigen der Bruchmoderne über 24 Stationen. Bei ihr brauchen die sexuellen Verbindungen keine Konversationseinstiege; sie bewirken weniger innere denn gewaltige äußere Beben. Mannigfaltige Zerstörungen vermitteln eine "Epochengestimmtheit der gärenden Angst, wieder einmal unterzugehen", wie das Robert Menasse auf dem Coverrücken dem Buch attestiert.

Nach dem Achtungserfolg, den Cordula Simon mit ihrem Debüt Der potemkinsche Hund erzielt hat, und nach dem Auftritt beim Bachmann-Wettbewerb schafft sie in ihrem zweiten, auf der Shortlist des Literaturpreises Alpha stehenden Roman Ostrov Mogila einen Beginn mit Paukenschlag. Sofort kommt sie auf das Thema, das bei Schnitzler langer Rede bedarf, und auf das Wort, das dort selbstverständlich nie fällt. "Nicht einmal ficken kann man", ruft Aleksej; und Marina, aus deren Ich-Perspektive dieses Kapitel geschildert ist, hält die weiten Auswirkungen ihres Geschlechtslebens fest: "dass jedes Mal, wenn ich fickte, irgendwo in der Stadt das Licht ausging." Das an sich intimste Verhalten erscheint hier als Auslöser für ein umfassendes Desaster der Menschheit.

Mit jeder neuen Figur, deren Ich eine dieser Stationen erzählt, schreitet die Katastrophe voran, die überall die Organisation des heutigen technisierten Lebens außer Kraft, Heere von Ungetier und allerlei Grausliches freisetzt. Die Wände des Gewöhnlichen fallen, ebenfalls jene des Realismus und der Rationalität. Dahinter kommen Fabelwesen, Elemente alter sowie moderner Mythen zum Vorschein, Drachen und Einhörner und King Kong. Mit erheblichem Fantasieaufwand schildert Simon eingestürzte Fassaden und vielfältige Facetten einer Albtraumwelt, durch die sie ihre Protagonisten, deren Vornamen die Titel der 24 Kapitel abgeben, flüchten lässt. Ein Mädchen wird von einem Sofa verschlungen; ein Mann wächst sich zum Riesen aus; "Gott" ist eine Katze und der Teufel sitzt in einer Hand; den gewöhnlichen Schrecken eines Haushaltsalltags erfährt man aus der Sicht der Mutter Maria.

Das Rustikale des Dorfes Ostrov Mogila im 13. Kapitel bietet keineswegs einen schönen Fluchtort: "Ostrov, die Insel, und Mogila, das Grab". Die Ethnologin Jacqueline trifft dort, wo Großmutter und Urgroßmutter sagen, wir "würden alle zurückgeworfen", auf Missbildungen, und als sie fragt, wie weit das Dorf vom Reaktor entfernt sei, will keiner wissen, wovon sie redet. Ihr Kollege Victor erfährt den Schrecken des heimischen Volkstümlichen mitten in Westeuropa: "Ich schrieb über den Almabtrieb, ohne zu erwähnen, dass er nur für Touristen veranstaltet wurde, und bezeichnete den Volkstanz als rituellen Kriegstanz, bevor man mit Mistgabeln losging gegen jene im benachbarten Tal." Als wäre Ostrov Mogila ein Umkehrpunkt, lässt der Roman danach die deutlichen mythischen Gefilde hinter sich.

So präsentiert Cordula Simon apokalyptische Streifzüge von Ost nach West und retour. Überall klaffen Risse, Straßen tun sich auf, Brüche krachen. Die Figuren suchen auf verrückt scheinende Art in dem "Leben ohne Annehmlichkeiten" zu überleben. Dabei gibt der Perspektivenwechsel die Möglichkeit, völlig unterschiedliche Situationen zu vermitteln und dennoch einen erzählerischen Zusammenhang zu gestalten. Mit Aleksej endet der Roman, schließt sich der Kreis: "So müsste es also aussehen, der Weltuntergang."

Faszinierend, wie von einem Kapitel zum anderen Behauptungen und Wahrnehmungen einer Sichtweise von einer anderen relativiert werden können. Das Problem bei dieser Erzählanlage und bei Simons abgründiger Ausführung ist allerdings mit Fortgang der Kapitel der zunehmende Eindruck von Beliebigkeit. Es erstehen kaum unterschiedliche Charaktere, viele Protagonisten und ihre Sprachmächtigkeit ähneln einander. Es ist immer das gleiche Schlamassel, als könne alles jedem passieren. Das macht die Lektüre langwierig, und auf die Dauer wirken manche Effekte zu simpel, manche zu bemüht herbeigezogen. Die Autorin verfügt durchaus über einen eigenen Sprachklang, es gelingen ihr feine Passagen: "Auf dem Weg lagen tote Regenbögen in ihren Ölpfützen und auf den Tischen des Kellerlokals brachen verschüttete Vodkatropfen dem mageren rötlichen Licht das Genick." Die Welt zerbricht, die Sprache jedoch gibt noch ein gereimtes Dasein vor. Mitunter verschreibt ihr Simon aber eine unnötige Umständlichkeit und ein störendes Worthaarespalten.

Alle Gesellschaften bringen ihre Krisenängste hervor. Seit einigen Jahren werden sie fleißig geschürt, und das Schlagwort "Sicherheit" hat jenes der Freiheit ersetzt. Wie es in Realitäten und Albträumen aussehen kann, wenn die große Katastrophe fast alles zerstört, bringt nun Cordula Simon nahe. Zwar mit kräftigen, originellen Bildern, mit einem Schuss Ironie, aber doch merkwürdig wenig spannend. Zu vorhersehbar sind in diesem Reigen Absichten und Ausgang. (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

Cordula Simon, "Ostrov Mogila". € 19,90/ 240 Seiten. Picus, Wien 2013

  • In ihrem Roman fallen die Wände des Gewöhnlichen, ebenfalls jene des Realismus und der Rationalität. Dahinter kommen Fabelwesen und Elemente moderner Mythen zum Vorschein: Cordula Simon.
    foto: heribert corn

    In ihrem Roman fallen die Wände des Gewöhnlichen, ebenfalls jene des Realismus und der Rationalität. Dahinter kommen Fabelwesen und Elemente moderner Mythen zum Vorschein: Cordula Simon.

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