Überleben unter allen Umständen

31. Oktober 2013, 10:50
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Der chinesische Dokumentarist Wang Bing führt mit "Feng Ai" in die Psychiatrie

Der 46-jährige chinesische Filmemacher Wang Bing hat sich mit dokumentarischen Gesellschaftsstudien einen Namen gemacht. Damit konterkariert beziehungsweise ergänzt er das offizielle Bild Chinas, führt in räumliche und soziale Randzonen. Wangs Arbeiten zeichnen sich dadurch aus, dass er sich mit einem Miniteam und leichtem Gerät jeweils aus nächster Nähe und über einen längeren Zeitraum auf eine konkrete Lebenssituation einlässt.

Einblick ins Alltägliche

Im Vorjahr war bei der Viennale San zimei (Drei Schwestern) zu sehen: Beobachtungen des harten Alltags kleiner Bauernmädchen auf einem entlegenen Hof. Wangs jüngste Arbeit, Feng Ai ('Til Madness Do Us Part), führt nun in eine psychiatrische Anstalt, wieder in der Provinz Yunnan. Im zweiten Stock des Gebäudes, das um einen viereckigen Hof herum angelegt ist, liegt die Männerabteilung. Von einem zum Hof hin offenen, jedoch vergitterten Gang gehen die Zimmer ab - zu dritt oder viert sind die Patienten dort untergebracht. Ihr Mobiliar beschränkt sich auf Eisenbetten, weiters verfügt jeder über eine Emailschüssel, die als Wasch- oder Pissbecken genützt wird.

Einzelne Männer werden mittels knapper Inserts namentlich eingeführt - so erfährt man, dass etliche schon seit mehr als zehn Jahren hier untergebracht sind. Am Ende des vierstündigen Films erscheinen manche beinahe wie alte Bekannte. Wang erzählt keine Vor- und Fallgeschichten. Er begleitet auch diesmal alltägliche (und nächtliche) Abläufe. Die Männer haben keine ersichtlichen schweren Erkrankungen (Ärzte oder Personal taucht kaum vor der Kamera auf). Sie sind eher wegen Alkoholismus, familiärer Gewalt oder sozialen Auffälligkeiten hier gelandet, und sie werden vor dem Hintergrund der Alltagsbeobachtungen in ihren Eigenheiten, als Individuen sichtbar:

Da ist der unglückliche zerzauste Mann, der sich mit Frau und Sohn meist streitet, wenn sie ihn besuchen, der ihre Mitbringsel - frische Mandarinen - aber geradezu liebevoll mit seinen Zimmernachbarn und weiteren Insassen teilt. Der ältere Mann, der mit einer der Frauen aus dem ersten Stock verheiratet ist und mit ihr abends durch die Gitter und über den Hof hinweg turtelt. Der wortkarge Mützenjunge, der Rituale und Wiederholungen braucht. Oder zwei, die buchstäblich aneinanderhängen, auf einer Bank sitzen, sich knuffen.

Nicht zuletzt geht es in Wangs Filmen - auch in seinem Spielfilm Jiabiangou (The Ditch), der auf beklemmend realistische Weise vom Überleben und vor allem vom Sterben in einem Umerziehungslager in den 1960ern erzählt - darum, wie sich Menschen allen Umständen zum Trotz in gegebenen Situationen einrichten.

Einmal verlässt die Kamera, die sich immer wieder wendig an laufende Ereignisse heftet, die Klinik: Ein Bauernsohn wird nach elf Jahren entlassen. Wang folgt ihm nach Hause, zu betagten, eher abweisenden Eltern - und Herr Zhu geht (ihm) in diesem neuen Ambiente buchstäblich verloren. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 31.10.2013)

  • 31.10., Stadtkino, 11.00
  • 4.11., Metro, 18.30
  • Aufenthaltsraum, Behelfsbadezimmer, Trainingsgelände: Männer im umlaufenden Gang vor ihren Zimmern in "Feng Ai".
    foto: viennale

    Aufenthaltsraum, Behelfsbadezimmer, Trainingsgelände: Männer im umlaufenden Gang vor ihren Zimmern in "Feng Ai".

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