Kopfgeburten mit ein bisschen Plastik

Blog21. November 2013, 14:08
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Nikotinabstinenz ist (nicht) nur eine Sache des Kopfes - und der Mikrofilter macht einen keinesfalls zum Nichtraucher, wappnet aber für den nächsten Rückfall

Kopfgeburten
Von Günther Brandstetter

Nicht nur die Sucht ist eine treue Begleiterin. Die Frage "Wie geht es mit dem Nichtrauchen?" zählt nun ebenso dazu. Manchmal kommt es noch härter: "Ich dachte, du wärst jetzt Nichtraucher?", spricht mich kürzlich ein Kollege an, während ich mir den mittäglichen Sargnagel in die Lunge reinziehe.

Der Kopf ist einfach noch nicht so weit. So mir nix, dir nix aufhören - momentan keine Option! Da helfen auch die ermutigenden Erfahrungsberichte einiger Leserinnen und Leser nichts, die das scheinbar Unmögliche geschafft haben. Selbst die Kollegin ist keine große Stütze, die zwar von einer echten Nikotinabstinenz noch weit entfernt ist, aber deren rauchfreie Tage sich bedrohlich häufen.

Mein schwacher Trost: Den Zigarettenkonsum um die Hälfe oder mehr zu reduzieren ist ein Kinderspiel. Neuerdings bin ich abends  - wenn nicht zu Hause - nämlich nur mehr in Nichtraucherlokalen anzutreffen, und in der Wohnung ziehen sowieso schon länger keine Rauchschwaden mehr durch die Zimmer. So wird zumindest der nachtägliche Kater zum streichelweichen Kätzchen.

Lukratives Mantra

"(Nicht-)Rauchen ist reine Kopfsache", lautet die gängige Mehrheitsmeinung ehemaliger Nikotinjunkies. Das kann ich nur unterschreiben, schließlich braucht das Nikotin nur etwa sieben Sekunden, um nach einem Lungenzug seine volle Wirkung im Gehirn zu entfalten.

"Nikotinsucht - Die große Lüge!" oder "Nichtraucher in 60 Minuten!" lauten die plakativen und breitenwirksamen Heilsversprechen der selbsternannten Expertinnen und Experten. Allen voran der an Lungenkrebs verstorbene Allen Carr, der vorgezeigt hat wie gewinnbringend das Geschäft mit der Ratgeberliteratur sein kann: 13 Millionen verkaufte Exemplare von "Endlich Nichtrauer!" und seinen posthumen Wiedergängern à la "Endlich Nichtraucher für Frauen!", "Endlich Nichtraucher ohne Gewichtszunahme!" und "Endlich Nichtraucher für Lesemuffel!".

Endlich ist jedenfalls der Informationsgehalt der prophetischen Botschaften: Jeder schafft es ganz einfach, dem Rauchen zu entsagen. Sofort und vollkommen mühelos. Ohne Entzugserscheinungen und Willensanstrengung. Kein Problem, alles nur eine Sache des Kopfes. Es muss nur der vielzitierte "Schalter" umgelegt werden. Wo der ist und wie das geht? - Keine Ahnung, denn in den Büchern war dazu nur wenig zu finden. Dafür das Mantra von den tollen Erfolgen der sauteuren Nichtraucherseminare, inklusive Kontaktadressen.

Es mag vielleicht wie eine infantile Kopfreaktion wirken, aber nach der Lektüre von Allen Carr & Co schmecken die Zigaretten wieder bedeutend besser.

Ein bisschen Plastik
Von Regina Walter

Die E-Zigarette ist ein totaler Reinfall. In meinem Übereifer hab ich auch noch zwei gekauft, plus Nachfüllpatronen. 76 Euro hat mich der Spaß gekostet, und das nur, weil sich der Gatte auch von dem Ding begeistert gezeigt hat - wär ja möglich gewesen, dass sich die Investition auch für ihn lohnt.

Das war vor zehn Tagen. Am ersten Tag meines Nichtraucherdaseins noch hochoptimistisch bis zum ersten Glas Weißwein. Am zweiten Tag, der wieder mal der erste ist, bin ich dafür voll dabei. Ganz easy, mir graust nach dem Abend davor sowieso vor jeder Tschick.

Heute: Tag zwölf. Der E-Zigarette hab ich das allerdings nicht zu verdanken, im Gegenteil, die machte mir das Leben erst so richtig schwer. Vor allem dieser grauenvolle Geschmack: Süß, was soll das denn bitte? Ich bin so was von schlecht drauf. Das Schlimmste: Ich weiß, wenn das mit dem Nikotinentzug vorbei ist, wird's auch nicht wirklich besser.

Überhaupt spricht gegen das Aufhören so einiges: Unsympathische, intolerante Zeitgenossen sind sie, diese Menschen, die dem Glimmstängel entsagen, Spaßbremsen, die sich permanent bevormunden lassen. Und ja, auch Nichtraucher bekommen Lungenkrebs. Allerdings ist das dann eher eine Schicksals- denn eine Schuldfrage.

Hustenfrei rauchen

Ich geb zu, mit der Schuldsache tu ich mir schwer. Da wär mir das Schicksal dann doch lieber. Aber heut ist mein Glückstag: Ich hol mir Verstärkung von der Freundin - die ist Zahnärztin, rauchende Zahnärztin. Ja, das mit dem Husten kennt sie, meint sie lakonisch, wie ich so mit weit aufgerissenem Mund bei ihr in der Ordi sitze. Aber im Gegensatz zu mir hat sie die Lösung für das Problem gefunden, ohne sich Nichtraucherin schimpfen lassen zu müssen.

Mikrofilter! - Aha. Meine Freundin raucht seit einigen Monaten nur noch mit diesen Dingern und hustet nicht mehr. Ein bisschen Plastik fängt den ganzen Dreck ab - zumindest 60 Prozent davon. 10 Stück um nur 90 Cent - ein Schnäppchen quasi. Für meinen nächsten Rückfall bin ich jedenfalls gewappnet.

  • Weder Ratgeber in Buchform, noch Mikrofilter helfen uns bei der "Mission Impossible: Nichtrauchen".
    foto: derstandard.at

    Weder Ratgeber in Buchform, noch Mikrofilter helfen uns bei der "Mission Impossible: Nichtrauchen".

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