Raspberry Pi-Erfinder: Mehr Programmieren, weniger Office

10. November 2013, 11:56
128 Postings

Eben Upton über einen Nachfolger des Mini-PCs, Bildung und den holprigen Start des Projektes

Eben Upton ist Direktor der Informatik am St. John's College in Cambridge, Hardware-Ingenieur und gehört zu den Teilhabern der Raspberry Pi Foundation und Erfindern des gleichnamigen Minicomputers. Der WebStandard konnte im Rahmen des Pioneers Festivals in Wien ein Interview mit ihm führen und über die Zukunft des Projektes, IT-Skills in der Bildung und die Lehren aus der bisherigen Geschichte des Projektes sprechen.

Überraschender Andrang

Eben diese Geschichte ist bewegt. Zwar war man mit den Ambitionen gestartet, etwas in der Bildung zu ändern und mit dem Raspberry Pi das Interesse von Schülern am Programmieren zu wecken, dennoch rechnete man zu Beginn damit, lediglich ein paar tausend Stück des Kompaktrechners zu verkaufen.

Geworden sind es bis heute zwei Millionen, wie Upton erklärt. Der von Beginn an gewaltige Andrang hatte aber auch seine Schattenseiten. Viele Besteller mussten sehr lange, teils ein halbes Jahr, auf ihren Pi warten.

"Mache niemals ein Hardware-Startup"

Auf die Frage, welche Lehren aus dem holprigen Start gezogen habe, meint er lachend: "Mache niemals ein Hardware-Startup." Und im Ernst: "Wir haben gelernt, dass es unmöglich ist, mit Überraschungen in solchen Größenordnungen umzugehen. Wenn man sich um den Faktor zwei verschätzt, kann man das noch mit Geld geradebiegen. Liegt man aber um den Faktor 10, 20 oder 50 daneben, gibt es nichts, was man tun kann."

Denn selbst wenn man noch mehr Geld in die Hand nimmt, ergibt sich das Problem, dass die nötigen Bauteile für all die Bestellungen physikalisch noch gar nicht existieren. Ein vor allem seit der Wirtschaftskrise verbreiteter Umstand, die Hersteller sitzen nicht mehr gerne auf einem vollen Inventar – was bei großem Mehrbedarf folglich zu Wartezeiten führt. "Ein HDMI-Konnektor, ein kleines Stück gebogenes Metall, kann den Unterschied machen, ob man in einer Woche die Produktion starten kann, oder eben nicht", erklärt Upton.

Freilich würde man einen etwaigen Nachfolger nicht mit nur 10.000 Stück in die Erstproduktion schicken, aufgrund der niedrigen Gewinnspanne könne man es aber auch nicht riskieren, eine Million Geräte vorzuproduzieren, wie es etwa manche Smartphone-Hersteller tun. Auch beim nächsten "Pi" könnte es zu Wartezeiten kommen, die sich aber – so hofft der Erfinder – nicht über ein bis zwei Monate erstrecken.

Nachfolger frühestens in drei Jahren

Einen Nachfolger zur aktuellen Platine hat man bei der Raspberry Pi Foundation auch auf dem Radar. Eine Umsetzung ist aber erst grob in drei bis vier Jahren anvisiert und wird voraussichtlich bis auf ein paar kleine Tweaks und vor allem einem Upgrade von CPU und Arbeitsspeicher nicht viele Änderungen mitbringen. Insbesondere mit dem Formfaktor des Rechners zeigt sich Upton äußerst zufrieden. Bis sich diese Fragen allerdings stellen, möchte man auf Software-Ebene das Potenzial des aktuellen Geräts voll ausschöpfen.

"Ted Bull Stratos"

Upton selbst besitzt mehrere Raspberry Pis, wie er verrät. Einen davon verwendet er als Mediencenter, ein anderer dient als Basis für Robotik- und Automationszwecke. "Ich muss allerdings viel Zeit aufwenden, um das Projekt am Laufen zu halten, daher komme ich nicht oft dazu, selber damit zu experimentieren", sagt er.

Die diversen spannenden bis skurrilen Projekte, die Tüftler rund um die Welt mit dem kleinen PC umsetzen, sind Upton nicht verborgen geblieben. Sein Favorit ist allerdings der Stratosphärensprung des Teddybären "Babbage", bei welchem er auch selbst filmenderweise vor Ort war. Das Plüschtier konnte im Rahmen von "Ted Bull Stratos" den Höhenrekord des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartners um 30 Meter übertreffen.

Display-Add-on

Derzeit ist man dabei, eine neue Erweiterung für den Raspberry Pi zu veröffentlichen – eine Infrarotkamera. Als nächstes möchte man ein kleines Flat Panel Display bauen, das vermutlich eine Bilddiagonale von etwa sieben Zoll aufweisen wird. Hauptsächlich will man die Entwicklung solcher Zusätze aber weiter der Community überlassen.

Lückenfüller

Die eigentliche Mission des Raspberry Pi als Tool für die IT-Bildung, schreitet langsam, aber doch voran. "Lückenhaft" nennt Upton das Interesse in- und außerhalb von Großbritannien. Tendenziell scheint das Interesse von ohnehin gut ausgestatteten Schulen größer zu sein und sehr oft hängt es auch vom Engagement einzelner Lehrer ab, ob der Raspberry Pi seinen Weg in die Klassenzimmer findet, oder nicht. Daher investiert die Stiftung Geld in die Produktion von Bildungsmaterial und lobbyiert für verstärkte Lehrerausbildung. Man sieht es als eigene Aufgabe, eben jene Lücken zu füllen.

Gleichzeitig arbeitet man mit Code Club zusammen, einer Nonprofitorganisation, die Lernclubs für Schüler betreibt, die ihren IT-Interessen auch außerhalb der Schule nachgehen wollen. Diese werden oft von Freiwilligen aus der Branche betreut. Lob findet Upton für die britische Regierung, die die Lehrpläne so überarbeitet hat, dass der Schwerpunkt auf Office-Programme im EDV-Unterricht entschärft und mehr Wert auf Progammierkenntnisse gelegt wurde.

Weniger Office, mehr Programmierung

"Schüler sollten schon wissen, wie man Office-Programme nutzt", findet Upton, "aber ich denke, wir können ihnen so etwas viel schneller vermitteln. In England bringen wir ihnen das so langsam bei, dass sie anfangen, sich zu langweilen." Seiner Meinung nach sollte jeder ein gewisses Set an Computerkenntnissen mitbringen, wenn er seine Schulbildung abschließt. "Jeder Schüler sollte ein einfaches Computerprogramm schreiben können", so seine Forderung.

Für besonders begabte und interessierte Kinder , so Upton, sollte es eine Garantie auf schulische Förderung und die Inanspruchnahme von Angeboten zur Vertiefung der eigenen Kenntnisse außerhalb des Unterrichts geben. "Ich denke, das sollte so funktionieren, wie beim Lernen eines Instruments. Jedes Kind sollte die Gelegenheit haben, ein Musikinstrument auszuprobieren, um herauszufinden, ob es ihm gefällt oder nicht. Das gleiche streben wir fürs Programmieren an." (Georg Pichler, derStandard.at, 09.11.2013)

  • Eben Upton mit dem Raspberry Pi auf der PopTechn 2012 in Reykjavik.

    Eben Upton mit dem Raspberry Pi auf der PopTechn 2012 in Reykjavik.

Share if you care.