Allerheiligste Grundsatzfrage

Kolumne6. November 2013, 17:07
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Soll man verblichene Pflanzen jetzt kompostieren oder stehenlassen? Gregor Fauma plädiert für wenigstens ein paar wilde Winkel im Garten

Zu Allerheiligen müssen sich Gartler und Gärtnerin entscheiden: Wollen sie einen aufgeräumten, sauberen Garten haben, der in erster Linie Platz für die gärtnerischen Ideen und deren Umsetzung lässt, oder wollen sie einen Garten, der zwar weniger geordnet oder gar sauber ist, dafür aber viel Raum für Rückzug bereithält? Rückzug für zum Beispiel Nützlinge, die versuchen, den Winter zu überleben.

Dazu brauchen sie Laub, am besten gehäuft. Die Luftpolster zwischen den einzelnen Blättern wirken gegen die Kälte isolierend und helfen den Marienkäfern zu überleben. Nur ein erfrorener Marienkäfer ist ein schlechter Marienkäfer. Taut es im Frühjahr, pflanzen sich die Käfer fort und stürzen sich, noch ganz Larve, heißhungrig auf die Blattläuse. Also, Laub Laub sein lassen, zumindest haufenweise in diversen, windgeschützten Gartenwinkeln.

Äste dicht übereinander schlichten

Im Herbst wird auch meist recht heftig an Bäumen und Sträuchern herumgeschnitten, Rosen werden gekürzt und dichtes Buschwerk wird gern in der kalten Jahreszeit ausgelichtet. Das ist von Pflanze zu Pflanze richtig oder falsch, aber jetzt und hier nicht das Thema. Thema ist, was man später mit den Abschnitten anstellt.

Man kann diese natürlich durch den superhighendturbobetriebenen Schredder jagen und als feines Mehl auf den Komposthaufen auftragen - warum nicht. Kompost ist richtig und gut.

Man kann aber auch die Äste dicht übereinander schlichten und einen richtig blickdichten Haufen an einer eh unansehnlichen Stelle im Garten aufbauen - immer wieder Laub dazwischenschlichten, und ab dann hoffen, dass sich eine Igelfamilie ansiedelt. Die fressen übrigens Nacktschnecken. Ein idealer Platz dafür ist gleich neben dem Brennnesselbeet, das Gartlerin und Gärtner aus Rücksicht auf diverse Schmetterlinge das ganze Jahr über stehen lassen haben. Auch die eher am Boden lebenden Rotkehlchen sind für Schutz wie diesen dankbar.

Wissen, was kommt

Möglicherweise unordentlich wirken vertrocknete Blütenstängel. Auf den Kompost damit oder stehen lassen? Für Zweiteres spricht, dass sich viele Singvögel, die den Winter über im Land bleiben, von den Samen der verdorrten Blütenköpfe ernähren.

Ein weiteres Argument für das Stehenlassen ist, dass man eventuell im kommenden Jahr erkennen kann, was denn da im vergangenen Jahr geblüht hatte. So werden abgestorbene Funkienblütenstände, Sonnenhutstängel und Hortensienrispen zu mahnenden Fahnen ihrer unterirdisch überwinternden Rhizome.

Also, Hand aufs Herz, passt die Konfrontation mit dem Sterbenden, dem Vergänglichen und auch hoffentlich Wiederkehrenden nicht perfekt zu Allerheiligen?

Soll man verblichene Pflanzen jetzt kompostieren oder stehenlassen? Gregor Fauma plädiert für wenigstens ein paar wilde Winkel im Garten. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 31.10.2013)

Ein ordentlicher Tipp: Selbst Ordnungsfanatiker können sich den Luxus einiger wilder Winkel in ihrem Garten leisten. Sie tun damit Nützlingen, Vögeln, der Natur und letztendlich auch sich selbst nur Gutes.

  • Luftpolster zwischen den einzelnen Blättern wirken isolierend und helfen den Marienkäfern zu überleben.
    foto: apa/karl-josef hildenbrand

    Luftpolster zwischen den einzelnen Blättern wirken isolierend und helfen den Marienkäfern zu überleben.

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    foto: elsa okazaki
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