Es wird mit dem Summerton ...

1. November 2013, 17:16
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Es ist kaum zu glauben: Noch immer rufen pro Monat 80.000 Österreicher bei der Zeitansage an, obwohl Uhren aller Art inzwischen so gut wie omnipräsent sind - warum nur?

Georg Danzer sang betrübt: "I kenn kan Mau, i kenn ka Frau, i ruaf die Zeitansage an, da hör i wenigstens a Stimm', in ana mir vertrauten Sprach." Das Lied ist keine fünfzehn Jahre alt, klingt aber wie eine Sage aus Großvaters Tagen. Doch wer glaubt, die Zeitansage habe wie das Testbild das Zeitliche gesegnet, irrt. Noch immer rufen 80.000 Österreicher im Monat an, um zu erfahren, wie spät es ganz genau ist. Früher war die Auskunft umsonst, heute kostet die Nummer 0810/00 15 03 mindestens zehn Cent.

Geblieben ist das "Es wird mit dem Summerton ...". Jahrzehntelang erklang zwischen Bernhardsthal und Bodensee dabei die glasklare Stimme von Renate Fuczik, die dafür sorgte, dass von null bis 24 Uhr ganz Österreich wusste, wie spät es genau war. "Ich sprach die Stunden, die Sekunden und die Minuten", erinnert sich Fuczik, "jeweils in einem Block aufs Band." Versierte Techniker machten dann daraus 86.400 Sekunden von Punkt Mitternacht bis Punkt Mitternacht.

Praktische Tipps für die Hausfrau

Renate Fuczik ist stolz, am Fernsprechhörer nicht nur Zahlen präsentiert zu haben, sondern auch Anfang der 1970er-Jahre die "Praktischen Tipps für die Hausfrau", "Gold- und Silberpreise" oder die "Berufsaussichten bei der Post- und Telegrafenverwaltung". Alles nicht mehr da, genauso wie die Wählscheibe am Telefon. Nur die Zeitansage trotzt erfolgreich dem Zeitgeist. Jetzt mit Angelika Lang vom ORF. Die meisten Menschen würden wohl immer dann anrufen, ist sich Fuczik sicher, "wenn die Zeit gerade wieder umgestellt wird", wenn es Richtung Winter geht und die Stunde rückwärts für Verwirrung sorgt.

Die erste Zeitansage sagte gar nichts. Im August 1909 begann in Hamburg die Ära des "telephonischen Zeitsignals", das mit Klängen, einem "sirenenartigen Ton" und alle fünf Minuten einem "rasselnden Weckergeräusch" eher einem akustischen Rätsel glich. Wenig später erzählte die freundliche Dame vom Amt dem Anrufer auf Wunsch, welche Stunde die Wanduhr neben ihr gerade geschlagen hatte.

Technik löst die Herren ab

Im Deutschen Reich saßen ab Oktober 1923 gemäß einer Personalverordnung nur noch ledige Beamte in der Vermittlungsstelle. Dann löste die Technik die Herren ab, und Maschinen mit Walzen, Lichttonspuren und Projektorlampen, ähnlich wie im Kino, übernahmen den Dienst, wegen des Ledigenerlasses spöttisch "Eiserne Jungfrau" genannt. Ab 1941 stand im Wählamt Linz-Domgasse das erste Gerät auf heimischem Boden. Auf einer Trommel liefen nebeneinander zwei Filmstreifen, auf denen mit Lichtschrift der Text für 60 Minuten und 24 Stunden geschrieben stand. Zwei Fotozellen tasteten im Moment des Anrufs die Rollen ab, und zu Gehör kam die Uhrzeit nach Stunden und Minuten.

In den späten 1970er-Jahren dirigierte ein glasklarer Quarz die zuverlässigen Zeitmaschinen, deren Herz ein Plattenspieler mit drei Tonarmen war. Inzwischen können sich die Anrufer darauf verlassen, wenn der Telefontrillerich in der Zeitzentrale klingelt, dass ein Computer den Sender digital lenkt.

Obwohl auf Funkuhren, Computern und ferngesteuerten Smartphones die Uhrzeit jede Sekunde augenblicklich aktuell vor den Augen flimmert, verlassen sich viele immer noch auf die Festnetznummer, wenn sie nicht zu spät kommen wollen. Aus gutem Grund: Bei Funkuhren stören Blitze und Donner eines Gewitters die Genauigkeit, moderne Fernseher mit HD-System verzögern ihr Bild, und die Akkus der flachen Handys sind schneller aufgebraucht, als das Ladegerät gefunden wird. Dann hilft auch die ansonsten zuverlässige App "SagMirDieZeit" nicht mehr.

Zeit ist Geld

Im traditionsbewussten England setzen vor allem Staatsdiener auf die bewährte Stimme aus der Leitung. Die Londoner Polizei vertraut der "speaking clock" und gab für das freundliche Fräulein vom Amt in zwei Jahren rund 42.000 Euro aus. Viele Polizisten, so beeilte sich ein Sprecher die etwa 150 Anrufe pro Tag zu erklären, würden nicht im Büro arbeiten und hätten damit "keinen direkten Zugang zum Internet, um sich über die genaue Zeit zu informieren". Ob sie auch keinen Zugang zu Armbanduhr oder Handy haben, verriet er nicht.

Sekundengenau

Die Kollegen aus dem britischen Verteidigungsministerium zählen ebenso auf die Genauigkeit des Telefonservice. Sie läuteten in zweieinhalb Jahren für 46.380 Euro bei der Hotline durch. Dabei hatte der Minister ausdrücklich angewiesen, wer wissen wolle, wie spät es ist, solle das gratis online checken. Denn Zeit muss kein Geld kosten, bringt aber bei einigen Angeboten im Zweifel doch einen Rüffel fürs Zuspätkommen. Die Seite www.zeitansage.org zum Beispiel hilft, selbst den unpünktlichsten Bus zu verpassen, weil sie der Zeit hinterherhinkt. Und die Zeitansage auf dem Internetdienst Twitter hat nur 42 Follower, weil sie seit Tagen stumm bleibt.

Seriösen Spaß mit Sekundengenauigkeit liefern drei heimische Burschen. Auf www.uhrgeil.at sitzen drei Herren in weißem Hemd mit locker gebundenem Schlips und Dreitagebart und verkünden vor schwarzem Hintergrund die aktuelle Uhrzeit. Mit Schweizer Präzision spricht einer die Stunden, der Nächste die Minuten und der Letzte die Sekunden - genauso wie in den 1970er-Jahren ihre großen Vorbilder, die drei Tonarme auf der Schallplatte. (Oliver Zelt, Rondo, DER STANDARD, 31. 10. 2013)

  • Greta Garbo in "Grand Hotel" aus dem Jahre 1932, als es auch schon eine telefonische Zeitansage gab.
    foto: bettmann/corbis

    Greta Garbo in "Grand Hotel" aus dem Jahre 1932, als es auch schon eine telefonische Zeitansage gab.

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    foto: elsa okazaki
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