"Harte Fragen werden nicht gestellt"

Interview31. Oktober 2013, 17:02
14 Postings

Stephen Dorril spricht über die Drohungen gegen den "Guardian " und die allgemeine Apathie auf der Insel in Bezug auf die NSA-Affäre

STANDARD: Während es im US-Kongress Anhörungen zur NSA-Affäre gibt, herrscht im Unterhaus Schweigen. Warum?

Dorril: Die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste existiert in Großbritannien praktisch nicht. Es gibt zwar einen entsprechenden Ausschuss ...

STANDARD: ... dem der frühere Außen- und Verteidigungsminister Malcolm Rifkind vorsitzt ...

Dorril:  ... ja, aber harte Fragen werden dort gewiss nicht gestellt.

STANDARD: Woher wissen Sie das?

Dorril: Ganz einfach: Bei den Konservativen gibt es eine Reihe von Abgeordneten wie Rifkind, die etwas von Nachrichtendiensten verstehen. Sie sind grundsätzlich geneigt, Spionage gut und richtig zu finden. In der Labour-Party findet sich kein einziger einflussreicher Kenner der Materie. Dort steckt bis heute die Furcht tief, als Vaterlandsverräter denunziert zu werden. Deshalb geben sie sich besonders staatstragend und tragen den Union Jack vor sich her. Zu viele Kenntnisse schaden da nur.

STANDARD: Dabei gelten die LibDems als Hüter der Bürgerrechte ...

Dorril:  Aber von denen ist auch nichts mehr zu hören, seit sie an der Regierung sind. Norman Baker, ein sehr quirliger Hinterbänkler, hätte bestimmt etwas zu sagen gehabt. Aber er wurde zum Staatssekretär ernannt, und zwar im Innenministerium. So kann man Leute zum Schweigen bringen.

STANDARD: Als Premier David Cameron dem "Guardian" wegen der Snowden-Enthüllungen drohte, blieb der große Aufschrei in den Medien aus. Wieso das?

Dorril:  Die sind alle in Sachen Spionage sehr matt. Zudem kämpfen die Zeitungen gegen sinkende Auflagezahlen, da käme Solidarität unter Journalisten ungelegen.

STANDARD: Cameron und die britischen Geheimdienste bezeichnen die "Guardian"-Enthüllungen als "Geschenk für Terroristen" ...

Dorril:  Da wäre ich sehr skeptisch. Es wurde ja nicht einmal versucht, konkrete Fakten zu nennen. Die Geheimdienste wollen bloß eine öffentliche Debatte vermeiden.

STANDARD: Wie reagieren Ihre Studenten auf die Enthüllungen?

Dorril:  Absolut apathisch. Dass Google und Apple Daten horten, dass der Staat uns aushorcht, das wird einfach so hingenommen. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 31.10.2013)

Stephen Dorril (58) beschäftigt sich seit langem mit den britischen Geheimdiensten. Er unterrichtet Journalismus an der Universität Huddersfield.

  • Stephen Dorri.

    Stephen Dorri.

Share if you care.