"Etwas Mächtiges steckt in dieser Novelle"

31. Oktober 2013, 10:21
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Arnaud des Pallières hat Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" fürs Kino adaptiert. Der französische Regisseur über die literarische Vorlage, sprachliche Raserei, Filmschnitt mit der Axt und Pferde-Castings

STANDARD: Wie sind Sie auf Kleists Novelle gestoßen?

Arnaud Des Pallières: Als ich Film studierte, erzählte mir ein Freund von dem Text. Er wusste, dass ich eine Leidenschaft für Kafka hegte, und er sagte mir: "Du weißt doch, dass es dieses Buch von Kleist war, das Kafka dazu antrieb, Romane zu schreiben." Ich habe es also gelesen, und offen gestanden, es war einer der größten Schocks in meinem Dasein als Leser.

STANDARD: Warum?

Des Pallières: Ich bin ein gefräßiger Leser, aber etwas so Rasendes hatte ich noch nie gelesen. Ich spürte, dass etwas Mächtiges in dieser Novelle steckte. Damals glaubte ich, noch nicht reif zu sein, habe die Geschichte aber in meinem Herz und meinem Gedächtnis behalten. Einzelheiten habe ich vergessen, aber ein, zwei starke Bilder sind mir geblieben. Und vor fünf Jahren ist in meinem Privatleben etwas geschehen, was ich als Ungerechtigkeit wahrgenommen habe. Etwas musste ich mit diesem Gefühl anfangen, das mich vergiftete. Also habe ich Michael Kohlhaas wieder gelesen und begonnen, das Drehbuch zu schreiben.

STANDARD: Was waren das für Bilder, die Ihnen blieben?

Des Pallières: Am wichtigsten ist der Augenblick, wenn Kohlhaas auf dem Höhepunkt seiner militärischen Macht ist und im Begriff steht, eine Schlacht zu entfesseln, aus der er vermutlich siegreich hervorgehen wird. Da erhält er die Nachricht, dass seine Klage wieder angehört wird, und trifft die für die Leser wie für seine Männer überraschende Entscheidung, seine Armee aufzulösen, nach Hause zu gehen und den Gang der Klage abzuwarten. Eine außerordentliche Geschichte: Da ist einer kurz davor, die Macht in den Händen zu halten, und gibt sie auf, aus Rechtschaffenheit. Dadurch wird Kohlhaas zur legendären Figur.

STANDARD: Die Novelle ist im 16. Jahrhundert angesiedelt. Kleist hat sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben, Deutschland setzte sich aus Kleinstaaten zusammen. Ihr Film ist im 21. Jahrhundert entstanden. Wie gehen Sie mit den drei Zeitebenen um?

Des Pallières: Ich vereinfache. Und das bedeutet in diesem Fall: Es gibt nur eine Zeitebene, die Gegenwart des 16. Jahrhunderts. Die Arbeit der "Mise en scène" besteht darin, die Epoche so zur Anschauung zu bringen, dass sie der Zuschauer als gegenwärtig wahrnimmt, obwohl sie nicht die unsere ist. Die Epoche als solche soll so alltäglich und unaufdringlich sein, wie es geht. Das heißt: Man darf nicht betonen, dass es sich um die Vergangenheit handelt, man muss sich zurückhalten, wenn es um Kostüme und Requisiten geht. Und wo immer das möglich war, habe ich in der freien Natur gedreht.

STANDARD: In "Michael Kohlhaas" ist Kleists Sprache zerhackt, sie hat aber zugleich einen mächtigen Vorwärtsdrang. Haben Sie versucht, dem Tribut zu zollen, etwa in der Montage oder in der Wahl von Bildausschnitten?

Des Pallières: Ursprünglich sollte Hanns Zischler den Gouverneur spielen. Ich schätze seine intellektuellen Fähigkeiten. Ich fragte ihn: "Magst du etwas zum Drehbuch sagen, schließlich kennst du den Text?" Ich bin ja alles andere als ein Experte, ich lese nicht auf Deutsch, eigentlich kenne ich Kleists Sprache nicht. Und Hanns mochte das Drehbuch, aber er fand es etwas zu flüssig. Bei Kleist gibt es Brüche, Gewalt, Raserei. Und er sagte mir zum Beispiel: "Der Besuch der Prinzessin ... Sie kommt an, das geht sehr schnell, zack, sie bricht wieder auf."

STANDARD: Was ist denn mit Hanns Zischler passiert? Den Gouverneur spielt jetzt Bruno Ganz.

Des Pallières: Hanns hatte Probleme mit dem Rücken und durfte nicht reiten, sodass er die Rolle nicht spielen konnte und wir Bruno Ganz gefragt haben. Aber während des Drehs habe ich mich noch oft an das Gespräch mit ihm erinnert. Und als es um die Montage ging, wollte ich sie elektrisch aufladen. Ich liebe mit der Axt geschlagene Ellipsen, Jump-Cuts, Kontraste aus sehr nahen und sehr weiten Einstellungen, aus kurzen und lang dauernden Einstellungen. Und ich tat es guten Gewissens, da ich mich durch das, was Hanns mir gesagt hatte, berechtigt fühlte.

STANDARD: Auch was Licht und Schatten angeht, sind die Kontraste stark. In der Schlachtfeldszene zum Beispiel, einer Panoramatotalen, sieht man die Schatten der Wolken auf den Reitern. War das geplant?

Des Pallières: Wir wollten offen sein für alle möglichen meteorologischen Vorkommnisse, für gleißende Sonne, heftigen Wind, Nebel. Denn wir dachten uns, dass sie wichtige Akteure im Film sein würden. Selbstverständlich lassen sich die Elemente nicht kontrollieren. Und an dem Tag, an dem wir die Schlacht gedreht haben, war allen sehr kalt, alle litten, der Wind tat uns weh, so eisig war er. Wir konnten nur zwei Takes drehen, danach kam der Pferdetrainer zu mir und sagte: "Arnaud, hör auf, ein Pferd ist kurz davor zu sterben, so sehr hat es sich verkühlt, ich muss mich darum kümmern." Das war eine Katastrophe. Aber auf den zwei Takes, die wir hatten, gab es diesen Effekt, dieses Wunder, den Schatten der Wolken, wie eine Sonnenfinsternis, die über den Reitern die Nacht hereinbrechen ließ.

STANDARD: Was sind das für Pferde? Sie sind prächtig.

Des Pallières: Sie gehören alle einem Pferdetrainer, Frédéric Sanabra, er macht Shows mit Pferden und kümmert sich um alles, was mit Pferdestunts zu tun hat. Er hat eine Leidenschaft für eine bestimmte Rasse, spanische Pferde, das sind die, die man auf Velázquez' Gemälden sieht. Sie sind ungemein fotogen, und sie wecken eine ganze Vorstellungswelt. Wir haben eine Art Pferde-Casting gemacht: Welches Pferd passt zu welcher Figur? Denn die vollständige Figur, die setzte sich ja aus Mann und Pferd zusammen. Zum Beispiel das Pferd von Mads Mikkelsen: Es war das schönste, das Pferd des Prinzen. Aber es war auch sehr schwer zu reiten. (Cristina Nord, DER STANDARD, 31.10./1.11.2013)

  • 1.11., Gartenbau, 20.30
  • 2.11., Urania, 11.00
  • Mads Mikkelsen, Weltstar aus Dänemark, verkörpert den Titelhelden Michael Kohlhaas, Mélusine Mayance dessen Tochter. 
    foto: viennale

    Mads Mikkelsen, Weltstar aus Dänemark, verkörpert den Titelhelden Michael Kohlhaas, Mélusine Mayance dessen Tochter. 

  • Arnaud des Pallières (51) stammt aus Paris und ist Schauspieler und Regisseur (u.a. "Parc", 2008).
    foto: epa/ian langsdon

    Arnaud des Pallières (51) stammt aus Paris und ist Schauspieler und Regisseur (u.a. "Parc", 2008).

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