Magnum ist nicht nur ein Club alter Männer

30. Oktober 2013, 18:02
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Das biennale "Fotofestival Mannheim" bespielt acht Ausstellungsorte: Kuratorin Andréa Holzherr entschied sich zu einem ausschließlich Magnum-Fotografen gewidmeten Programm

Eine Installation aus 84 Fotografien, alle an die Wand tapeziert, über und nebeneinander. Es ist ein wahres Mosaik der Gewalt, des Konflikts und der Hoffnungslosigkeit, denn in der Bilderflut sehen wir nahezu immer das Gleiche: bärtige Männer mit Turbanen, Maschinengewehren und Munitionsgürteln über den Schultern, Wüste und Berge, Mündungsfeuer, fliehende Menschen. Es ist die traurige Chronik der bewaffneten Konflikte in Afghanistan, einem Land, das nicht zur Ruhe kommt.

Wir sehr sich dieser Konflikt in die Seele des Landes eingebrannt hat, kann man als Europäer vielleicht am besten nachvollziehen, wenn man sich die Teppiche anschaut, die in der Kunsthalle Heidelberg vor den Bildern ausgebreitet wurden. Es sind sogenannte War Rugs, also Kriegsteppiche, hergestellt in traditioneller Weise, aber mit Motiven wie Panzern, Kampfflugzeugen, Soldaten und Kalaschnikows. Nach dem 11. September kam ein weiteres Sujet hinzu: zwei Flugzeuge, die in die Twin Towers fliegen.

Die mächtige, düstere Wandinstallation im Heidelberger Kunstverein ist Teil des fünften Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg. Als Biennale angelegt, lädt der Verein bei jeder Ausgabe einen anderen Kurator ein: 2013 wurde Andréa Holzherr gewonnen, seit 2003 Ausstellungsmanagerin für die Pariser Niederlassung der Fotografenkooperative Magnum. Nun klingt Magnum auf der einen Seite zwar nach großen Fotografenlegenden wie René Burri, Henri Cartier-Bresson, Elliott Erwitt und Herbert List, auf der anderen Seite aber auch ein wenig nach einem Club alter Männer und inhaltlicher Einfallslosigkeit getreu dem Motto: "Nehmen wir halt Magnum, denn damit kann man nichts falsch machen."

Acht Orte in drei Städten

Das Fotofestival lehrt uns, dass diese Bedenken grundlos sind, denn Andréa Holzherr hat es sich nicht leicht gemacht und präsentiert keineswegs nur ein "Best-of". Ausgangsbasis ihres Konzeptes ist die außergewöhnliche Positionierung des Festivals, das sich auf acht Orte in drei Städten und zwei deutsche Bundesländer verteilt: Grenzgänge. Magnum: Trans-Territories lautet deshalb der Titel, der mit historischen, alltäglichen, politischen und geografischen Territorien und Grenzen konfrontiert. Die Ausstellungen beschäftigen sich also mit der Verteidigung, der Öffnung, der Überschreitung und mit dem Ineinandergreifen verschiedener Bereiche. Die Heidelberger Afghanistan-Wand gehört dabei zu den umkämpften Territorien, dem "Battleground".

In der Sammlung Prinzhorn, untergebracht in der Psychiatrie der Uniklinik, ist das Thema hingegen das Eingesperrtsein. Äußerst eindrucksvoll und beklemmend gelingt dies gleich zu Beginn Chien-Chi Chang, der im Lung-Fa-Tang-Tempel in Taiwan 700 psychisch kranke Patienten porträtiert hat - und zwar paarweise, denn zu den Besonderheiten des Ortes zählt, dass man aus "therapeutischen" Zwecken immer zwei Patienten aneinander gekettet hat, die den Alltag entsprechend miteinander verbringen mussten.

Neben zahlreichen weiteren Fotografien aus Kinderheimen, Psychiatrien und Gefängnissen wird dort der begehbare Nachbau der Gefängniszelle von Julius Klingebiel aus den 1950er-Jahren gezeigt. Zwölf Jahre lang war er im "Verwahrungshaus" in Göttingen eingesperrt; seine 9,25 Quadratmeter große Zelle hat er komplett mit Landschaften, Tieren, Figuren, Wappen und Symbolen ausgemalt. Die Zelle steht heute unter Denkmalschutz.

Mit der Migration einer ganzen Nation und ihren Folgen beschäftigt sich Liu Jie in der Halle 02 in Heidelberg. Der Chinese hat 2012 das Human Rights Fellowship der Magnum Foundation erhalten. Seine Arbeit zeigt Familienporträts der ländlichen Bevölkerung - allerdings sind die Abgebildeten umgeben von leeren Stühlen. Jeder Stuhl steht dabei für eine Person, die die Familie verlassen musste, um in den Millionenstädten auf Arbeitssuche zu gehen. Für den zweiten Teil der Serie reiste Jie in die Städte und porträtierte die vom Land zugereisten Migranten an ihren Arbeitsplätzen. Neben diese stellt er allerdings beinahe lebensgroße Fotobildnisse von den zurückgelassenen Familienmitgliedern.

Highlights und Tiefpunkte

Auf keinen Fall verpassen sollte man die Schau No Place like Home / Zuhause im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Es geht um das Territorium der eigenen vier Wände, das von Martin Parr, Wayne Miller, Elliott Erwitt, Thomas Hoepker und anderen in einmal humorvollen, einmal eher düsteren Serien beleuchtet wird. Ebenfalls vertreten ist Alec Soth, eine Art Shootingstar der Fotografenszene - allerdings nicht mit seinen Fotografien, sondern mit dem einstündigen Film Somewhere to Disappear über die Arbeit an seinem Projekt Broken Manual, für das er Aussteiger in den USA fotografiert hat.

Aber es gibt auch weniger gelungene Ausstellungen beim fünften Fotofestival. Die Vier-Kanal-Videoinstallation im Kunstverein Ludwigshafen über Jugendkulturen der vergangenen Jahrzehnte lässt meist kalt, was weniger an den Bildern, sondern der ständig abgehackten Musikuntermalung liegt.

Richtig nach hinten losgegangen ist allerdings nur die Ausstellung im Mannheimer Zephyr, in dem die Deutschlandreisen von Olivia Arthur, Paolo Pellegrin, Moises Saman und Peter van Agtmael gezeigt werden. Zwar gehört es zum Konzept, dass die Fotografen auch ihr Ausschussmaterial an die Wände pinnen und lediglich zehn Lieblingsbilder in weiße Rahmen stecken - doch erstens wird dies nicht kommuniziert und zweitens bringen 360 schlechte Bilder einfach keinen Mehrwert. (Damian Zimmermann aus Mannheim, DER STANDARD, 31.10./1.11.2013)

  • Christopher Anderson: "USA. Brooklyn, NY" (2009).
    foto: christopher anderson / magnum photos

    Christopher Anderson: "USA. Brooklyn, NY" (2009).

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