Mildere Winter als Nachteil für heimische Pflanzen

2. November 2013, 14:32
2 Postings

Viele Arten brauchen im Winter einen ausgedehnten "Kälteschlaf", zeigen Versuche in der Klimakammer

München/Wien - Wie sich mit dem Klimawandel zu erwartende mildere Winter auf die Pflanzen auswirken, hat ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) an Hand von 36 verschiedenen Baum- und Straucharten untersucht. Das Ergebnis: Je kälter der Winter ist, desto früher fangen heimische Pflanzen wieder zu wachsen an. Mit milderen Wintern hätten sie aber den Nachteil des späteren Austreibens, schreiben die Forscher und Forscherinnen im Journal "Global Change Biology".

Untersuchungen in der Klimakammer mit überraschendem Ergebnis

Bei den Experimenten in der Klimakammer kamen etwa 30 Zentimeter lange Zweige von Baum- und Straucharten aus unterschiedlichen Klimaregionen zum Einsatz. Jeweils sechs Wochen lang dauerten die Experimente, bei denen die Zweige unterschiedlichen Wärme- und Lichtbedingungen ausgesetzt waren. Die Untersuchungen lieferten ein überraschendes Ergebnis, wie Julia Laube vom Fachbereich Ökoklimatologie erklärte: "Anders als bisher angenommen, spielt die zunehmende Tageslänge im Frühjahr für den Zeitpunkt des Knospens keine große Rolle: Damit die Pflanzen im Frühjahr rechtzeitig aufwachen, ist ein ausgedehnter 'Kälteschlaf' im Winter wichtig."

Mit der Kälteruhe schützen sich Arten wie Buche oder Eiche vor dem Erfrieren. Am stärksten wirkte sich dieser Kälte-Effekt bei der Buche, der Hainbuche und dem nordamerikanischen Zuckerahorn aus: Sie trieben bei verkürzten Kälteperioden wesentlich später aus. Dagegen erwiesen sich der Flieder, der Haselstrauch und die Birke als weniger kälteabhängig. Auch Arten wie die Robinie oder die Walnuss, die aus wärmeren Klimazonen eingewandert sind, verhielten sich anders: "Diese Bäume riskieren im Frühjahr einen früheren Start, weil sie weniger stark auf die Kälteperiode angewiesen sind und zudem bei steigenden Temperaturen schneller austreiben", so Laube.

Folgen für das Ökosystem

Das hat Folgen für das Ökosystem der Wälder, führen die Forscherinnen und Forscher aus: Nach milden Wintern steigt für die heimischen Arten das Risiko, ihre Blätter zu spät auszubilden. Damit gelangt auch mehr Tageslicht auf den Waldboden, was niederwachsende Strauch- und invasive Baumarten begünstigt. Sie treiben früher aus – zum Nachteil für heimische Arten: Jungen, noch niedrigen Bäumen fehlt dann das Licht zum Wachsen. "Die unterschiedlichen Wachstumsmuster werden sich auf die gesamte Tier- und Pflanzenwelt auswirken; gerade die heimischen Baumarten in unseren Forsten können sich dem Klimawandel nur begrenzt anpassen", sagte Annette Menzel, Leiterin des Fachgebiets Ökoklimatologie.

So könnten wärmere Winter die übliche Reihenfolge der Laubentfaltung völlig durcheinanderbringen, führte Menzel weiter aus: "Viele der heute in Mitteleuropa ansässigen Kulturarten stammen ursprünglich aus wärmeren Klimazonen. Sie könnten mangels ausreichendem Erfrierungsschutz Opfer ihrer zu flexiblen Anpassung werden – und bei Spätfrost im Frühjahr erfrieren." (red, derStandard.at, 2.11.2013)

  • Wie reagieren Pflanzen auf wärmere Winter? Die Forschungsgruppe untersuchte Zweige unterschiedlicher Baum- und Straucharten in der Klimakammer.
    foto: j. laube/tum

    Wie reagieren Pflanzen auf wärmere Winter? Die Forschungsgruppe untersuchte Zweige unterschiedlicher Baum- und Straucharten in der Klimakammer.

Share if you care.