"Die Meinungsfreiheit steht auf dem Spiel"

Interview31. Oktober 2013, 17:00
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"Wir versuchen neue Arten des Widerstands": Ein Gespräch mit dem südkoreanischen Autor Son Hongguy, der als Generalsekretär des koreanischen Schriftstellerbundes wegen eines Zeitungsinserats nebst Gedicht zu einer Geldstrafe verurteilt wurde

STANDARD: Herr Son, wie kam es zu Ihrer Verurteilung?

Son Hongguy: Im Dezember 2012, drei Tage vor den Präsidentenwahlen, haben ich und 137 andere südkoreanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine ganzseitige Zeitungsanzeige geschaltet, um vor einem Rückschritt in die Vergangenheit zu warnen. Wir spielten auf den Umstand an, dass die Kandidatin der konservativen Partei, Park Geun-hye, die Tochter des früheren Militärdiktators Park Chung-hee ist, der Südkorea von 1961 bis 1979 brutal regierte.

STANDARD: Also keine Wahlwerbung, sondern ein Appell, mehr Demokratie zu wagen?

Son: Gewissermaßen. Die meisten von uns sind keine Aktivisten oder politisiert im engeren Sinn. Für viele war es sogar das erste Mal in ihrem Leben, dass sie ihre Meinung derart öffentlich kundtaten. Wir sind auch nicht unbedingt einer Meinung, sondern unterstützen alle möglichen Kandidaten oder Parteien. Aber wir alle wollten einen Machtwechsel, eine Veränderung der politischen Kultur, hin zu einer Regierung, die die Sorgen der Menschen ernst nimmt.

STANDARD: Nun hat drei Tage nach Ihrer Anzeige die Diktatorentochter Park Geun-hye die Wahlen gewonnen.

Son: Ja, Park Geun-hye gewann die Wahlen knapp, und bald darauf kam die Retourkutsche: Ich wurde angezeigt, vernommen und angeklagt - mit der Beschuldigung, unser Inserat sei eine Beleidigung der Präsidentin gewesen. Dabei haben die Staatsanwälte sich auf mich eingeschossen, einfach weil ich als Sekretär des koreanischen Schriftstellerbundes die Anzeige unter meinem Namen in Auftrag gegeben hatte.

STANDARD: Wie haben die anderen beteiligten Schriftsteller reagiert?

Son: Die Unterzeichner unseres Aufrufs beschlossen: Wenn unsere Anzeige ein Verstoß gegen das Gesetz ist, dann sind wir alle Verbrecher. Es war uns klar, dass die Meinungsfreiheit auf dem Spiel steht und dass an mir ein Exempel statuiert werden sollte. Dann dachten wir, der Staatsanwalt würde die Anklage fallenlassen, wegen des Medienechos und weil wir für eine Weile nichts mehr von ihnen hörten. Wir wollten den Fall vor ein Schöffengericht bringen und eine Jury urteilen lassen, ob der Vorfall tatsächlich gegen das Gesetz verstoßen hatte oder nicht.

STANDARD: Dies sollte sich allerdings als Fehler herausstellen, nicht wahr?

Son: Ja, im August dieses Jahres wurde ich von einem Laiengericht für schuldig befunden, gegen das Gesetz zur Abhaltung fairer Wahlen verstoßen zu haben, und zu einer Geldstrafe von einer Million Won verurteilt worden (umgerechnet ungefähr 700 Euro, Anm.).

STANDARD: Eine juristische oder politische Entscheidung?

Son: Das Gesetz sagt, dass in traditionellen Medien keine Werbung für bestimmte Kandidaten oder bestimmte Parteien geschaltet werden kann. Weil unsere Stellungnahme vor einer Rückkehr in die Vergangenheit warnte, hat uns das Laiengericht verurteilt, als hätten wir eine bestimmte Partei unterstützt. Dabei ist klar: Sie haben das Gesetz benutzt, um an uns ein Exempel zu statuieren. Es war eine politische Entscheidung. Und während ich für eine poetische Zeitungsanzeige verurteilt wurde, hat der koreanische Geheimdienst tatsächlich massiv und illegal in die Wahlen eingegriffen.

STANDARD: Sie spielen auf die Anschuldigungen an, der koreanische Geheimdienst habe im Wahlkampf mit einer Cybereinheit massiv Gerüchte gegen den Oppositionskandidaten gestreut, derentwegen der Geheimdienstchef seitdem seinen Hut nehmen musste. Hat dies eine neue Qualität, oder ist es einfach eine Fortsetzung vergangener Praktiken?

Son: Die Repression war natürlich viel schlimmer unter der Diktatur, als gefoltert wurde und Leute verschwanden oder erschossen wurden. Seit der Demokratisierung in den 1980ern werden aber immer wieder Gesetze missbraucht, um Oppositionelle oder Kritiker mundtot zu machen. Präsidentin Park Geun-hye steht am Beginn ihrer Amtszeit, und wir können noch kein Urteil abgeben, ob dies eine Fortsetzung des Gleichen ist oder ob die Lage sich verschärft. Sicher, wir hören wieder öfter, wenn wir einen Missstand aufzeigen: Wenn es euch hier nicht gefällt, geht doch nach drüben, also nach Nordkorea.

STANDARD: Wie hat sich der Vorfall auf Ihr Schreiben ausgewirkt?

Son: Wenn dieser eine Vorfall mein Schreiben verändern könnte, dann wäre ich kein Schriftsteller. Aber er hat mich zum Nachdenken gebracht, über die Funktion und Wirksamkeit von Literatur. Ich war eine Weile ziemlich bedrückt, dass sogar ein Laiengericht mich verurteilt hatte. Aber diese Depression ist wie eine Art der Verdauung, in mir drin, und eines Tages wird sie sich durchs Schreiben wieder einen Weg heraus bahnen (lacht). Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, wenn Sie die Antwort erwartet hatten, dass dieser Vorfall mein Schreiben und mein Leben verändert hat.

STANDARD: Wie verbinden Sie eigentlich die Arbeit im Schriftstellerbund mit Ihrem Schreiben?

Son: Ich bin sehr faul im Büro, das ist gut fürs Schreiben. (lacht) Dieser ganze Vorfall hat uns, als politisch aktive Schriftsteller, niedergeschlagen und verstreut, aber wir werden weitermachen und gestärkt daraus hervorgehen. Wir werden als Schriftsteller versuchen, neue Arten des Widerstandes hervorzubringen. Zum Beispiel wollen wir die Einrichtung eines amerikanischen Marinestützpunkts auf der Insel Jeju verhindern, die von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde - mit neuen Mitteln des Widerstandes, mehr als nur Demonstrationen: Wir bauen dort am Ort der Proteste Bibliotheken auf. (Pepe Egger, DER STANDARD, 31.10.2013)

Son Hongguy leitet den südkoreanischen Schriftstellerverband. Südkoreas jüngere Literatur zeichnet sich durch einen "kosmopolitischen" Zugang aus - sie behandelt eher allgemeine Themen der Industriegesellschaft.

  • Autor Son Hongguy warnte vor den Gespenstern der südkoreanischen Vergangenheit - und wurde prompt zum Justizfall in Seoul. Kritik wird mit der Aufforderung erstickt, man solle doch lieber gleich nach Nordkorea auswandern.
    foto: egger

    Autor Son Hongguy warnte vor den Gespenstern der südkoreanischen Vergangenheit - und wurde prompt zum Justizfall in Seoul. Kritik wird mit der Aufforderung erstickt, man solle doch lieber gleich nach Nordkorea auswandern.

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