Leinwände in fragiler Balance

30. Oktober 2013, 17:50
1 Posting

Ausgewählt von Lina Dzuverovic, befragt die russische Künstlerin Yelena Popova in der Galerie Knoll das Entfaltungspotenzial gegenwärtiger Malerei - Eine Ausstellung im Rahmen von "curated by"

Wien - Die Räume der Galerie Knoll wirken so, als hätte man sie leicht durcheinandergeschüttelt: Die vielen zum Teil klein-, aber auch großformatigen Bilder von Yelena Popova hängen kreuz und quer an der Wand und halten sich nur noch gegenseitig vom Herabfallen ab. So scheint es zumindest.

Die vormals "russische Hängung" hat die 1978 in Osjorsk im Ural geborene Künstlerin natürlich sehr präzise aus der Balance gebracht: Zwischen den Bildern stützen etwa auch Tischbeine oder Sessellehnen die Installation, die sich trotzdem wie ein höchst fragiles Gebilde ausnimmt.

Neben diesem überraschend gut funktionierenden Bruch mit der Hängung macht die in Nottingham lebende Künstlerin, aber auch mit der Wahl der Motive deutlich, dass sie die aktuellen Möglichkeiten der Malerei hinsichtlich ihrer Geschichte befragt: Trotz deutlicher Reduktion der Mittel sind es etwa die Formen des Konstruktivismus, die in ihren Arbeiten wie langsam verblassende Erinnerungen durchscheinen.

Yelena Popova ist daneben aber freilich auch an der Anbindung an das Hier und Jetzt interessiert: Davon erzählen einmal die gewählten Farbpigmente, mit denen sie sich auf ganz spezifische Orte bezieht; dazu gehört aber ebenso ihr Interesse am Digitalen, welches sie beim Malen bewusst reflektiert: So versucht sie etwa mit schwungvoller Linienführung an die Geste des Streichens über Touchscreens zu erinnern. Der köperlose, beinahe immaterielle Farbauftrag reagiert hingegen auf die Flächigkeit des Computerbilds.

Popovas Verweben von Geschichte(n), Texturen und Materialien ist nicht nur ihre sehenswerte Wandinstallation zu verdanken. Auch ihr Video Unnamed (2011), angelegt zwischen künstlerischem Experimentalfilm und essayistischer Dokumentation, ist ähnlich aufgebaut: Es ist eine ebenso persönliche wie atmosphärische Montage vorgefundener und eigens aufgenommener Bilder, mit denen sie auf sehr eindrückliche Weise die Geschichte russischer Nuklearmachenschaften inklusive der Tschernobyl-Katastrophe erzählt. Popova selbst verbrachte ihre Kindheit in einer der "geschlossenen" Städte (Osjorsk trug einst nur den Codenamen Tscheljabinsk-40), in der sich 1957 ein schwerer Nuklearunfall ereignet hatte. (Christa Benzer, DER STANDARD, 31.10./1.11.2013)

Bis 23. 11., Knoll Galerie Wien, Gumpendorfer Straße 18, 1060 Wien

  • Mögliche Antwort auf die Frage "Why Painting Now?", dem diesjährigen Motto des Galerienprojekts "curated by": Wandinstallation von Yelena Popova in der Galerie Knoll.
    foto: knoll galerie

    Mögliche Antwort auf die Frage "Why Painting Now?", dem diesjährigen Motto des Galerienprojekts "curated by": Wandinstallation von Yelena Popova in der Galerie Knoll.

Share if you care.