Glockenhosen und grüne Haare gegen Gleichmacherei

30. Oktober 2013, 13:59
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Bunte Haare, kurze Röcke, Baggypants - nun wird auch die Jogginghose nicht mehr gerne in Schulen gesehen

Wien - Wer hätte gedacht, dass so ein langweiliges und unglamouröses Kleidungsstück wie die Jogginghose so einen Wirbel verursachen kann? Kurz vor Schulanfang ließ die Direktorin einer Innsbrucker Handelsakademie verlauten, dass die gemütlichen Hosen auf der Couch bleiben sollen. Was folgte, waren ein großes Medienecho und Debatten über Kleidervorschriften an Schulen. In den letzten Jahren ließen nämlich mehrere Schulen in Österreich Dresscodes einführen.

Die Frage, was man in der Schule tragen kann und was nicht, ist nicht neu. Schon Großeltern und Eltern trotzten teilweise den Standards - trugen zu lange Haare, Löcher in den Hosen oder zu kurze Röcke. "Rebelliert wurde damals mittels extremer Glockenhosen und langer Haare. Bei mir hat das nur gemäßigt stattgefunden, weil extreme Glockenhosen im Schlussverkauf nie zu finden waren, und die Haare reichten nur über die Ohren - für länger waren sie zu dünn", erinnert sich der Kabarettist Josef Hader an die Schulzeit in den Siebzigern.

Was damals schockte, ist heute schon beinahe langweilig - für viele kaum vorstellbar, dass lange Haare einst für Aufsehen sorgten. Geblieben ist über die Jahre aber die Einstellung unter Jugendlichen, sich nichts vorschreiben zu lassen, für Individualität und gegen Vereinheitlichung einzutreten. Lehrer oder Eltern rechtfertigen ihre Ablehnung gegenüber auffälliger Kleidung heute anders als früher, wie Jugendforscher Philipp Ikrath sagt: "Heute ist im Gegensatz zu früher - auch an Gymnasien - die Berufsorientierung vorrangig. Früher hätte man gesagt, es gehöre sich nicht, eine Jogginghose in der Schule zu tragen - aufgrund von Höflichkeit oder weil es ungepflegt wirken könnte. Heute geht es darum, dass man solche Kleidung im Berufsleben auch nicht tragen könnte."

Regeln unerwünscht

Den meisten Schülern ist bewusst, dass man keine Jogginghosen zu Vorstellungsgesprächen trägt - wie etwa Caro Seda erzählt. Sie besucht eine katholische Privatschule, an der es zwar keine Uniform, aber gewisse Bekleidungsvorschriften gibt. Keine zu dünnen Träger, zu kurze Röcke und zu auffällige Haarfarben will man hier sehen. "Wir finden die Regeln ehrlich gesagt blöd. Uns ist klar, dass man so nicht zur Arbeit gehen kann. In der Schule würden wir aber gerne noch das tragen, was wir wollen", fasst die 15-Jährige die Meinung vieler Mitschüler zusammen.

Auch der Benimm-Experte Thomas Schäfer-Elmayer gesteht den Schülern gewisse Freiheiten zu: "Bei uns in der Tanzschule ist es kein Problem, wenn jemand grüne Haare hat. Man soll auch Freiheiten haben und Dinge ausprobieren." Er selber erinnert sich an keine gröberen Vorfälle während seiner Schulzeit Ende der Fünfziger. "Das Wichtigste war, dass man sauber ist."

Uniform nicht in Sicht

Kontakt mit Schuluniformen haben viele Jugendliche während eines Auslandssemesters. Marie Krügerl (17) verbrachte zwei Semester in Costa Rica: "Wir waren alle in Hellblau gekleidet. Anfangs fand ich es langweilig, aber ich musste mir nie mehr den Kopf über mein Outfit zerbrechen." Sie hebt außerdem den sozialen Effekt hervor: "Für ärmere Familien war das eine willkommene Lösung, und es kam nicht zu Mobbing." Auch Bundesschulsprecherin Angi Groß merkt an, dass materielle Unterschiede durch Uniformen kaschiert werden können. Ikrath und Schäfer-Elmayer sind sich hingegen sicher, dass dann andere Wege zur Abgrenzung gefunden werden - "dann zählen eben Schultaschen oder Handys" , sagt Ikrath. Obwohl die Freiheit, was das Aussehen betrifft, manchmal eingeschränkt wird, ist aber keine Kehrtwende zur Uniform erkennbar. Das freut die meisten Schüler: "Ich war dann doch wieder froh, die blauen Hemden gegen Kapuzenpullis und Lieblingsshirts tauschen zu können", sagt Marie. (Nadine Dimmel, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Auch die Jogginghose nicht mehr gerne in Schulen gesehen. Wurden Dresscodes früher mit Anstand und Moral gerechtfertigt, dient heute die Berufsvorbereitung als Grund für Regeln. Bei Schülern bleiben diese unbeliebt.
    illustration: fatih aydogdu

    Auch die Jogginghose nicht mehr gerne in Schulen gesehen. Wurden Dresscodes früher mit Anstand und Moral gerechtfertigt, dient heute die Berufsvorbereitung als Grund für Regeln. Bei Schülern bleiben diese unbeliebt.

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