Namen und Karriere: König herrscht über Koch

Interview31. Oktober 2013, 05:30
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Mit einem noblen Namen wie Kaiser, König oder Fürst lässt es sich leichter Karriere machen - das behauptet eine Studie

Personen, deren Nachnamen royal klingen, haben offenbar bessere Chancen auf eine Management-Position. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich publizierte Studie. Unter die Lupe genommen wurden fast 223.000 Profile auf dem Karrierenetzwerk Xing. Um wie viel höher die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ist, dass ein Herr Kaiser einen Herrn Koch abhängt, und welche psychologischen Mechanismen hier im Spiel sind, erklärt Studienleiter Raphael Silberzahn im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Plakativ gesagt: König schlägt Bauer. Hat ein Andreas König bessere Chancen, zur Führungskraft zu avancieren, als ein Andreas Bauer?

Silberzahn: Nun ja, wir zeigen in unserer Studie, dass ein höherer Anteil von Leuten mit adelig klingenden Namen als Führungskraft arbeitet. Aber natürlich spielen andere Faktoren eine größere Rolle.

derStandard.at: Welche Faktoren sind noch im Spiel?

Silberzahn: Beispielsweise sind Gewissenhaftigkeit und Intelligenz solche Faktoren. Plakativ gesagt wird auch ein Herr Herzog nicht zur Führungskraft befördert werden, wenn er nicht die geforderte Arbeitsleistung bringt.

derStandard.at: Um wie viel höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Leute mit adelig klingenden Namen als Führungskräfte arbeiten?

Silberzahn: Der Einfluss eines Namens mit hohem Status liegt in unseren Daten bei etwas mehr als zehn Prozent. Das heißt, dass andere Faktoren eine weitaus größere Rolle spielen. Bei gleicher Leistung können jedoch zehn Prozent schon einen Unterschied machen.

derStandard.at: Zum Untersuchungsdesgin: Welche Namen wurden nach welchen Kriterien analysiert?

Silberzahn: Uns war es wichtig, nicht irgendwelche Namen herauszupicken. Zuerst haben wir geschaut, welche Adelstitel es gab, das waren 16. Bei jedem dieser Titel haben wir überprüft, ob er im deutschsprachigen Raum auch als Nachname vorkommt, das war bei elf der Fall. Und Namen in dieser Gruppe haben wir als adelig klingende Namen betrachtet. Für jeden Namen haben wir analysiert, wie viele Leute beim Karriereportal Xing in der Kategorie "Angestellte" zu finden sind und wie viele in der Kategorie "Führungskraft" der Privatwirtschaft arbeiten. Um diese Gruppe mit einer Vergleichsgruppe von Namen vergleichen zu können, haben wir die hundert häufigsten deutschen Namen als Grundlage genommen.

derStandard.at: Welche Namen sind die "besten"? Wirklich alle, die "adeliger" klingen, also die man mit Macht und Herrschaft assoziiert?

Silberzahn: Da sind wir vorsichtig. Uns geht es weniger darum, einzelne Namen herauszufiltern, sondern eher um den generellen Unterschied zwischen der Gruppe von Namen mit hohem Status und dem Gesamtdurchschnitt. Bei einzelnen Namen neigt man leicht zu Überinterpretationen, welche möglicherweise mehr auf Zufall als auf einem realen Unterschied basieren.

derStandard.at: Laut Ihrer Studie schneiden Namen, die einen noch aktuellen Beruf bezeichnen - wie Bäcker, Schuster, Schneider oder Koch -, schlechter ab als jene, deren Namen als Beruf kaum noch geläufig sind – wie etwa Wagner oder Schäfer. Wie erklären Sie sich das?

Silberzahn: Bei so einer Studie ist es wichtig, eine theoretische Grundlage zu haben und somit auf anderer Forschung aufzubauen. Unsere Wahrnehmung funktioniert über Assoziationen. Je weniger häufig wir einen Beruf noch wahrnehmen, desto weniger kommt uns dieser Beruf in den Sinn, wenn wir jemanden mit entsprechendem Nachnamen kennenlernen. Nehmen Sie den Namen Schuhmacher als Beispiel. Kommt Ihnen jemand in den Sinn, der Schuhe herstellt, oder denken Sie eher an den Formel-1-Rennfahrer?

derStandard.at: Um wie viel schlechter schneiden Nachnamen mit aktuellen Berufen ab als jene, die nicht mehr geläufig sind?

Silberzahn: Bei den meisten Namen arbeiten etwa 17 von 100 Leuten im Management. Bei Leuten mit adelig klingenden Namen sind es um zwei mehr. Bei jenen, deren Namen noch am häufigsten als Beruf auftreten, ist es eine Person weniger. Dieser Effekt ist zwar geringer, er unterstreicht aber das theoretische Fundament unserer Studie.

derStandard.at: Es heißt: "Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose." Ist es mit Nachnamen ähnlich? Also: Schnellere Zuschreibung zu einer sozialen Schicht?

Silberzahn: Alle Nachnamen in unserer Untersuchung sind geläufige deutsche Namen, welche im Gegensatz zu Vornamen ja nicht von den Eltern ausgesucht, sondern eher vererbt werden. Wir konnten in unserer Studie keine ausländischen Namen testen, da es unmöglich wäre zu messen, ob Effekte von sozioökonomischen, kulturellen, sprachlichen Unterschieden kommen, oder tatsächlich vom Namen. Ich denke allerdings, dass gerade bei Leuten mit manch ausländischem Namen oft unbewusst eine Assoziation mit einer sozialen Schicht einhergeht; da könnte es dann ein Herr McAllister vom Namen her einfacher haben als ein Herr Özdemir.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich solche Diskriminierungs- bzw. Erhöhungsmechanismen?

Silberzahn: Aus der psychologischen Forschung lassen sich drei Mechanismen ableiten, sie ergänzen sich. Ein Name mit hohem Prestige kann auf andere Personen wirken, die das hohe Prestige des Namens mit der Person verknüpfen. Zweitens: Wenn eine Arbeitsleistung von einer Person kommt, deren Name hohes Prestige hat, so mag das Arbeitsergebnis besser beurteilt werden. Und drittens: Hat man selber einen Namen mit hohem Prestige, verhält man sich eher so, diesem Prestige auch entsprechen zu wollen.

derStandard.at: Basiert das auf reiner Assoziation? Also auf der Ebene des Unterbewusstseins?

Silberzahn: Ja, wir gehen davon aus, dass diese Assoziationen weitgehend unbewusst ablaufen. Gerade beim Kennenlernen ist unsere bewusste Aufmerksamkeit mit so vielen anderen Dingen beschäftigt, als uns darüber bewusst zu sein, was für Assoziationen unser Gehirn hervorbringt oder wieder verwirft.

derStandard.at: Es gibt den Torschützenkönig, das Kaiserwasser etc. Abseits von Nachnamen: Hhaben solche Assoziationsketten auch einen Einfluss auf die Beurteilung?

Silberzahn: In der Tat finden wir im Fußball den Kaiser Franz (Beckenbauer) oder den Prinz Poldi (Lukas Podolski). Was sonstige Namen anbelangt, braucht man sich nur einmal im Supermarkt umzuschauen. So ist man sich vor allem im Marketing und in der Werbung darüber bewusst, dass durch einen Produktnamen viele Assoziationen geweckt werden, beispielsweise mit einem Reinigungsmittel von "Meister Propper".

derStandard.at: Ihrer Einschätzung nach: An welcher Stelle der „Karriereleiter" setzt die Selektion ein? Bereits bei Einladungen zu Vorstellungsgesprächen oder erst später, wenn es um die Beförderung geht?

Silberzahn: Wir wissen, wie wichtig der erste Eindruck ist. Es dürfte gerade dann sein, wenn erste Assoziationen zwischen einer Person und ihrem Namen die stärkste Wirkung haben. Bei einer schriftlichen Bewerbung hat man dann leider weniger Chance zu reagieren als im direkten Gespräch.

derStandard.at: Welche Chancen haben unsere Nachnamen? Also Silberzahn und Mark?

Silberzahn: Ich denke, beides sind wenig geläufige Nachnamen. Das gibt uns eher die Möglichkeit, die Assoziationen selbst zu prägen, das ist doch auch etwas. (Oliver Mark, derStandard.at, 31.10.2013)

Hinweis

Für die Studie verantwortlich sind Raphael Silberzahn und Eric Luis Uhlmann von der Universität Cambridge, veröffentlicht wurde sie im Magazin "Psychological Science". Die beiden Forscher analysierten 223.000 Profile mit Positionen auf dem Karriere-Netzwerk Xing. In Beziehung gesetzt wurden die 100 häufigsten Nachnamen in Deutschland mit elf Nachnamen, die gleichzeitig auch Adelstitel bezeichneten.

  • Nachnamen wecken Assoziationen: Personen mit adelig klingenden Namen haben einer Studie zufolge einen Karrierevorteil.
    foto: istockphoto.com peskymonkey

    Nachnamen wecken Assoziationen: Personen mit adelig klingenden Namen haben einer Studie zufolge einen Karrierevorteil.

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