"Ein Ort, an dem man leicht umkommen kann"

31. Oktober 2013, 10:52
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Rebecca Zlotowskis "Grand Central" führt ins Milieu von Arbeitern in der Atomindustrie - Die Regisseurin über Gemeinschaft, Romantik, Lebensgefahr und Léa Seydoux

STANDARD: Ihr Film handelt von einer Gruppe Arbeiter, die in einem Atomkraftwerk an den gefährlichsten Stellen eingesetzt werden. Sie zeigen eine Gemeinschaft mit eigenem Stolz, eigenen Regeln, eigener Kultur. Ist das eine romantische Vorstellung von Arbeiterkultur?

Rebecca Zlotowski: Wir wollten nicht retro sein, die Arbeiterklasse besteht ja auch aus verschiedenen Schichten. Die Leute, die wir zeigen, sind nicht die Ärmsten der Armen, sie haben Autos, Häuser, Familien. Das sind andere Menschen, als sie etwa die Brüder Dardenne zeigen. Aber Sie haben insofern recht, als dass ich während des Drehbuchschreibens die Gemeinschaften im Kopf hatte, die Jean Renoir in Toni zeigt oder Pier Paolo Pasolini in Accatone. Das ist natürlich altmodisch, diese Welten existieren nicht mehr, aber die Gefühle sind ja die gleichen geblieben. Auch wenn ich aus der Mittelklasse stamme, fühle ich mich den Menschen, die ich in meinem Film zeige, auf jeden Fall verbunden.

STANDARD: Haben Sie bei der Recherche auch mit Hilfsarbeitern aus Atomkraftwerken gesprochen?

Zlotowski: Sicher, meine Koautorin Gaëlle Macé und ich haben sehr früh Arbeiter getroffen, die für wenig Geld in AKWs beschäftigt sind. Die Leute, die wir getroffen haben, leben im Großen und Ganzen das Leben, das man im Film sieht. Aber natürlich habe ich trotzdem stilisiert und romantisiert. Ich habe ja auch mit Schauspielern gearbeitet und nicht mit Laien. Ich mag es, meine Wörter in den Mund von Personen zu legen, die einen ganz anderen Hintergrund haben. Warum auch nicht?

STANDARD: Früher war zumindest die zivile Nutzung der Atomenergie auch positiv besetzt, ein Symbol für Fortschritt. Seit dem Aufkommen der Umweltbewegung wird Atomkraft eigentlich nur noch mit Tod assoziiert. In Ihrem Film spielt sie aber eine ambivalentere Rolle.

Zlotowski: Das Atomkraftwerk ist ein Ort, an dem man leicht umkommen kann. Darum ging es mir. Mir war es auch sehr wichtig, das AKW nicht als hoch technisierten Ort zu zeigen. Wenn man ein Atomkraftwerk betritt, ist man erst einmal geschockt, weil es geradezu archaisch aussieht, fast wie in einer überdimensionierten Waschmaschine oder einem riesigen Eierkocher. Mich interessierte die Hybris, dass wir versuchen, der Natur unseren Willen aufzuzwingen - mit der Gefahr der allergrößten Tragödie.

STANDARD: Ist die Strahlung nicht auch eine Metapher für die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren? Einmal von ihr durchdrungen, hat sie womöglich lebensgefährliche Konsequenzen.

Zlotowski: Ganz genau. Der Film basiert auf der Analogie zwischen dem, was im AKW passiert, wenn Arbeiter verstrahlt werden, und was außerhalb passiert, wenn sie sich verlieben. Eine ganz einfache Analogie, die auf ziemlich pathetische Art romantisch ist.

STANDARD: Passierte das Fukushima-Desaster, während Sie an "Grand Central" arbeiteten?

Zlotowski: Ja, als wir am Drehbuch saßen. Wir hatten dadurch plötzlich viel mehr Recherchemate- rial und Augenzeugenberichte zu AKW-Unfällen. Wir fühlten uns auch in unserer Intuition bestätigt, über das Thema zu schreiben.

STANDARD: In Ihren beiden Filmen scheint die Musik weniger, einfacher Gefühlsverstärker zu sein, als vielmehr essenziell für die Geschichte.

Zlotowski: Musik ist in der Tat sehr wichtig für mich. Bei beiden Filmen wurde sie von Rob komponiert (Robin Coudert, Keyboarder der Band Phoenix, Anm.). Bei Grand Central wollte ich, dass er mit dem Saxofonisten Colin Stetson zusammenarbeitet. Das ist ein US-amerikanischer Jazzmusiker, der die zirkuläre Atmung beim Spiel beherrscht. Er hört sich an, als würde er zehn Instrumente parallel spielen, zugleich vermittelt seine Musik den Eindruck, jemandem beim Ersticken zuzuhören. Das passt gut zur Arbeit in den abgedichteten, strahlensicheren Anzügen im AKW.

STANDARD: Außer mit Rob haben Sie in Ihren beiden Filmen auch mit Léa Seydoux zusammengearbeitet. Was schätzen Sie an ihr?

Zlotowski: Sie gibt sich völlig einer Rolle hin. Sie ist eine unglaubliche Schauspielerin, weil sie so wandelbar ist. Letztes Jahr habe ich sie in Benoît Jacquots Kostümdrama Leb wohl, meine Königin gesehen, wenig später schlüpft sie bei mir in die Rolle dieses sexy Mädchens vom Wohnwagenplatz - und man nimmt ihr beide Rollen sofort ab. Léa hat diese Gabe. (Sven von Reden, DER STANDARD, 31.10.2013)

Rebecca Zlotowski, geboren 1980, ist Absolventin der Pariser Filmhochschule La fémis. "Grand Central'" ist ihr zweiter Spielfilm.

  • 31.10., Schwarzenbergplatz, 23.00 5. 11., Gartenbau, 13.30
  • Seinen Gefühlen und der Gefahr der Strahlung ausgesetzt: AKW-Arbeiter Gary (Tahar Rahim) und seine Liebe Karole (Léa Seydoux) in "Grand Central".
    foto: viennale

    Seinen Gefühlen und der Gefahr der Strahlung ausgesetzt: AKW-Arbeiter Gary (Tahar Rahim) und seine Liebe Karole (Léa Seydoux) in "Grand Central".

  • Regisseurin Rebecca Zlotowski.
    foto: epa/langsdon

    Regisseurin Rebecca Zlotowski.

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