"Assassin's Creed 4" im Test: Wo das Meer Tod und Hoffnung bringt

Rezension31. Oktober 2013, 09:00
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Piratenepos macht Lust auf skrupellose Abenteuer, die Serie benötigt dennoch eine Generalüberholung

In der Zukunft ermöglicht ein Unternehmen namens Abstergo Zeitreisen - das Fundament für einen der aufregendsten Entertainment-Parks, die je ein Mensch erschaffen hat. Für einen jungen IT-Mitarbeiter des Konzerns öffnet die Qualitätskontrolle der Animus getauften Maschinen eine Tür zu längst vergangenen Erfahrungen. Für Spieler der Gegenwart beginnt damit die Rahmenhandlung von "Assassin's Creed 4: Black Flag" und der Einstieg in ein Piratenabenteuer, wie es sich im 18. Jahrhundert ereignet haben könnte.

In den Stiefeln des Freibeuters Edward Kenway sticht man in See, um in der Karibik nach Schätzen zu suchen. Reichtum und ein besseres Leben für ihn und seine Familie sind Grund genug, um Skrupel und Respekt vor dem Besitz anderer über Bord zu werfen. In den Gewässern rund um das lebensfrohe Havanna, das feine Kingston und die Piratenhochburg Nassau warten spanische und britische Frachter darauf, geplündert zu werden. Die dichten Dschungel beherbergen die Reichtümer der Mayas, und in den prächtigen Städten finden sich immer Opfer, die sich aufs Kreuz legen lassen.

Eigene Agenda

Die Fahrt ins schimmernde Ungewisse geht ins bisher umfangreichste und kompletteste Werk der jährlich erscheinenden Serie über. Als Pirat liegt einem sprichwörtlich die Welt zu Füßen. Mit dem Schiff, der Jackdaw, und der eigenen Crew wechselt man nahtlos von Seeschlachten zu Streifzügen am Festland und schlittert dabei in den uralten Zwist zwischen den noblen Assassinen und den dickköpfigen Templern. Doch anstatt sich gleich dem Streit über eine neue Weltordung anzuschließen, beschließt man, die Situation für seine eigene Agenda zu nutzen.

Eine gute Entscheidung, denn bevor sich der Kreis nach rund 30 Stunden Spielzeit schließt, lernt man in den rund 50 frei erkundbaren Schauplätzen kraftvoll zum Leben erweckte historische Persönlichkeiten wie Black Beard, Calico Jack oder James Kidd kennen und taucht in das Leben eines schlussendlich doch von Reue heimgesuchten Freibeuters ein. Eine düstere und brutale Geschichte mit Darstellern, die erfrischend selten Klischees erfüllen und auf Pfaden fernab dröger Disney-Nostalgie wandeln.

Ein Pirat, ein Schiff

Trotz Hang zu Wiederholungen werden Spieler mit einer Fülle spannender Herausforderungen am Steuer gehalten. Die Jackdaw stellt den Dreh- und-Angelpunkt in Kenways Karriere dar. Mit ihr entdeckt man neue Orte, verteidigt sich gegen feindliche Flotten und erbeutet wertvolle Fracht. Mit gewonnener Erfahrung lassen sich die Ausstattung verbessern, mehr Kanonen installieren und Heck und Bug verstärken. Fünf unterschiedliche Strategien gilt es zu meistern, je nachdem, ob Feinde aus der Distanz angreifen oder zum Rammen neigen. Beim Entern ist es dem persönlichen Geschmack überlassen, ob man defensiv seine Mannen vorschickt und den gegnerischen Kapitän aus der Ferne auslöscht, ob man über die Segelmasten oder das Wasser hinter die feindlichen Linien schleicht beziehungsweise taucht oder ob man selbst die Klinge schwingt.

In den Wellentälern der See Kanonensalven auszutauschen und eine Flotte zu entern, während einem der Sturm um die Ohren peitscht, ist von der Couch aus eine überaus vergnügliche Abendbeschäftigung. Das Kampfsystem wurde an Kenways Agilität angepasst. Der Piratenkapitän kann spielend zwischen der versteckten Klinge und neuen Waffen, wie vier Steinschlosspistolen und zwei Entermessern, wechseln. Um dem Freiheitsgefühl gerecht zu werden, ist der Freibeuter besser als seine Vorgänger darin, wieder unterzutauchen, sollten ihm feindliche Truppen auf den Fersen sein. Dazu nutzt man kleine, versteckte Buchten, die dicht bewachsenen Baumkronen der Dschungel oder das gesellige Straßenleben der Hauptstädte.

Wale fangen

"Freizeitaktivitäten" wie der tierschutzgerechte fiktive Walfang oder Tauchgänge nach versunkenen Juwelen bilden eine willkommene Abwechslung zu den Missionen. Abseits der Haupthandlung wird man überdies mit kleineren Nebenaufträgen gelockt und ertappt sich selbst dabei, wie man Stunden in Diebstähle und Überfälle investiert, um sich den Ausbau der Jackdaw leisten zu können. Zu Hilfe kommen einem dabei praktische Gadgets wie das modifizierte Fernglas, mit dem man am Horizont feindliche Schiffe identifiziert und gleich erkennen kann, ob sich eine Eroberung auch finanziell auszahlt. Weitere Einkommensquellen kann man etwa mit eroberten Flotten erschließen, indem man sie auf Handelsrouten schickt.

Schöne neue Welt

Viel zum Eskapismusgefühl trägt die vereinnahmende Schönheit der virtuellen Südsee bei. Es hat etwas Zen-Artiges, dem aufziehenden Gewitter am Horizont zuzusehen und von der Spitze eines Segelmasts ins türkise Nass zu köpfeln. PC-Spieler und künftige Besitzer einer PS4 oder Xbox One genießen schärfere Texturen und dynamischere Wettereffekte, keine der Fassungen für PS3, Wii U und Xbox 360 wurde jedoch um Inhalte und Funktionen beschnitten. Die geteste PS4-Ausgabe machte mit 1080p-Auflösung und einer stabilen Bildrate einen guten Eindruck. Kleine Gameplay-Anpassung: Die Landkarte, die gut und gern zum Schnellreisen und Entdecken genutzt wird, kann beim DualShock 4-Controller angenehm per Touchpad bedient werden. Ansonsten geschieht meist so viel im Bild, dass gerade die ruhigen Momente besonders in Erinnerung bleiben. Wenn man die Segel setzt und die Matrosen ihre Seefahrerlieder anstimmen, ist die turbulente Welt wieder in Ordnung.

Alte Gewohnheiten

Trotz umfassender karibischer Reize lässt sich der Bedarf nach einer grundlegenden Überarbeitung einiger Kernelemente des Spiels beim insgesamt sechsten Teil nicht mehr kaschieren. Kenway agiert zwar geschickter als seine Vorgänger, Zweikämpfe erweisen sich jedoch nach wie vor als träges Kontern absehbarer Manöver. Beim Gerangel mit mehreren Opponenten hält die Kamera nicht immer Schritt, und das Sprinten, Springen und Klettern über Stock und Stein und Häuserdächer fühlt sich weiterhin wie auf Schienen an.

Der Mehrspielermodus ist weiterhin gut für heimtückische Anschläge auf Freunde, bringt aber keine nennenswerten Neuerungen mit sich. Aufregender wäre es gewesen, Spieler gemeinsam die Kampagne erleben zu lassen.

Fazit

Bestes Zeugnis für diesen Renaissancebedarf ist allerdings der Umstand, dass alle neueren Elemente wie die Seefahrt und die Aufweichung des zunehmend aufgesetzt wirkenden Templer-Szenarios in Form eines passiveren Protagonisten und einer einfachen wie smarten Rahmenhandlung die Highlights von "Assassin's Creed 4" darstellen. Mit einem Freizeitpark als Schnittstelle zur Vergangenheit und immer ambitionierteren Destinationen ist es um die Zukunft von Abstergo jedenfalls gut bestellt. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 31.10.2013)

Video: "Assassin's Creed 4: Black Flag" 

"Assassin's Creed 4: Black Flag" ist für PS3 und Xbox 360 erschienen. Die Versionen für PC, PS4, Wii U und Xbox One erscheinen Ende November. Für den Test stellte Hersteller Ubisoft die PS4-Ausgabe und eine PS3-Fassung bereit.

  • Assassin's Creed 4: Black Flag
Von: Ubisoft
Für: PC, PS4, PS3, Wii U, Xbox 360, Xbox One 
Ab: 18 Jahren
UVP: 69 Euro
    foto: ubisoft

    Assassin's Creed 4: Black Flag

    Von: Ubisoft

    Für: PC, PS4, PS3, Wii U, Xbox 360, Xbox One 

    Ab: 18 Jahren

    UVP: 69 Euro

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