Als die Rehe den Wald verließen

29. Oktober 2013, 19:34
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Obwohl Rehe typische Waldbewohner sind, geben sie immer öfter ihre angestammten Territorien auf und leben stattdessen auf Feldern. Warum das so ist, testen Wildbiologen in der Steiermark

Rehe und Rothirsche werden zwar oft in einem Atemzug genannt, haben aber bis auf ihre Zugehörigkeit zur Familie der Hirsche nicht allzu viel gemeinsam: So sind Rothirsche nicht nur deutlich größer und schwerer, sie bevorzugen auch eher offene, parkähnliche Landschaften. Dass Rothirsche heute fast nur noch in Wäldern zu finden sind, ist durch den Menschen bedingt.

Das Reh hingegen ist ursprünglich ein typischer Waldbewohner, der mit kleinen Schritten versteckt durchs Unterholz stakst. Außerdem leben Rothirsche die meiste Zeit des Jahres in großen Rudeln zusammen, während Rehe eher Einzelgänger sind. Das alles ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Wie flexibel Rehe sind, untersuchen derzeit Forscher der Wiener Universität für Bodenkultur (Boku).

Seit Jahrzehnten ist nämlich eine interessante Variation in der Lebensweise der Rehe zu beobachten: Manche Populationen halten sich nicht mehr im Wald auf, sondern durchgängig auf Feldern. "Es handelt sich immer noch um dieselbe Art", betont Klaus Hackländer vom Boku-Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft. "Wir unterscheiden aber zwei Ökotypen: Wald- und Feldrehe." Feldrehe zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie im Winter große Gruppen, sogenannte Sprünge, bilden, während Waldrehe - auch im Unterschied zu Rothirschen - das ganze Jahr über Territorien für sich beanspruchen.

Hackländer und sein Mitarbeiter Robin Sandfort befassen sich schon seit mehreren Jahren damit, warum das so sein könnte. "Immerhin ist es mit Kosten verbunden, ein Territorium aufrechtzuerhalten", gibt Hackländer zu bedenken. "Gewöhnlich zahlt sich das nur aus, wenn es begrenzte Ressourcen zu verteidigen gilt."

Im Fall der Rehe sind sowohl Nahrung als auch verfügbare Paarungspartner nicht in beliebigem Maße vorhanden. Deshalb untersucht Hackländers Gruppe derzeit auf einem rund 60 Hektar großen Versuchsareal in der Steiermark, wie sich die Rehe verhalten, wenn ihnen beides unbeschränkt zur Verfügung steht. Dazu braucht es nur eine entsprechende Nahrungsgrundlage, die durch gute Bodenvegetation und im Bedarfsfall durch Fütterungen gewährleistet wird - der dadurch bedingte Bestandsanstieg sorgt automatisch für eine höhere Dichte an potenziellen Partnern.

Um möglichst alle Faktoren, die den Rehbestand negativ beeinflussen könnten, hintanzuhalten, ist die Versuchsfläche mit einem Elektrozaun umgeben, der Beutegreifer fernhält. Das ist in erster Linie der Rotfuchs, der vor allem den Kitzen gefährlich wird. Die Rehe werden außerdem nicht durch Menschen gestört - also auch nicht geschossen - und leben ohne Nahrungskonkurrenz durch Rothirsche. Unter diesen Umständen wächst die Rehpopulation schnell - und die ersten Folgen davon lassen sich auch schon beobachten: "Die Territorien werden bereits kleiner und überlappen sich stellenweise", weiß Hackländer, "ohne dass sich die Gesundheit oder Kondition der Rehe deutlich verschlechtert hätte."

Kamerafallen und Sender

Das wissen die Forscher deshalb so genau, weil sie viele der Tiere mit Ohrmarken versehen haben. Überall auf dem Gelände sind Infrarotkamerafallen montiert, die immer auslösen, wenn sich vor ihnen etwas bewegt. Alle zwei Wochen werden die so gewonnenen Bilder ausgelesen und analysiert. "Auf diese Weise können wir sowohl den Zustand der Rehe verfolgen als auch ihre Raumnutzung", erklärt Hackländer.

Diese Methode war schon bei vielen Wildtieren erfolgreich, bisher aber kaum für Rehe im Einsatz. Zur Sicherheit wurden sechs Individuen deshalb mit GPS-Sendern ausgestattet. Auf diese Weise können die Forscher ihre Bewegungen direkt verfolgen und mit den Ergebnissen der Fotofallen vergleichen.

Während die Dichte im Gehege weiterhin ansteigt, soll sich zeigen, ob die Rehe bei entsprechender Nahrungslage, ohne Feinde und Konkurrenz, ihre Territorialität irgendwann ganz aufgeben oder ob innere Faktoren darüber bestimmen, wie nah sie zusammenrücken. Wie viele Stück es zurzeit auf dem Areal gibt, können die Forscher nicht mit Sicherheit sagen, denn es sind beileibe nicht alle markiert.

Dichteberechnungen

Das muss auch nicht sein, wie Hackländer ausführt: "Ein statistisches Modell ermöglicht uns, die Dichte auch ohne individuelle Erkennung der Tiere zu berechnen. Das ist vergleichbar mit dem Gaspartikelmodell: Wir kennen die durchschnittliche Geschwindigkeit, mit der sich die Rehe im Gehege bewegen, und verschneiden das mit der Wahrscheinlichkeit, mit den Fotofallen markierte und nichtmarkierte Tiere zu erwischen." Das klingt kompliziert, aber Hackländers Gruppe hat die unter dem Namen No Need of ID laufende Methode schon in einem anderen Projekt angewendet und war sehr zufrieden mit den Ergebnissen.

Wie lange das Dichteprojekt, das 2009 begann, noch laufen wird, ist derzeit noch offen. Denn auch wenn einmal der Zeitpunkt erreicht ist, ab dem sich der Bestand nicht mehr steigern lässt, ohne die Gesundheit der Tiere zu beeinträchtigen, gibt es noch eine Menge zu untersuchen: "Wir haben vor, dann die Futterqualität zu variieren", verrät Hackländer. Zurzeit bekommen die Rehe nämlich hochwertiges Heu und Kraftfutter als Zusatz, was laut dem Biologen "sehr attraktiv, aber nicht naturnah" ist.

Unter natürlichen Umständen stünden vor allen Dingen im Winter eher Brombeeren auf dem Speiseplan. "Interessant ist, ob sie, wenn die Nahrungsqualität schlechter wird, wieder anfangen, Ressourcen - wie etwa Brombeersträucher - zu verteidigen", erklärt Klaus Hackländer. Das hat aber noch Zeit. Vorläufig ist Toleranz im Gehege angesagt. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Achtung Kamera! Infrarotkameras auf dem Testgelände lösen immer dann aus, wenn sich vor ihnen etwas bewegt. Die Bilder aus den Fotofallen vergleichen die Forscher mit den Daten von GPS-Sendern und statistischen Modellen.
    foto: boku

    Achtung Kamera! Infrarotkameras auf dem Testgelände lösen immer dann aus, wenn sich vor ihnen etwas bewegt. Die Bilder aus den Fotofallen vergleichen die Forscher mit den Daten von GPS-Sendern und statistischen Modellen.

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