Flugs in eine staufreie Zukunft

30. Oktober 2013, 19:34
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Fliegende Autos und Science-Fiction-Autoren im Forschungsteam: Wenn es um die Zukunft der Mobilität geht, heben Wissenschafter schon einmal ab

Mit Flügeln dem Stau auf der Autobahn entkommen: Diese Idee fasziniert Stefan Klein seit zwanzig Jahren. Vor einem Monat konnte er endlich in der Slowakei mit seinem Aeromobil abheben. Mit bis zu 200 Stundenkilometer kann das Flugauto zwei Personen von "Tür zu Tür" fliegen, erklärt er. Dafür müssen die Flügel bloß ausgeklappt werden. Das Aeromobil soll längere Autofahrten obsolet machen. Am nächsten Prototyp (3.0) wird schon gearbeitet.

Bereits seit zwei Jahren ist in den USA der Autoflieger "Transition" auf dem Markt, offiziell darf er nun auch mit einer Fluglizenz in den Straßenverkehr. "Wir brauchen flexiblere Rechte in der europäischen Zivilluftfahrt", fordert Klein. Für ihn ist klar: Die Zukunft der Autofahrer liegt in der Luft.

Weltweit wird an Projekten getüftelt, die heutige Verkehrsgewohnheiten alt aussehen lassen: Fliegende und automatisierte Autos werden entwickelt - oder gar Kapseln, die schneller als Flugzeuge durch Röhren sausen.

Auch in Österreich wird im Bereich Smart Mobility geforscht. Durch das Programm "ways2go" der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, finanziert vom Verkehrsministerium, werden zahlreiche Projekte unterstützt - die jedoch auf dem Boden bleiben. Ein Team vom Logistikum, einem Kompetenzzentrum der FH Oberösterreich, arbeitet etwa am Prototyp eines automatisierten Gepäckdepotsystems für Bahnhöfe. Bei "Store&Go" sollen Gepäcksgrößen automatisch erfasst und damit eine bestmögliche Schlichtung erreicht werden.

App gegen Unfälle

Auch AustriaTech, eine Tochterfirma des Verkehrsministeriums, fördert Smart Mobility. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach wurde ein "Open Dialogue" initiiert, bei dem Studierende ihre Projekte präsentieren konnten. Das Team von "BOKUroadkill" war eines davon. Florian Heigl, Dissertant am Institut für Zoologie der Uni für Bodenkultur (Boku), und sein Team dokumentieren dabei im Verkehr getötete Tiere - um mit einer App Autofahrer vor gefährlichen Stellen zu warnen. Bei der Datensammlung und -auswertung setzen Heigl und seine Kollegen auf Bürgerbeteiligung. So will das "BOKUroadkill"-Team "Forschung an die Bevölkerung bringen", wie Heigl sagt. Der Boku-Student Nicolas Fischer wiederum arbeitet an einer App zur staufreien Fortbewegung. Mit seinem Bruder und einer Studienkollegin entwickelt er ein Navigationstool, das mithilfe von Echtzeitdaten zu Staus und Wetter die kürzeste Route samt den entsprechenden Verkehrsmittel ermittelt.

Etwas weiter in die Zukunft der Mobilität zu blicken ist das Ziel des Teams rund um Hans-Liudger Dienel und Massimo Moraglio vom Fachgebiet Arbeitslehre, Technik und Gesellschaft der TU Berlin. Noch bis 2015 wollen sie im EU-Projekt "Race2050" prognostizieren, wie sich die gesamte europäische Verkehrsindustrie bis 2030 bzw. 2050 wandelt - vom Güter- und Personenverkehr bis hin zu Schiff- und Luftfahrt.

Zunächst analysierten sie, wie die heutige Zeit vor dreißig Jahren imaginiert wurde. Schon damals habe es von Horrorvisionen bis hin zu utopischen Gedanken viele Ideen, die Zukunft betreffend, gegeben. Man versuchte zu erahnen, wohin Europa in Sachen Verkehr und Transport steuert. Drei einstige Bedrohungen wurden dabei identifiziert: In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren sei die US-Konkurrenz als Bedrohung wahrgenommen worden, vor allem in der Luftfahrtindustrie, gefolgt von Japan in den 1980er-Jahren mit seiner Autoindustrie und China seit der Jahrtausendwende. "Es waren Horrorszenarien dabei, aber heute stehen wir Europäer in diesem Bereich global gesehen relativ gut da", sagt Dienel.

Die Didaktik von Albträumen

Das Team zog ein überraschendes Fazit: "Wir brauchen neue Negativszenarien", sagt Dienel, denn: "Sie haben eine positive didaktische Funktion, sie wecken die Entscheidungsträger."

Um diese zu entwerfen, engagierte das Forschungsteam einen Science-Fiction-Autor, denn "Szenarien, die wirken, müssen eine komplexe Wirklichkeit verständlich darstellen", sagt Dienel. Karl-Heinz Steinmüller, Zukunftsforscher, Physiker und Autor, ist dafür mit an Bord. Er fasst die Forschungsergebnisse "in wirkungsvollen Narrationen" zusammen. Die Arbeit wird mit Expertenrunden rückgekoppelt. Herauskommen soll zweierlei: Horrorszenarien für 2030 - und positive Visionen für 2050, die als Leitbild fungieren sollen. (Louise Beltzung/Horvath Tanja Traxler, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Noch in Entwicklung, aber schon flugreif ist das Aeromobil 2.5. In den Lüften fliegt es bis zu 200 km/h schnell, auf den Straßen klappt es die Flügel wieder ein.
    foto: haverlik

    Noch in Entwicklung, aber schon flugreif ist das Aeromobil 2.5. In den Lüften fliegt es bis zu 200 km/h schnell, auf den Straßen klappt es die Flügel wieder ein.

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