Benimmregeln für Kapitalisten

30. Oktober 2013, 19:34
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Wirtschaftswissenschafter entwickeln Grundlagen für ein Wirtschaften, das sich der Gesellschaft verpflichtet fühlt

Geht's der Wirtschaft gut, geht's angeblich allen gut. Viele Unternehmen aber verfahren zunehmend so rücksichtslos profitorientiert, dass das gravierende Folgen für Mensch und Natur hat. Auf dem Feld der Unternehmensethik denken Ökonomen darüber nach, wie sich die kriselnde Beziehung von Wirtschaft und Gesellschaft retten lässt. Hierzulande macht das etwa Markus Scholz, Wirtschaftswissenschafter an der FH Wien der Wirtschaftskammer Wien, der Grundlagen zu einem Wirtschaften erarbeitet, das sich nicht nur der reinen Profitabilität, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet fühlt.

Die Unternehmensethik ist eine relativ junge Disziplin: Akademisch institutionalisiert ist sie erst seit 30 bis 40 Jahren. In dieser Zeit bildete sich aber auch ein ökonomisches Denken heraus, das ethische Kategorien in Bereich der Unternehmensführung für irrelevant hielt. Noch 1970 hatte Milton Friedman, Wirtschaftsnobelpreisträger und Vordenker des Neoliberalismus, jene Parole herausgegeben, die die Geisteshaltung vieler Manager in den nächsten Jahrzehnten prägen sollte: "Die soziale Verantwortung der Unternehmen ist es, ihre Profite zu erhöhen." Oder: "The business of business is business."

Die wirtschaftlichen Entwicklungen haben aber gezeigt, dass der entfesselte Markt nicht zwangsläufig dem Allgemeinwohl dient. Scholz fasst die grundlegende Problematik zusammen: "In einer Marktwirtschaft müssen Unternehmen selbstverständlich profitorientiert arbeiten. Aber wir sehen inzwischen auch, dass man die Marktwirtschaft nicht komplett dereguliert lassen kann. Es bräuchte hier allgemeine Gesetze und Normen. In einer globalisierten Welt ist das jedoch nicht so einfach, da es keinen globalen Souverän gibt, der entsprechende Gesetze erlassen kann."

Zielführender wäre es daher, wenn sich das Verhalten der Wirtschaftstreibenden von selbst ändert und Geschäftsentscheidungen nicht auf betriebswirtschaftlichen, sondern auch ethischen Grundsätzen beruhen. Scholz: "In der Unternehmensethik geht es immer auch um eine normative Herangehensweise an Probleme. Wie soll sich ein Manager in einer bestimmten Situation verhalten? Für was ist er verantwortlich, für was nicht? Das ist aber nicht universell entscheidbar: Die klassische Moralphilosophie, etwa im Sinne von Kant, hilft da nicht viel weiter. Wir brauchen deshalb ein Analyseinstrument, das Manager durch den Strategiebildungsprozess leitet."

Eine solche Methode hat Scholz in Zusammenarbeit mit Gastón de los Reyes, Wirtschaftswissenschafter an der Wharton Business School in Pennsylvania, entwickelt. In der im heutigen Management gebräuchlichen SWOT-Methode (Strengths, Weaknesses, Opportunities, Threats) werden für eine Geschäftsentscheidung Stärken, Schwächen, Möglichkeiten und Gefahren analysiert. Eine moralische Analyse findet nicht statt. Nach der Auffassung der Unternehmensethik interagiert ein Unternehmen aber durch seinen Produktionsprozess mit dem Markt und der Gesellschaft, trägt deshalb soziale Verantwortung.

Scholz meint: "Ein Unternehmen ist nicht frei von solchen Normen und sollte diese auch schon in die Strategiebildung mit einfließen lassen." Die von den Ökonomen entwickelte Methode namens SWONT (das N steht für "Norms") beinhaltet auch eine konkrete Analyse ethischer Gesichtspunkte. Wenn sich herausstellt, dass das Geschäft mit bestehenden Normen nicht vereinbar ist, wird der Strategiebildungsprozess abgebrochen.

Ein Manager, dem Scholz sein Konzept des ethischen Wirtschaftens vorstellte, sah eine Parallele zum Skifahren: In erster Linie geht es zwar darum, möglichst schnell den Berg hinunterzukommen. Aber auch wenn es dort keine Verkehrsregelung gibt, sollte man Rücksicht nehmen und eventuell das Tempo drosseln, damit man keinen Unfall baut. (Johannes Lau, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Damit sich Ethik und Profit die Waage halten, braucht es Regeln.
    foto: jutta harather

    Damit sich Ethik und Profit die Waage halten, braucht es Regeln.

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