"Konsumenten bezahlen den Mangel an Wettbewerb"

29. Oktober 2013, 18:12
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Der Ökonom Maarten Janssen sieht die jüngste Mobilfunk-Auktion als klassisches Beispiel für ein spieltheoretisches Problem

Standard: Was sagen Sie als Wirtschaftswissenschafter zur jüngsten Versteigerung von Frequenzbändern für Telekomanbieter in Österreich?

Janssen: Die Versteigerung ist ein typisches Beispiel für ein spieltheoretisches Problem, sowohl für den Verkäufer als auch für die Bieter. Was den Verkäufer, also die Regierung, betrifft, lautete die interessante Frage: Welche Regeln wähle ich, um meine zwei Ziele zu erreichen. Erstens einen hohen Gewinn und zweitens ein Verkaufsergebnis, das ausreichenden Wettbewerb zwischen den verschiedenen Anbietern sicherstellt. Wäre die Regierung bloß an Gewinn interessiert, hätte sie die Frequenzen besser an nur einen Anbieter verkauft. Aber das hätte zu einem Monopol geführt.

Standard: Wurden beide Ziele erreicht?

Janssen: Aus meiner Sicht: Nein. Die Telekom hat die mit Abstand meisten und besten Frequenzanteile ersteigert, T-Mobile hat ein mittelmäßiges Ergebnis erzielt, und "3" hat so geringe Anteile erhalten, dass dieser Anbieter vermutlich in Zukunft Probleme mit dem Mobilfunkstandard LTE bekommen wird. Das heißt: In Bezug auf 4G-Handys kann der Markt früher oder später auf zwei Anbieter schrumpfen. Den Mangel an Wettbewerb werden die Konsumenten bezahlen müssen.

Standard: Was hätten Sie anders gemacht?

Janssen: Da muss ich zunächst etwas über Auktionen sagen. Die meisten Leute denken in diesem Zusammenhang an Kunstauktionen, bei denen der Höchstbieter den Zuschlag erhält. Es gibt aber noch eine zweite Variante, die sogenannte Sealed-Bid-Auktion. Dabei geben die Teilnehmer ihr Maximalgebot in einen Umschlag: Wer am meisten zu zahlen bereit ist, erhält den Zuschlag. Das ist die Variante, die bei der jüngsten Auktion gewählt wurde - nur war die Situation insofern komplizierter, als die Bieter für viele mögliche Kombinationen von Frequenzanteilen bieten konnten.

Standard: Es gab also viele Umschläge?

Janssen: Ja, vermutlich hunderte. Die österreichische Bundesregierung wählte jene Kombination an Geboten aus, die den höchsten Preis erzielte. Zu ihrer vorherigen Frage - ich hätte der Regierung zwei Dinge vorgeschlagen: Um Konkurrenz im Markt sicherzustellen, hätte man die Auktionsregeln ändern müssen. Man hätte etwa sagen können: Ein Anbieter darf nur so und so viele Anteile pro Frequenzband erwerben. Das wurde unterlassen. Die zweite Möglichkeit wäre eine offene Auktion gewesen.

Standard: Mit welchen Vorteilen?

Janssen: Bei offenen Auktionen haben die Bieter mehr Information - das wäre für die Markteffizienz besser gewesen. Sealed-Bid-Auktionen sind für die Bewerber mit großer Unsicherheit verbunden: Diese Situation schützt zwar etwas besser vor Absprachen, sie kann aber auch zu sehr unausgewogenen Ergebnissen führen.

Standard: Sehen Sie noch andere Anwendungen der Spieltheorie im politischen Tagesgeschäft?

Janssen: Ja, ich sehe sie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Bei Auktionen lassen sich verschiedenste Ergebnisse durch Regeln festlegen. Das ist im Gesundheitswesen nicht der Fall, was die Situation bedeutend komplizierter macht. Die Frage ist: Wie können wir die Kosten unter Kontrolle halten und gleichzeitig eine gute Versorgung gewährleisten?

Standard: Wie lautet Ihre Antwort?

Janssen: Ich kenne das österreichische System nicht gut genug, aber ich kann etwas über die Situation in Großbritannien und in den Niederlanden sagen: Dort sind die Versicherungsträger private Firmen, die mit Ärzten und Spitälern verhandeln und sie auf diese Weise zum Sparen anregen. Die Konkurrenz zwischen den Firmen ermöglicht einen Kompromiss zwischen Kosten und Versorgung.

Standard: Nur macht es - insbesondere für Kranke - schon einen Unterschied, ob man zu einem anderen Handyprovider wechselt oder die Gesundheitsversicherung tauscht.

Janssen: Da haben Sie recht. Ich sage nicht: Der freie Markt ist alles, und es braucht keine Regulation. Man muss natürlich zuvor festlegen, dass der Wechsel jederzeit möglich ist, und zwar unabhängig davon, ob man nun krank oder gesund ist. Und es muss auch festgeschrieben werden, welche Behandlungen in der Mindestversorgung inkludiert sind. Es braucht die richtigen Regeln. Wenn Sie etwa an "Obamacare", die Gesundheitsreform des US-Präsidenten, denken: Hier wurden die spieltheoretischen Regeln geändert, und die Armen profitieren davon. Jeder Amerikaner muss nun krankenversichert sein. Arme, die sich eine Versicherung nicht leisten können, sind auch abgedeckt.

Standard: Hat Ihr Forschungsgebiet auch Einfluss auf Ihr Privatleben?

Janssen: Ich würde nicht sagen, dass die Forschung mein Privatleben beeinflusst, aber ich kann zumindest sagen: Kinder sind recht gut darin, spieltheoretische Prinzipien zu durchschauen. Als mein Sohn noch klein war, musste ich einmal mit ihm schimpfen. Ich sagte zu ihm: "Wenn du damit nicht aufhörst, nehme ich dich nicht zur Geburtstagsfeier von Oma mit!" Er sah mich an und sagte: "Das wirst du sicher nicht tun." In Begriffen der Spieltheorie: Drohungen sind nur dann wirksam, wenn sie auch Aussicht auf Realisierung haben. Er wusste, dass ich mit der ganzen Familie zu dieser Feier fahren will. (Robert Czepel, DER STANDARD, 30.10.2013)


Maarten Janssen, geboren 1962 in Breda in den Niederlanden, ist Professor für Mikroökonomische Theorie an der Universität Wien. Er studierte mathematische Ökonomie und Wirtschaftsphilosophie an der Duke University und in Groningen. Janssen leitet unter anderem das vom Wiener- Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds WWTF geförderte Forschungsprojekt "Die Evolution von Normen und Konventionen in der Wirtschaft".Maarten Janssen weiß, dass Kinder spieltheoretische Prinzipien gut durchschauen: Drohungen sind nur wirksam, wenn sie Aussicht auf Realisierung haben.

Wissen: Vom Boom der ökonomischen Spieltheorie

In einem ehemaligen Gebäude der Pensionsversicherungsanstalt an der Rossauer Lände in Wien-Alsergrund haben seit kurzem Mathematiker und Ökonomen ihre Büros bezogen. Maarten Janssen ist einer von ihnen.

Der gebürtige Niederländer forschte zunächst in beiden von ihm studierten Fächern: der mathematischen Ökonomie und der Wissenschaftsphilosophie. Zwei Jahre später wandte er sich ganz der Volkswirtschaft zu. "Die Zielgruppe in der Wirtschaftsphilosophie ist im Vergleich zur Ökonomie sehr klein. Ich wollte nicht die nächsten 40 Jahre meines Lebens immer mit den gleichen 20 Leuten reden", sagt er (siehe Interview).

Was man von seinem aktuellen Forschungsgebiet, der ökonomischen Spieltheorie, nicht behaupten kann. Dass die Spieltheorie in den Wirtschaftswissenschaften boomt, erkennt man nicht zuletzt daran, dass in den vergangenen Jahren mehrmals Nobelpreise für Forschungen auf diesem Gebiet vergeben wurden. 1994 ging er an den US-Mathematiker John Nash, der durch den Film A Beautiful Mind einem größeren Publikum bekannt sein dürfte.

Im vergangenen Jahr erhielt der US-Amerikaner Alvin Roth die begehrte Auszeichnung der Schwedischen Reichsbank. Seine abstrakten Modelle sind näher am Leben, als man annehmen würde. Roth beriet etwa die American Medical Association bei der Frage, wem zu welchem Zeitpunkt Nieren transplantiert werden sollten. Die Netzwerke von Spendern und Empfängern können durchaus kompliziert sein, die Spieltheorie bildet den mathematischen Rahmen, um solche Probleme zu lösen. Ursprünglich war die Spieltheorie, wie ihr Name bereits andeutet, entwickelt worden, um die optimale Strategie für Gesellschaftsspiele zu finden.

Mittlerweile wird sie in der Biologie und den Wirtschaftswissenschaften erfolgreich angewandt, wo die Situation komplizierter ist als in einem Kartenspiel. Ein entscheidender Unterschied: Während im Rahmen eines Spiels die Regeln fixiert sind, sind die Gesetze und Normen von Gesellschaften einem fortlaufenden Wandel unterworfen. Das soziale Spiel ändert seine Regeln durch die Tatsache, dass es gespielt wird.

Die Adresse des Janssens-Instituts lautet Oskar-Morgenstern-Platz 1 (Eröffnung: 6. 11.). Kein Zufall: Der Österreicher Oskar Morgenstern (1902-1977) und John von Neumann gelten als Urväter der ökonomischen Spieltheorie.

  • Maarten Janssen weiß, dass Kinder spieltheoretische Prinzipien gut durchschauen: Drohungen sind nur wirksam, wenn sie Aussicht auf Realisierung haben.
    foto: standard/corn

    Maarten Janssen weiß, dass Kinder spieltheoretische Prinzipien gut durchschauen: Drohungen sind nur wirksam, wenn sie Aussicht auf Realisierung haben.

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