Krieg spielen im Dienste der Wissenschaft

29. Oktober 2013, 18:02
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Forscher rekonstruieren irischen Aufstand im Netz - Forderung nach mehr Mitteln für digitale Infrastrukturen

Easter Rising, der Osteraufstand in Dublin im Jahr 1916, gilt als Wendepunkt in der Geschichte Irlands: Die militärische Aktion der Republikaner schlug fehl, führte aber letztlich zur Unabhängigkeit von den Briten im Jahr 1922 - und ist seither zu einem nationalen Mythos geworden.

Die Ereignisse des sechs Tage andauernden Aufstands wurden zwar eingehend aufgearbeitet. Dennoch gibt es viele widersprüchliche Angaben, insbesondere was die Schlacht an der Mount-Street-Brücke betrifft. Was genau sich dort zugetragen hat und wie viele britische Soldaten an diesem neuralgischen Punkt tatsächlich verwundet oder getötet wurden, will Susan Schreibman rekonstruieren - mit ziemlich unkonventionellen Mitteln.

Schreibman ist Professorin für digitale Geisteswissenschaften am Trinity College Dublin. Sie erforscht neue Methoden, um schwer analysierbare Quellen zu erschließen. In ihrem aktuellen Projekt "Contested Memories" (dt. umstrittene Erinnerungen) benutzt sie eine Computerspiel-Plattform, um die Kampfhandlungen zu simulieren.

Mit Data-Mining-Technologien werden Dokumente aus Archiven genauso wie Oral-History-Projekte durchforstet, um möglichst viele Aussagen abzugleichen. Sämtliche Informationen werden in den virtuell nachgebauten Schauplatz übertragen, in dem die Forscher schließlich wie in einem Computerspiel navigieren können - um möglicherweise der Wahrheit ein Stück näherzukommen.

In dem Web-Projekt "Letters of 1916" rufen Schreibman und ihre Kollegen außerdem dazu auf, private Briefe und Fotos aus dem turbulenten Jahr einzureichen. Die Dokumente sollen mithilfe von freiwilligen Helfern digitalisiert, transkribiert und ausgewertet werden, um mehr darüber zu erfahren, wie die "einfachen" Leute den Aufstand wahrnahmen.

"Wir bauen mit diesen Projekten eine Infrastruktur auf, die auch andere Wissenschafter nutzen können", betont Schreibman. Und fügt hinzu: "Wir sind angewiesen auf Förderungen mit kurzer Laufzeit - und guten Willen."

Was die Digitalisierung für die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften bedeutet und welche Forschungsinfrastrukturen dafür nötig sind, wurde vergangene Woche bei einer vom Wissenschaftsministerium veranstalteten Konferenz debattiert - bei der Schreibman den Eröffnungsvortrag hielt.

Während es in den Naturwissenschaften selbstverständlich ist, Laborinfrastruktur zu fördern, werden Technologien für Projekte aus den Geistes- Sozial- und Kulturwissenschaften hauptsächlich durch große EU-Programme finanziert. "Wissenschaftliche Arbeiten, die in Kollaboration entstehen, und andere neue Formen der Veröffentlichung bekommen kaum eine Wertschätzung", bedauert Schreibman. Viele Fragen seien ungeklärt, wie etwa: "Wie viel ist ein Internetarchiv wert im Vergleich zu einem Artikel in einem Buch oder einem Journal?"

Es fehle an etablierten Institutionen, die auch das Ansehen von digitalen Archiven und Onlinejournals heben könnten, meinte Bernd Wegener, empirischer Sozialforscher von der Humboldt-Universität zu Berlin. Er plädierte für nationale Datenarchive, in denen alle relevanten sozialwissenschaftlichen Daten gesammelt und an denen Vertreter aller Disziplinen beteiligt sein müssten. "Solange das nicht gegeben ist, ist es mutig, von den großen Möglichkeiten der Digitalisierung zu sprechen", sagte Wegener.

Oft wären internationale Archive geeigneter als nationale, meinte hingegen Falk Reckling, Leiter der Abteilung Geistes- und Sozialwissenschaften im Wissenschaftsfonds FWF - wie etwa das Beispiel des EU-Forschungsnetzwerks "Share" zeige. Das länderübergreifende Forschungsinfrastrukturprojekt erhebt - mit österreichischer Beteiligung - regelmäßig Daten zur demografischen Entwicklung in Europa.

Der FWF fördere derzeit Einzelprojekte und nicht Institutionen, das müsse aber überdacht werden, sagte Reckling. Ein Programm zur Infrastrukturförderung liege in der Schublade, sei aber derzeit "nicht zu finanzieren". (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Private Briefe wie dieser aus dem Jahr 1916 sollen helfen, die Umstände des irischen Osteraufstands besser zu verstehen.
    foto: tcd / national library of ireland

    Private Briefe wie dieser aus dem Jahr 1916 sollen helfen, die Umstände des irischen Osteraufstands besser zu verstehen.

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