Schmachten wie einst

29. Oktober 2013, 21:05
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Mit Herz-Schmerz-Liedern näher an Goethe heran? "Werther - The Playlist" vergibt im Dschungel Wien sämtliche Chancen

Wien – Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther legt in einer sprachlich reizvoll-antiquierten Form die lebensbedrohenden Liebesnöte eines Juspraktikanten offen. Vor Schreck über diesen 250 Jahre alten Text zog Regisseur und Autor Holger Schober die Konsequenzen und ordnete die aussichtlose Amour fou Werthers mit der anderweitig verlobten Lotte als 75-minütige schnell geschnittene Szenenfolge an – mit reichlich Easy-Listening-Musik.

Der Kompromiss funktioniert folgendermaßen: Als Gegengewicht zu den literarisch überhöhten Textzeilen (etwa "sie haben sich bewillkommt" ) lassen es Holger Schober (Albert), Maria Lohn (Lotte) und Michael Alexander Pöllmann als hochkonzentrierter Werther ordentlich laut und schnulzig angehen.

Mit Modetänzen wie dem Gangnam Style, mit Macarena, der Dirty Dancing-Hymne oder dem alten Vogerltanz sollte ein Liebesgefühl hergestellt werden. Das hat nicht funktioniert, aber das Publikum in Stimmung versetzt. Die mit einem Pläuschchen mit dem Pu­blikum einsetzende Theaterkoproduktion von Guerilla Gorillas und Dschungel Wien kann das daraufhin vorliegende Missverständnis – den Aufruf zum allgemeinen Mitreden – nicht mehr ausräumen. Es bleibt unruhig. Und jedes weitere Manöver, das mit Liedern und Gesprächen den unmittelbaren Kontakt zum Publikum sucht, befördert das.

Die Darsteller markieren den Übergang vom einführenden Gespräch zum Spiel zwar deutlich, indem sie sich historische Plüschkostüme über ihre Jeans und T-Shirts überziehen. Dem Publikum bleibt das aber unklar, Tempo- und Laut­stärkenprobleme tun dazu ihr Übriges.

Ausgerechnet jene Momente, in denen sich Goethes Verse in ihre literarische Überhöhung schrauben, faszinieren am meisten. Diesen hat der leichthändige Einsatz von Mainstream-Jingles rein gar nichts hin­zuzufügen. Applausmusik: Auch sie ist anbiedernd und deshalb abzulehnen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 30.10.2013)

  • Dreiecksbeziehung nach Goethe: Michael Alexander Pöllmann, Maria Lohn und Holger Schober (v. li.).
    foto: ani antonova

    Dreiecksbeziehung nach Goethe: Michael Alexander Pöllmann, Maria Lohn und Holger Schober (v. li.).

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