Frauengeschichte wird gemacht

Rezension29. Oktober 2013, 09:20
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Ein aktueller Band dokumentiert 40 Jahre Neue Frauenbewegung in Wien - Anstatt zu historisieren, macht er deutlich, warum Feminismus heute nötig ist

"Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat." Diesen Satz hat Gerda Lerner gesagt, die große jüdische Intellektuelle, Feministin und Pionierin der Frauengeschichtsforschung, die zu Beginn dieses Jahres gestorben ist.

Das Wissen um die eigene Geschichte, die stets auch ein Agieren innerhalb eingeräumter Spielräume ist; nie nur Partikularschicksal, sondern im Verhältnis zu den Verhältnissen stehend, dieses Wissen war immer schon Kern und Kraft feministischer Kämpfe - zumal in der Neuen Frauenbewegung, die eine lange feministische Vorgeschichte in ihr Tun integrieren konnte.

Auch Wien hatte eine Neue Frauenbewegung. Sie datiert in den 1970er-Jahren, die geprägt war von den Folgen einer ÖVP-Alleinregierung, einer übermächtigen katholischen Kirche und Männerbünden allenthalben. Der Alltag der meisten Frauen bestand in jenen Jahren aus Haushalt, Kindererziehung und unbezahlter Arbeit in der Familie. Die Öffentlichkeit wurde von Männern gestaltet, Frauen agierten meist verborgen im Privaten. Selbst in studentischen Kreisen, die sich leidlich antiautoritär gebärdeten, besetzten vorrangig Männer führende Positionen. Männernetzwerke aus dieser Zeit prägen die Republik bekanntlich bis heute.

Kritik am Reformismus

Die Neue Frauenbewegung österreichischen Zuschnitts war zentral gekennzeichnet durch eine wechselseitige Einflussnahme von autonomer Frauenbewegung und institutionalisierter Frauenpolitik. Letztere fand lange Zeit ihre Personifizierung in Johanna Dohnal, während im Zentrum der autonomen Frauen die lesbisch geprägte "Aktion Unabhängiger Frauen" (AUF) stand. Dohnal initiierte das erste Frauenhaus in Wien, das Verhältnis zu den autonomen Feministinnen blieb ambivalent. Es war geprägt von temporären Koalitionen, wenn es darum ging, frauenpolitische Vorhaben gemeinsam umzusetzen (etwa die Fristenlösung); dann wieder dominierte gegenseitige Skepsis bis hin zu offener Kritik der autonomen Frauen an den als "reformistisch" abgetanen Kompromissen Dohnals, die die Parteipolitik eben mit sich bringt.

Persönlich und subjektiv

Der Band "Liebe, Macht und Abentuer" greift ein Kernelement der Neuen Frauenbewegung auf, indem es auf Gestaltung aus der Basis setzt. Am Buch beteiligt sind Exponentinnen, Aktivistinnen, Vor- und Nachdenkerinnen des Wiener Feminismus der letzten Dekaden. 32 Repräsentatinnen der AUF beschreiben ihren feministischen Werdegang, die gesellschaftlichen Rahmen- und Lebensbedingungen jener Jahre und reflektieren über politischen Ideen, Ideale und was davon bleibt.

Sie berichten aus ihrer Kindheit in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren, von verbotener Sexualität, Missbrauch, Traumfluchten, Einsamkeit. Das liest sich streckenweise sehr persönlich und subjektiv. Da wird rasch klar, dass es "den Feminismus" nicht gibt. Sehr wohl gibt es aber feministische Fragen: Sie betreffen die Verteilung von gesellschaftlicher Macht, die Sichtbarkeit von Frauen und Männern im öffentlichen Geschehen, Gleichberechtigung und Gleichstellung, Teilhabe, letztlich die Voraussetzungen eines selbstbestimmten Lebens.

Weil der Band die Frauenbewegung nicht historisiert oder gar musealisiert, macht er deutlich, dass sich die Machtfrage heute noch stellt. Wenn auch mit veränderten Vorzeichen, weil der Einzug des Neoliberalismus ein Machtvakuum erzeugt hat, indem er sich das ursprünglich emanzipative Konzept der Selbstbestimmung angeeignet und es gewissermaßen pervertiert hat. Dass jede sein und tun kann, was ihr entspricht, gilt heute vor allem im Kontext von Selbstoptimierung und Ökonomie.

Momentaufnahmen aus der Vita activa

"Liebe, Macht und Abenteuer" ist ein lesens- und aufschlussreicher Band, eine Art Mosaik der Vielfalt, das weit hinausgeht über die bekannten Themen der Frauenbewegung. Die Herausgeberinnen haben lebendige und subjektive Momentaufnahmen aus der Vita activa der AUF-Gründerinnen versammelt. Entstanden ist kein sozialgeschichtlich poliertes oder auf einen roten Faden hin redigiertes Lehrbuch. Zum Glück: Indem es ein Geschichten- und kein Geschichtsbuch ist, wird es seinem Gegenstand erst gerecht. (Lisa Mayr, dieStandard.at, 29.10.2013)

Käthe Kratz, Lisbeth N. Trallori (Hg.innen)
Liebe, Macht und Abenteuer. Zur Geschichte der Neuen Frauenbewegung in Wien
Promedia 2013
336 Seiten

  • Weil der Band die Frauenbewegung nicht historisiert oder gar musealisiert, macht er deutlich, dass sich die Machtfrage heute noch stellt.
    foto: apa / herbert neubauer

    Weil der Band die Frauenbewegung nicht historisiert oder gar musealisiert, macht er deutlich, dass sich die Machtfrage heute noch stellt.

  • Das Cover.
    foto: promedia verlag

    Das Cover.

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