Am Moorpfad einander helfen lernen

Reportage28. Oktober 2013, 13:57
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Mit Übungen im Freien will das Projekt "Wellenkreise" den Unterricht für Schüler und Lehrer verbessern - Sie genießen die Zeit, die sie füreinander bekommen

Kilian ist der Letzte. Mit einer Hand stützt er sich am Arm seiner Lehrerin ab und steigt mit dem rechten Fuß auf das graumelierte Stoffquadrat, auf dem sie steht. Vorsichtig hebt er auch den linken Fuß von dem Stoffquadrat, auf dem er bisher stand. Dabei muss er allerdings seine Hand darauf legen. Sonst frisst es das Krokodil. Er darf nicht umfallen, da er dann im Moor versinkt und die ganze Gruppe von neuem die Reise über den Moorpfad antreten muss.

Video: Die Reise über den Moorpfad.

Der "Moorpfad" ist eine Übung, die der Klasse von Kilian helfen soll, gut miteinander auszukommen. Die 1b der AHS De La Salle Strebersdorf ist für vier Tage in das Bundeszentrum Wassergspreng der Pfadfinder eingezogen, um dort an erlebnispädagogischen Projekttagen des Vereins "Wellenkreise" teilzunehmen. Das Ziel: Schüler und Lehrer sollen einander besser kennenlernen und sich gegenseitig mehr vertrauen. So soll das Klassenklima besser werden und dadurch auch der Unterricht.

Besserer Unterricht durch bessere Beziehung

Zu der Zielgruppe des Vereins "Wellenkreise" gehören Klassen, die gerade neu entstanden sind, also jene der fünften und neunten Schulstufen. Der Verein ist erst seit ein paar Monaten aktiv und hat im Herbst die ersten Projekttage abgehalten. Erlebnispädagogische Wochen für Schüler gibt es schon seit Jahren, der Verein hat sich vorgenommen, vor allem die Arbeit mit den Lehrern in den Fokus stellen zu wollen. "Lehrer brauchen zu ihren Schülern eine gute Beziehung, damit sich beide wohlfühlen", erklärt Matthias Csar, einer der Initiatoren von "Wellenkreise". Um Wissen vermitteln zu können, müssten Lehrer lernen, "kooperativ" zu führen und sich auf die Schüler einzulassen.

Auf dem Moorpfad müssen sich die Schüler einander helfen, um ans Ziel zu kommen.

Vor der Moorpfadübung besprechen die beiden Lehrerinnen der Klasse deshalb gemeinsam mit Csar ihre Rolle. Julia Müller, Klassenvorstand und Lehrerin für Deutsch und Geschichte, und ihre Kollegin Gudrun Wiesinger, Lehrerin für Musik und Sport, bekommen eine spezielle Aufgabe: Sie dürfen den Schülern nicht verraten, wie diese am schnellsten eine Lösung für die Aufgabenstellung finden, sondern sie sollen sie dabei unterstützen, selbst ihr Ziel zu erreichen.

Viel Geduld

"Puh, das wird schwierig", sagt Müller. Später werden beide überrascht davon sein, dass ihnen die Aufgabe gar nicht so schwergefallen ist. Die Schüler, zwischen zehn und elf Jahren alt, sind in dem großen Garten vor dem Pfadfinder-Haus bereit für die Übung. Es ist kalt und windig, die meisten tragen Regenjacken. Bis die beiden Trainer die Regeln zum "Moorpfad" erklären können, vergeht eine gute halbe Stunde. Die Schüler rufen dazwischen, plaudern angeregt miteinander, singen. "Wir geben ihnen den Raum und die Zeit, die sie brauchen", erklärt Trainer Stefan Berecz später. Dafür sind viel Geduld und Energie und eine laute Stimme nötig.

Die Trainer erklären den Schülern das Spiel. Dabei ist viel Geduld notwendig.

Irgendwann hat es dann doch jeder verstanden: Der Garten hat sich in ein Moor verwandelt. In der Mitte gibt es eine Insel, zu der die Schüler in vier Gruppen mithilfe von grauen Stoffquadraten, die Trainer nennen sie "Dackerln", gelangen können. Jedes Dackerl muss immer berührt werden, sonst fressen es die Krokodile (die Trainer). Wenn ein Schüler stürzt, versinkt er im Moor, und die Gruppe muss neu starten. Sobald alle Schüler auf der Insel sind, müssen sie weiter: zum Ende des Moors bei den Kastanienbäumen. Es gelten dieselben Regeln., nur muss diesmal die ganze Gruppe gemeinsam gehen und ihre Lehrerinnen mitnehmen.

Das "Dackerl" muss immer berührt werden.

Lehrerin Müller schreitet schon vor dem Start ein, als ein Schüler beginnt, sein Dackerl aufzulegen, ohne sich vorher mit den anderen zu besprechen. Nach zwei Versuchen lässt er sich dazu breitschlagen, eine Strategie in der Gruppe auszuarbeiten. Da ist das erste Schülerteam schon gestartet. Einer nach dem anderen steigt auf sein Stoffquadrat, geht auf das des Nächsten und gibt es anschließend nach vorn weiter. Stress macht sich bei den anderen Gruppen breit. Manche stehen ganz eng zusammen, andere springen, was sich allerdings als riskant herausstellt, da sie so leichter fallen. 

Gemeinsam ans Ziel

"Konzentriert euch", mahnt Lehrerin Wiesinger. "Es geht nicht darum, dass er ihr Erster seid, ihr müsst gemeinsam ans Ziel kommen", erklärt Müller, als eine Gruppe von vorn beginnen muss und die Ersten aufgeben wollen. Das erste Team ist bereits kurz vor der Insel. "Die Lehrer können die Wogen glätten", erklärt Trainer Stefan Berecz. Er selbst und seine Kollegin Sarah Tanzer mischen sich kaum ein, sie schnappen sich nur ab und zu ein Dackerl, das die Schüler losgelassen haben.

Lehrerin Müller soll unerstützen, aber keine Lösungen vorgeben.

Bei der Übung gehe es darum, für die Schüler einen "Erfolgsraum" zu schaffen, erklärt Berecz. Dabei könnten sie die gemeinsame Zusammenarbeit erleben. "Im Klassenraum sind sie der Schwere des Alltags ausgesetzt, hier gehen sie einen Schritt heraus." Bei der Übung werde das Helfen etwas Konkretes, nämlich das Weiterreichen des Dackerls. "Situationen, in denen sie einander helfen können, werden sie auch im Schulalltag erleben." Es gehe darum zu lernen, gemeinsam zu arbeiten und nicht gegeneinander. "Wir zeigen ihnen Regeln des Zusammenlebens und wie sie aufeinander achten können, auch in der Klasse", sagt Tanzer.

Reflexion im Seminarraum

Nach eineinhalb Stunden haben es alle an das Ende des Moors geschafft. Trotz der Kälte, des Winds und leichten Nieselregens hat keiner der Schüler aufgegeben. Auch die Letzten, die sich von der Insel ans Ziel retten konnten, haben geduldig gewartet. Im Seminarraum sitzen die Schüler später im Sesselkreis und überlegen, worum es bei der Übung gegangen ist. "Zusammenarbeit, Vertrauen, Helfen, Festhalten", schreiben sie gemeinsam auf ihr Poster.

Im Seminarraum erzählen sich Schüler und Lehrer, wie sie die Übung erlebt haben.

Auch die Lehrerinnen besprechen in einem Extraraum mit Trainer Csar, wie es ihnen ergangen ist. "Als ich gesehen habe, dass deine beiden Gruppen schon viel weiter vorn sind, habe ich mich gefragt, was ich falsch mache", erzählt Lehrerin Müller ihrer Kollegin. Sie sei in dieselbe Falle wie die Schüler getappt. Nachdem sie sich bewusst gemacht habe, dass es bei dem Spiel nicht um Schnelligkeit gehe, habe sie dies auch den Schülern versucht zu erklären.

Mehr als fünfzig Minuten

Beide genießen die Zeit, die ihnen und ihren Schülern bei diesen Projekttagen gegeben wird. "Ansonsten sehe ich sie vier Stunden lang pro Woche - und ich bin Klassenvorstand", sagt Müller. Als Lehrerin müsse man in der Schule zusehen, dass man den Stoff in fünfzig Minuten durchbringe. Hier spiele der Faktor Zeit keine Rolle, man habe mehr Zeit zum Reden." Man kriegt mehr mit, wer mit wem befreundet ist und wo die Probleme der Schüler liegen", sagt Wiesinger.

Am Ende diskutieren Schüler und Lehrer gemeinsam die Übung. Kilian fasst es am besten zusammen: "Es geht um Teamarbeit, nicht nur jetzt, sondern auch in der Klasse." Mit seinem Reflexionsvermögen beeindruckt er Lehrerin Müller.

"Komische" Mitschüler

Die meisten der Kinder scheinen die Projekttage zu genießen. Manche kapseln sich ab, die anderen Schüler finden das zwar komisch, merken aber dann im gemeinsamen Zimmer und bei den Spielen, dass die "eh ganz nett sind", erzählen sie. "Wir halten zusammen, das war in der Volksschule nicht so", erzählen Madlen, Lena und Fe, die schon früher gemeinsam in einer Klasse waren. Auch die Mädchen und Buben würden mehr gemeinsam machen. Es gefällt ihnen, dass die einzelnen Teams gelost werden. "Dadurch lernt man die anderen kennen."

Der zweite Projekttag geht zu Ende. Draußen bläst der Wind die bunten Herbstblätter im Garten durcheinander. Manche haben immer noch nicht genug Frischluft getankt und laufen gleich nach der Diskussionsrunde wieder ins Freie. Zum Abendessen gibt es Augsburger mit Kartoffeln. Die beiden Lehrerinnen sehen der Nacht mit gemischten Gefühlen entgegen. Heimwehattacken und übermütige Elfjährige, die nicht schlafen wollen, stehen ihnen bevor. Trotzdem freuen sie sich darüber, dass die Schüler zu ihnen kommen, wenn sie nicht einschlafen können, und sich von ihnen beruhigen lassen. (Lisa Aigner, derStandard.at, 23.10.2013)

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