Aktien: Der Pessimismus ist verflogen

28. Oktober 2013, 17:15
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Die Hoffnung, dass die US-Notenbank die Märkte noch länger mit Geld versorgen wird, hat zu Euphorie bei Aktien beigetragen

Wien – An den Finanzmärkten werden wieder Rekorde gebrochen. Wichtige Aktienindizes wie der deutsche Dax oder der S&P 500 in den USA haben neue Höchststände erreicht, der Leitindex Dax etwa hat erstmals in seiner 25-jährigen Geschichte die Marke von 9000 Punkten geknackt. Damit steht der deutsche Index 146 Prozent höher als noch vor zehn Jahren. Das Barometer für den deutschen Aktienmarkt hat zwar im Vergleich zu anderen Leitbörsen einen Vorteil, denn es berücksichtigt schon die Dividenden der Unternehmen. Doch auch der Dax-Preisindex notiert mit 82 Prozent Plus deutlich höher als noch vor zehn Jahren. "Der Pessimismus ist verflogen" , sagt John Higgins, Chefökonom von Capital Economics dem Standard. "Es gibt gute Gründe für den neuen Optimismus. Die schlechten Nachrichten ebben ab, Europa erlebt einen langsamen Aufschwung."

Hoffnung kommt für Paras Anand, Chef für Europäische Aktien beim Vermögensverwalter Fidelity in London, gerade auch von der Unternehmensseite: "Europa bleibt offen für Investitionen: Angesichts der Bewertungen werden US-Unternehmen ihre Übernahmen in Europa verstärken."  So rechnet Anand im Telekombereich mit einem stärkeren Engagement von US-Firmen wie AT&T.

Doch auch Anleger haben in den vergangenen Wochen ihre Liebe zu europäischen Aktien neu entdeckt. Eine Untersuchung von Michael Hartnett, Stratege der Bank of America, zeigt, dass Anleger in den vergangenen zehn Wochen so viel Geld in Europa-Aktienfonds gesteckt haben wie noch nie. "Große, schäumende Zuflüsse"  beobachtet Hartnett an europäischen Aktienmärkten, knapp 21 Milliarden Dollar waren es in den vergangenen zehn Wochen.

Die Quelle dieser Zuflüsse ist für viele Experten in Washington zu finden. Denn die US-Notenbank Fed hat ihren Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik auf Eis gelegt und pumpt Monat für Monat 85 Milliarden Dollar in die Finanzmärkte. Ein Index zur Wahrscheinlichkeit einer Drosselung der Anleihekäufe, berechnet von Strategas Research in New York, zeigt, dass ein Ausstieg angesichts schwacher Wirtschaftskennzahlen allzu bald unrealistisch ist. Dass die Fed bis März ihre Bondkäufe reduziert, werde nur mit 41 Prozent Wahrscheinlichkeit passieren. Tatsächlich stellen sich viele Anleger auf weiter niedrige Zinsen ein.

Vorschusslorbeeren

Das Timing der US-Notenbanker ist dabei ein wichtiger Faktor. Bleibt das Ankaufprogramm der US-Notenbank nur ein halbes Jahr länger aktiv als erwartet, wäre die Bilanz der wichtigsten Zentralbank 500 Milliarden Dollar größer – und damit ein Rückenwind für die Aktienmärkte.

Angesichts dieser Liquiditätsflut bleiben aber die Fundamentaldaten im Hintergrund. Denn gerade in Europa wurden Vorschusslorbeeren verteilt, warnt etwa Lars Slomka, Stratege der Deutschen Bank, in einer aktuellen Studie: Während die Aktienmärkte gestiegen sind, haben Analysten im vergangenen Quartal ihre Gewinnerwartungen gesenkt. "Die Frage ist, wie nachhaltig die Erholung sein kann, wenn sich der Trend der Gewinnerwartungen nicht bald umkehrt."  Anleger zahlen aktuell pro Euro Gewinn immer mehr Geld auf dem Aktienmarkt, das Kurs-Gewinn-Verhältnis steigt, Aktien werden teuer.

Doch Ökonom Higgins hofft auf steigende Profite: "In Europa gibt es noch Raum dafür, dass die Gewinnmargen der Unternehmen steigen."  Springe erst die Konjunktur an, sollten auch die Gewinne zunehmen. Dabei hätten die Märkte das zum Gutteil schon vorweggenommen: "Wenn nun schlechte Nachrichten aufkommen, etwa steigende Zinsen in Italien oder Spanien, können die Märkte wieder stark nachgeben." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 29.10.2013)

 

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