Reden mit dem "Anstupser"

28. Oktober 2013, 17:19
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Am Freitag startet auf ORF 3 André Hellers "Menschenkinder". Interviewpartner aus Kunst, Politik und Kultur erzählen ungebremst. Zum Auftakt erinnert sich Erich Rietenauer an Erlebnisse mit Alma Mahler-Werfel.

Wien – Ein bisschen anders sind die "Menschenkinder", die Gesprächsreihe von André Heller, neu ab 1. November 2013 auf ORF 3. Das behauptet der Künstler selbst, und er weiß, wovon er spricht. Nur allzugerne nutzt das Fernsehen selbstdarstellungsbereite Gastgeber für Gesprächssendungen mit zu Pointengebern degradierten Interviewpartnern. Zuschauer langweilt das unendlich. Die Selbstdarsteller stört das für gewöhnlich nicht, meistens merken sie es nicht einmal.

In diese Falle tappt André Heller nicht. In "Menschenkinder" gibt es Heller im Bild nur im Vorspann. Ihm ging es darum, sich selbst aus den Gesprächen völlig herauszunehmen, um seinen Gästen vollen Raum zu lassen, sagt er. Dass da am Beginn zu sehen ist, wie Heller sinnierend in Büchern blättert, stört ihn, aber er lässt gewähren: "Meiner Mutter wird es gefallen", sagt Heller. Ungebremst erzählen Chronist Erich Rietenauer (1. November), Naturheilerin Erika Pichler (24. Dezember), Spitzenköchin Johanna Maier (25. Dezember), der ehemalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (6. Jänner) und im Frühjahr 2014 STANDARD-Herausgeber Oscar Bronner und Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel aus ihrem Leben. Die Länge der Sendungen variiert zwischen 45 und 90 Minuten, etwas, das sich wiederum nicht jeder, sondern eben nur ein André Heller erlauben darf.

"Ich stupse mit Fragen", sagt Heller. Im Fall des Reprofotografen, Autors und Alma-Mahler-Werfel-Freundes Erich Rietenauer ist das Ergebnis umso ergiebiger. "Ich war ein Maskottchen", sagt der 90-jährige im Film, den der ­STANDARD mit Journalisten vorab sah. Der 90-jährige Wiener erzählt von seiner Kindheit im Kreise der Künstlergruppe zwischen 1932 und 1937, über Begegnungen mit Franz Werfel, Carl Moll, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Emil Jakob Schindler, Johannes Hollnsteiner, Walter und Manon Gropius sowie 1934 den Bürgerkrieg in Wien und die Emigration nach Kalifornien.

Rietenauer spart nicht mit anekdotenhaften Details und erweist sich als begnadeter Chronist seiner Zeit. André Hellers Mutter wird so zufrieden sein. (Doris Priesching, DER STANDARD, 28.10.2013)

  • Ging als Kind bei Alma Mahler-Werfels Haus ein und aus: Erich Rietenauer, erster Gesprächspartner in André Hellers Reihe "Menschenkinder" ab 1. November in ORF 3.
    foto: orf/hans leitner

    Ging als Kind bei Alma Mahler-Werfels Haus ein und aus: Erich Rietenauer, erster Gesprächspartner in André Hellers Reihe "Menschenkinder" ab 1. November in ORF 3.

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