35 Sekunden für Lou

28. Oktober 2013, 16:58
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Wenn so eine Ablebensmeldung noch kurz vor einem Redaktionsschluss kommt, wird's mitunter eng

Natürlich erwischt einen so etwas immer kalt. Ein Todesfall, der einen Nachruf verlangt. Wenn so eine Ablebensmeldung dann noch kurz vor einem Redaktionsschluss kommt, wird's mitunter eng, der Rest ist fertig, wohin mit der Leich'?

Im Falle von Lou Reed, der am Sonntag mit 71 Jahren gestorben ist, schnitt sich die "ZiB" dann auch bloß 35 Sekunden Berichterstattung aus der Seele. Dem New Yorker Musiker wurde zwar zugestanden, Legionen von Musikern beeinflusst zu haben, aber was ist das schon im Vergleich zu einem Cannabis-Fund in Kärnten (Huch!) und der Meldung, dass Sebastian Vettel Kreisfahrerweltmeister geworden ist? Das war der "ZiB" immerhin 39 Sekunden wert.

Nun wäre Lou Reeds Wirken natürlich noch mit 20 Minuten nur ungenügend umrissen. Aber mehr als ein paar Stehsätze und Floskeln sollten selbst in dem ungünstigen Fall drin sein, wenn sich so ein alter Held eine Stunde vorm Sendetermin empfiehlt.

Im ORF-Berichterl fand sich dann auch kein gesprochenes Wort über jene Band, mit der Reed, protegiert immerhin von Andy Warhol, Ende der 1960er-Jahre über die Welt kam: The Velvet Underground.

Schließlich heißt es in einem geflügelten Wort über diese Formation, dass jeder, der sich damals eine ihrer Platten gekauft hat, eine Band gegründet haben soll. Aber selbst der Kultursender Arte verräumte Reed an den letztmöglichen Platz im Juche seiner Kulturnachrichten. Dort wurde dann das Musikmagazin "Rolling Stone" als Quelle der Todesnachricht zum Magazin "Rolling Stones". Da musste man anstelle des Verstorbenen dann doch ein wenig mit den Zähnen knirschen.

Hiermit erledigt. (Karl Fluch, DER STANDARD, 29.10.2013)

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