"In dem Alter ist die Welt sexuell geladen"

Interview28. Oktober 2013, 17:41
30 Postings

Die junge US-Regisseurin Eliza Hittman erzählt in ihrem Spielfilmdebüt "It Felt Like Love" vom sexuellen Erwachen eines Teenager-Mädchens

Es ist Sommer, und Lila will Sex. Ihr Blick hängt an Sam, seinen behaarten Beinen, seinem nackten Oberkörper, den Tattoos. Lila weiß, was sie will, aber sie weiß nicht, wie sie es bekommen kann. Lila (Gina Piersanti) ist vierzehn, sie ist die Heldin von Eliza Hittmans stimmiger Teenagerstudie It Felt Like Love, die von Lilas Begehren erzählt, indem sie Blicken folgt, Körper, Gesten und Posen zwischen Coolness und schlecht verborgener Unsicherheit festhält - in einem faulen Sommer in New York.

STANDARD: Wo genau haben Sie gedreht? Ist das eine italoamerikanische Gegend?

Eliza Hittman: Wir haben in Brooklyn gedreht. Ich bin da aufgewachsen, studiert habe ich aber in Los Angeles an der CalArts. Die Leute dort kamen aus allen möglichen Ländern. Um ihre Abschlussfilme zu drehen, sind viele nach Hause gefahren: nach Kaschmir, ins ländliche China - und ich hatte bloß Brooklyn. Also habe ich in dieser Ecke, die Sheepshead Bay heißt, einer russisch-ukrainischen Umgebung, die höchstens manchmal als Hintergrund für russische Gangstergeschichten verwendet wird, zunächst einmal meinen Diplomfilm gedreht. Und für It Felt Like Love wollte ich ebenfalls mit meinem "Insiderwissen" um Plätze und Ecken arbeiten, die kaum je gefilmt werden und die "nicht erkennbar New York" sind.

STANDARD: Haben Sie Ihre jugendlichen Darsteller vor Ort gecastet?

Hittman: Teils, teils. Die beiden jungen Männer habe ich in einem Park getroffen, wo sie am Handballspielen waren. Ich habe sehr viel Zeit mit Herumgehen verbracht, Leute angesprochen. Die beiden wollten wissen, wonach ich suche, und ich habe gesagt: "Herzensbrecher". Da ging es gleich: "Das sind wir! Wir sind Herzensbrecher!" Also hab ich sie vom Fleck weg gecastet.

STANDARD: Und die Mädchen?

Hittman: Wegen der Mädchen habe ich Tanzstudios abgeklappert. Ich wusste, dass Lilas beste Freundin Italoamerikanerin sein würde, aus Carroll Gardens, und Giovanna hat in einem Studio dort eine Hip-Hop-Dancecrew. Die hab ich gleich alle engagiert. Gina hat wiederum mich über Castingaufrufe gefunden. Für ihre Figur hatte ich mir emotionale Kriterien überlegt: Sie sollte verwundbar sein - und ernst. Aber Mädchen mit diesen Qualitäten waren vom Drehbuch und dem sexuellen Thema sehr eingeschüchtert. Wir haben also lange geredet, es hat gedauert, bis sie einverstanden war. Sie kommt übrigens aus Jersey City.

STANDARD: Sie haben "It Felt Like Love" geschrieben, inszeniert und koproduziert. Wie schwierig war es, dieses Projekt zu realisieren?

Hittman: Es ist eine extrem kleine Produktion. Ich habe über ein Jahr lang dran geschrieben, dann habe ich selber gecastet. Ich habe es rund um Schauplätze geschrieben, zu denen ich kostenlos Zugang hatte. Außerdem habe ich Dinge integriert, die die Kids selber mitgebracht haben, wie das Tanzen. Ich habe versucht, mit meinen beschränkten Mitteln das Beste rauszuholen. Wir haben auch im Sommer gedreht, weil da Ferien waren - sonst braucht man Lehrer, Betreuungspersonal für die Kids. Ich hatte sehr wenig Geld, 18 Drehtage. Der Kameramann musste ohne Crew arbeiten, wir hatten genau drei Lampen. Das gesamte Team bestand aus rund zehn Leuten. Viele Leute in den USA machen jetzt auf diese Art Filme - oft in Brooklyn -, aber selten über so ein Thema. Es geht eher um Twens und deren Probleme. Wir hatten etwas Größeres im Sinn, das Visuelle war uns ein stärkeres Anliegen.

STANDARD: Immerhin wurde "It Felt Like Love" dann Anfang 2013 in Sundance uraufgeführt. Erhöht das die Chancen auf eine spätere Auswertung im Kino?

Hittman: Ich hoffe. Es geht etwas langsamer, als ich gedacht hatte. Aber zugleich hat mich das Projekt auch sehr aufgebaut. Wir haben es schließlich geschafft.

STANDARD: Zuletzt schien Sundance vor allem für ein eher formelhaftes Indie-Verständnis zu stehen.

Hittman: Das Bild von Sundance wird vor allem vom Hauptwettbewerb geprägt. Mein Film lief in der Sektion "next" - das sind Filme, die alle mit extrem beschränkten Ressourcen gemacht wurden. Das ist zum Beispiel immer ein guter Ort für Entdeckungen, auch die Kurzfilmsektion. Der Wettbewerb ist in mancher Hinsicht schon ein bisschen zu sehr im Gleichklang mit Hollywood. Und natürlich ist es ein Markt, Firmen wie Fox Searchlight kommen, um etwas für ihr Verleihprogramm zu finden.

STANDARD: Sie haben von Ihren Streifzügen fürs Casting gesprochen. Sind Ihnen dabei auch die kleinen Gesten, Posen, Rituale aufgefallen? Dieses ganze nonverbale Vokabular, mit dem Lila ihr Begehren ausdrückt, oder das, was ihren begehrlichen Blick anzieht?

Hittman: Ich wollte aus einem sehr subjektiven Blickwinkel erzählen. In diesem Alter ist die Welt sehr sexuell geladen, das spiegelt sich in diesen segmentierten Einstellungen wider, in Lilas Eindrücken von Maskulinität und Femininität. Die jungen Männer funktionieren bis zu einem gewissen Grad auch symbolisch, sie repräsentieren eine bestimmte Sexualität. Meine Streifzüge haben mich außerdem hinsichtlich des Produktionsdesigns geprägt. Ich wollte den gegenwärtigen Look der Teenager richtig hinbekommen, auch ihr Lebensgefühl - es sollte nicht meine nostalgisch gefärbte Sicht auf junge Leute heute sein.

STANDARD: Ich musste auch an "Kids" denken. Während einem bei Larry Clarks Film aber ein gewisser erwachsener männlicher Voyeurismus in die Quere kommt, wird man in Ihrem Film ganz klar auf Lilas Blickwinkel verwiesen.

Hittman: Ich habe Kids seit gut zehn Jahren nicht mehr gesehen. Aber ich werde jetzt immer wieder darauf angesprochen und sollte ihn mir wieder anschauen. Als er rauskam, war ich gerade auf der Highschool. Auf irgendeine Weise ist er also sicher in meinem Bewusstsein vorhanden. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 29.10.2013)

29. 10., Schwarzenbergplatz, 20.30; 5. 11., Urania, 14.00

Eliza Hittman, geboren 1979 in New York, realisierte mehrere teils preisgekrönte Kurzfilme (u. a. "Forever's gonna start tonight", 2011); "It Felt Like Love" ist ihr Spielfilmdebüt.

Link

Viennale

  • Lila (Gina Piersanti) hat Ferien - und sie denkt sich einen Plan aus, wie sie ihr Begehren in die Tat umsetzen könnte.
    foto: viennale

    Lila (Gina Piersanti) hat Ferien - und sie denkt sich einen Plan aus, wie sie ihr Begehren in die Tat umsetzen könnte.

  • Indie-Filmerin aus Brooklyn: Eliza Hittman. 
    foto: privat

    Indie-Filmerin aus Brooklyn: Eliza Hittman. 

Share if you care.