Safari in Kenia: Zunge zeigen

31. Oktober 2013, 16:56
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Im Masai-Mara-Nationalpark in Kenia gehen Besucher mit großmäuligen Löwen und ihren wilden Freunden auf Tuchfühlung - mit Ansichtssache

Soll man zur Beute werden, wie viel besser, dem Löwen zuzufallen als dem Wolf", hat Shakespeare, an den man jetzt unweigerlich denkt, einmal geschrieben. Aber was soll daran besser sein! Auf wenige Meter nähern sich die Löwen dem offenen Toyota, in dem lauter kleine Amuse-Gueules aus Europa sitzen, und fletschen ihre Zähne, diese gar nicht kleinen und gar nicht freundlichen Simbas. Was gäbe man in diesem Augenblick darum, Dolmetscher für des Löwenfrauenzimmers Körpersprache zu sein. Ist sie müde? Ist sie hungrig? Ist sie einfach nur genervt? Und noch bevor man in der verzwickten Situation ist, sich mit der existenziellen Frage des Seins oder Nichtseins zu beschäftigen, legt sich die von Karies gänzlich verschonte Dame sanftmütig ins Savannengras, leckt sich das Maul und beginnt, mit ihrem Löwenmann zu schmusen. Herzschlag: fallend.

Der Nationalpark Masai Mara im Westen des Landes ist Kenias tierreichstes Reservat. Und zwar sowohl in Bezug auf die Anzahl der Arten als auch in Bezug auf die der Einzeltiere. Schätzungen zufolge leben hier etwa 1,5 Millionen Weißbartgnus, eine halbe Million Gazellen, 200.000 Zebras und 70.000 Impalas. Lediglich die Zahl der großen Wildviecher, der sogenannten Big Five - Elefanten, Nashörner, Büffel, Leoparden und Löwen -, ist in den letzten 30 Jahren um fast ein Drittel gesunken. Schuld daran sind einerseits die Weizenfelder und Rindergehege, die dem 1500 Quadratkilometer großen Nationalpark immer näher kommen, und andererseits die Wilderer.

Schuss vor den Bug

"Jagdtourismus war in Kenia lange Zeit ein großes Problem", erinnert sich Walukana Aggrey, der in der Masai Mara seit vielen Jahren als Guide arbeitet. "Doch vor zwei Monaten ist jetzt endlich ein Gesetz in Kraft getreten, das die Wilderer aus China, Indien und Malaysien, wie es scheint, bereits erfolgreich abschreckt." Zehn Millionen Kenianische Schilling, rund 85.000 Euro, Strafe und 15 Jahre Gefängnis sind pro Schuss fällig. Es sei denn, man schießt, so wie wir, mit der Kamera, und das gleich ein paar Tausend Mal. Denn das mal schnaubende, mal fauchende Potpourri vor der Linse erweist sich in der Tat als überaus fotogen.

Mit Rumpeln und Ruckeln setzt sich unser fahrender Fressnapf wieder in Bewegung. Wer in der Masai Mara unterwegs ist, der braucht nicht nur gute Stoßdämpfer, sondern auch einen ausdauernden Hintern. An manchen Stellen, so fühlt es sich an, wäre man zu Fuß schneller, aber das will man dann doch nicht. Nicht einmal die Massai, die hier leben, verlassen ohne Speer das Dorf. In knallrotes Tuch gehüllt, denn kräftige Farben, sagt man, schrecken Löwen ab, ziehen die großen, schlaksigen Männer durch die Savanne und treiben Kuh- und Ziegenherden vor sich her.

Und wieder Stopp. Eine Horde von Zebras steht mitten auf der Piste. Unser fahrplanmäßig nicht vorgesehener Aufenthalt lädt zum Studium der Zebrastreifen: Nur auf den ersten Blick sehen alle gleich aus, bei genauer Beobachtung zeigt sich jedes Schwarzweiß-Bild als ein anderes. Nicht einmal rechte und linke Körperhälfte stimmen überein.

Man fotografiert, blickt um sich, sehnt sich wieder nach etwas Farbe vor Augen, entdeckt einen Strauß, und noch einen Strauß, dahinter ein Rudel weißbärtiger Gnus, gleich ein paar Hundert davon, Foto. Paviane, Wildschweine, grasende Elefanten, Foto. Zwei Giraffenhälse als hin und her wackelnde Stangen zwischen den wenigen, schattenspendenden Schirmakazien, Foto. Und dann plötzlich, Spannung liegt in der Luft, schleicht sich eine hungrige Löwenmama an das Gnurudel heran und setzt zum Sprint an. Der Akku ist leer. Kein Foto. Der Rest ist Shakespeare.

Ein paar Kilometer weiter, sprich eine Stunde und tausende heftige Herzschläge später, erreichen wir das Massai-Dorf Manyatta. 44 Familien leben hier in 44 Häusern, die kreisförmig zueinander angeordnet sind. Die Lehmhütten, die wegen der manchmal fegenden Winde nur über kleine Fenster verfügen, umfassen Wohnküche, Schlafbereich für Eltern und Kinder und einen kleinen Stall für Jungtiere. Und das alles auf 15 Quadratmetern. Nutztiere grasen tagsüber die Savanne ab, bei Dunkelheit jedoch, wenn Simba-Gefahr hinter Büschen lauert, werden die Schafe, Ziegen und Kühe ins sichere Dorfinnere getrieben.

"Seit uns Touristen besuchen, ist das Leben anders geworden im Dorf", sagt der 37-jährige Häuptlingssohn Stephan - so sein christlicher Taufname - Kipempei Ole Karia. "Aber das ist auch gut so, denn mit den Gesangs- und Tanzauftritten, die wir fast täglich haben, können wir die Schulbildung unserer Kinder finanzieren. Früher mussten wir dafür noch Haustiere verkaufen." Auch die rituelle Mutprobe - das Löwenerlegen mit dem Speer, das die Massai-Krieger bei Erreichen der Volljährigkeit früher bestehen mussten - ist einer nachhaltigeren Form der Attraktivitätssteigerung gewichen. Um Frauen zu beeindrucken, arbeiten junge Massai-Männer heute als Lehrer oder Fremdenführer.

Migration am Mara

Drüben am Horizont ragen die Oloololo-Berge in die Höhe. Thomson-Gazellen und Antilopen haben sich fotogen ins Bild gedrängt. Dahinter liegt Tansania und damit der südliche und größere Teil der Masai Mara, die Serengeti. "Zweimal im Jahr", erzählt Walukana Aggrey, "kann man beobachten, wie Millionen von Tieren den Mara-Fluss durchqueren und in den jeweils anderen Nationalpark wechseln. Das ist das Beeindruckendste, was man sich vorstellen kann." Migration nennt sich die anstrengende und lebensgefährliche Reise, an der jedes Jahr rund zwei Millionen Wildtiere teilnehmen, um vor der sengenden Hitze zu fliehen. Manche fallen dabei den hohen Temperaturen und der Trockenheit zum Opfer, andere den Krokodilen und Nilpferden, die hungrig im Mara auflauern und sich quer durchs mehrgängige Menü fressen.

Wir bleiben heute ohne Migrationshintergrund. Falsche Saison. Macht nichts. In der Mara Rianta Lodge im Norden des Nationalparks kommt man eh nicht umhin, beim Duschen am optischen, akustischen und olfaktorischen Auftritt der Hippos teilzuhaben. Dumpfbackig liegen sie den ganzen Tag im Fluss und schauen in die offenen, nur mit Planen und Netzen verhängten Luxuszelte. Ein Schnaufen und Schnauben, ein Gurgeln und Fauchen. Ein elektrischer Zaun rund um die Anlage sorgt dafür, dass Zwei- und Vierbeiner einander nicht in die Quere kommen.

"Habt ihr den Löwen gesehen?" Walukana Aggrey schaut uns groß an. Wir schauen groß zurück. "Grad eben, vor ein paar Minuten, ist er am Camp vorbeimarschiert!" Abends, wenn auf 1600 Metern Seehöhe die Kälte über die Masai Mara hereinbricht und einem unter dem 60 Quadratmeter großen Nobelzeltdach fröstelt, wartet bereits eine heiße Wärmeflasche unter der Bettdecke. In der Früh, von hippobrünftigen Schreien geweckt, wird man feststellen, sich im Traum nach William und Wölfen gesehnt zu haben. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Rondo, 31.10.2013)


Bilder gibt's in einer Ansichtssache.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise wurde unterstützt von Thomas Cook

  • Müde? Hungrig? Genervt ob der vielen Fotografen? Man müsste Löwenkörpersprachendolmetscher sein.
    foto: wojciech czaja

    Müde? Hungrig? Genervt ob der vielen Fotografen? Man müsste Löwenkörpersprachendolmetscher sein.

  • Sonnenuntergänge in der Masai Mara machen friedlich.
    foto: wojciech czaja

    Sonnenuntergänge in der Masai Mara machen friedlich.

  • Viele frühere Massai-Krieger arbeiten heute als Lehrer oder Fremdenführer.
-> Weitere Bilder gibt's in einer Ansichtssache.
    foto: wojciech czaja

    Viele frühere Massai-Krieger arbeiten heute als Lehrer oder Fremdenführer.

    -> Weitere Bilder gibt's in einer Ansichtssache.

  • Anreise & Unterkunft
Anreise: Ab 5. 11. 2013 Direktflüge Wien - Mombasa mit Condor. Weiter mit zahlreichen Shuttleflügen in den Nationalpark Masai Mara.
Unterkunft: Neu und luxuriös: das Exploreans Mara Rianta im Norden. 20 Zimmerzelte direkt am Mara-Fluss.
 
 
    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft

    Anreise: Ab 5. 11. 2013 Direktflüge Wien - Mombasa mit Condor. Weiter mit zahlreichen Shuttleflügen in den Nationalpark Masai Mara.

    Unterkunft: Neu und luxuriös: das Exploreans Mara Rianta im Norden. 20 Zimmerzelte direkt am Mara-Fluss.

     

     

  • >>> Rondo Cover-Story
    foto: elsa okazaki
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