"Nur Fahrzeuge kaufen ist nicht wirtschaftlich"

5. November 2013, 17:00
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Sabine Wagner entwickelt für das deutsche Fraunhofer Institut nachhaltige Mobilitätskonzepte und testet sie im Firmenflotteneinsatz

derStandard.at: Elektroauto für den Fuhrpark: Ist die Zeit schon gekommen oder ist es klüger noch ein bisschen zu warten?

Sabine Wagner: Generell eignen sich Elektroautos auch heute schon für den Flotteneinsatz – mehr kann man aber pauschal nicht sagen. Denn es kommt auf eine Reihe von Faktoren an. Deshalb analysieren wir in unseren Projekten bestehende Fuhrparks und zeigen danach Potentiale für die Elektrifizierung auf. Nicht jeder Fuhrpark ist für die E-Mobilität geeignet.

derStandard.at: Welche Faktoren fließen in Ihre Analysen ein?

Wagner: Fraunhofer IAO führt Fuhrparkanalysen bei Unternehmen und Kommunen durch. Wir schauen uns die Anzahl der Fahrzeuge sowie deren Fahrtenprofile an, ihre Einsatzgebiete und die Strecken, die zurückgelegt werden. Ein ganz wichtiger Faktor ist die Auslastung. Viele konventionelle Flotten sind nicht effizient gemanagt und nicht richtig ausgelastet, da könnte man schon vor der Elektrifizierung einsparen.

derStandard.at: Und am Ende der Analyse steht eine bestimmte Zahl von E-Fahrzeugen?

Wagner: Wir simulieren in unseren Modellen unterschiedliche Elektrifizierungsszenarien – inklusive Lade- und Standzeiten. So viele E-Fahrzeuge wie möglich ist nicht immer das wirtschaftlichste. Die Elektrifizierung ist ein Teil des gesamtbetrieblichen Mobilitätskonzepts, das zum Beispiel generell das Ziel verfolgen kann, den Individualverkehr einzudämmen. Dann muss man sich anschauen wie Mitarbeiter und Pendler in die Firma kommen. Auch der Einsatz der Fahrzeuge im Lauf der Jahreszeiten wird berücksichtigt, ob es Schwankungen zwischen Winter und Sommer gibt.

derStandard.at: Was sind Argumente für die E-Mobilität?

Wagner:  Die Anschaffung ist immer noch sehr teuer, aber bei guter Auslastung  können Elektrofahrzeuge durch die niedrigen Betriebskosten punkten, besonders wenn die Rahmenbedingungen beim Tanken stimmen. Auch Steuervorteile oder Förderungen sind ein guter Anreiz, damit der Betrieb ab einem gewissen Zeitpunkt wirtschaftlich wird. E-Mobilität ist auch ein Aushängeschild, das zeigt, die Firma ist am Puls der Zeit und leistet einen innovativen Beitrag zur Umweltschonung.

derStandard.at: Welche Überzeugungskraft haben Förderungen für die Umrüstung?

Wagner:  Förderung ist nicht das Allheilmittel – für den einzelnen Bürger sind sie durchaus sinnvoll, weil die Anschaffungskosten hoch sind. In Unternehmen ist es aber nicht damit getan, nur Fahrzeuge zu kaufen. Wir haben aber Unternehmen mit Flotten getroffen, in denen die E-Fahrzeuge herumstanden, weil die Mitarbeiter nicht sensibilisiert wurden.

derStandard.at: Welche Hindernisse gilt es in E-Projekten bei Gemeinden und Unternehmen noch zu überwinden?

Wagner:  Die Vorurteile der Menschen. Viele denken in Reichweite, aber die allermeisten Fahrten lassen sich mit einer Aufladung pro Tag gut meistern. Es gibt Vorbehalte gegen asiatische Hersteller. Man muss Überzeugungsarbeit bei Mitarbeitern leisten und sie in einer Testphase E-Fahrzeuge wirklich erfahren lassen. Wir bekommen für diesen Zugang sehr positive Rückmeldungen. Das ist wichtig, denn wenn das Konzept von den Mitarbeitern nicht angenommen wird, stimmt die Auslastung nicht und die Flotte fährt unwirtschaftlich. Nur Fahrzeuge einkaufen und hinstellen ist nicht unbedingt erfolgversprechend.

derStandard.at: Für welche Branchen ist ein Umstieg besonders ratsam?

Wagner:  Pflegedienste weisen viel Potential auf, sie betreiben kleine Fahrzeuge, die viel innerstädtisch unterwegs sind. Im ländlichen Raum müsste man sich die Tagesleistung an Kilometern noch anschauen.

Botendienste bieten sich an, beim Lieferverkehr ist oft die Logistik ein Knackpunkt - da kommt es auf effizientes Management der Nutzerzeiten an. Wir untersuchen gerade in einem Schaufensterprojekt das Potential für Stadtfahrten bei den großen Paketzustellern.

derStandard.at: Auffällig ist, dass besonders Gemeinden über eine Umstellung auf Elektrofahrzeuge nachdenken. Warum?

Wagner:  Ich denke, dass vor allem Gemeinden in Tourismusgebieten Innovation zeigen wollen und ihre Attraktivität durch die leisen und schadstoffarmen Fahrzeuge steigern möchten.

derStandard.at: Was sind die wichtigsten Schritte bei einer Umstellung des Fuhrparks?

Wagner:  Zuerst wird die konventionelle Flotte und ihre Auslastung analysiert. Bei Fraunhofer IAO haben wir eine Analyse-Software entwickelt. Ein intelligentes Reservierungssystem, das Stand- und Ladezeiten berücksichtigt, ist wichtig. Ein Knackpunkt ist die Praxisphase mit den Mitarbeitern. Auf die Mitarbeiter hören, Ablehnung auf den Grund gehen, Schulung und Aufklärung gehören genauso zum Paket wie Testfahrzeuge. Nach der Testphase wird die Situation analysieren und dann entscheiden, ob überhaupt E-Fahrzeuge angeschafft werden müssen. Die komplette Analyse erstreckt sich über einen Zeitraum von rund sechs Monaten.

derStandard.at: Nachteil geringe Reichweite: Welche alternativen Ideen gibt es und wie praktikabel sind sie?

Wagner:  Oft läuft es auf die Koppelung von E-Mobilität und öffentlichen Verkehrsmitteln hinaus. Wir nennen das die intermodale Kette. Zum Beispiel für eine Dienstreise von Wien nach Innsbruck wäre eine Kombination aus Bahnfahrt, Car Sharing am Ankunftsort oder öffentlichen Verkehrsmitteln oder Pedelecs (Elektrofahrrädern, Anm.) sinnvoll. Leider ist die Recherche einer solchen Reise sehr umständlich – es gibt bislang noch keine Plattform, die die Vernetzung möglich und damit die Intermodalität für Endnutzer praktisch macht.

derStandard.at: Wann rechnen sie mit einer flächendeckenden, akzeptablen Dichte von Ladestationen?

Wagner:  Die Ladeinfrastruktur ist bislang noch nicht wirtschaftlich. Zunächst ist es ein Draufzahlgeschäft, Ladestationen zu betreiben, das ist ein Henne-Ei-Problem. Solange nicht mehr Autos unterwegs sind, wird auch die Infrastruktur nicht ausgebaut. Es gibt aber viele Insellösungen, die sollte man verbinden.

derStandard.at: Wie grün ist der Strom, der aus den Ladestationen für E-Fahrzeuge kommt?

Wagner:  Man versucht so viel grün wie möglich zu tanken, Österreich nimmt da eine Vorreiter-Rolle mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Energien ein. Einzelne Unternehmen nutzen Photovoltaik auf großen Dachflächen, um ihren eigenen Kreislauf zu schaffen. (Gabriela Poller-Hartig, derStandard.at, 3.10.2013)

  • Sabine Wagner entwickelt für das deutsche Fraunhofer-Institut Sustainable Mobility Concepts.
    foto: fraunhofer iao

    Sabine Wagner entwickelt für das deutsche Fraunhofer-Institut Sustainable Mobility Concepts.

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