"Faust" im Doppelpack: Circensisches Weltendrama Goethes

28. Oktober 2013, 07:29
1 Posting

Intendant Carl Philip von Maldeghem lässt zum 120-Jahr-Jubiläum auf "Der Tragödie ersten Teil " (aus dem Jahr 2009) einen "Faust II " folgen

Salzburg - Zum 120-Jahr-Jubiläum des Salzburger Landestheaters inszeniert Intendant Carl Philip von Maldeghem einen der zentralen Stoffe der Weltliteratur: Johann Wolfgang von Goethes Faust I und II. Wobei Der Tragödie erster Teil eine Wiederaufnahme von dessen Einstandsregiearbeit aus dem Jahr 2009 ist. Diese wird im Stammhaus beim Makartplatz gegeben, für den zweiten Teil übersiedelt die Produktion in die beeindruckende Kulisse der Felsenreitschule.

Dieser Spielortwechsel gleicht einer theatergeschichtlichen Reminiszenz, denn in der Felsenreitschule realisierten Clemens Holzmeister und Max Reinhardt 1933 für Faust I die "Fauststadt". Wie in Reinhardts historischen Aufführungen nutzen Maldeghem und sein Team vor allem die Drehbühne sowie sich hebende und senkende Elemente. Weil es Goethes Originaltext an realistischen Motiven für den dramatischen Ablauf mangelt, wird die Inszenierung zur zirkusreifen musikalischen Nummernrevue.

Das Studierzimmer des Gelehrten Heinrich Faust, der an Sinn und Erkenntniswert der Wissenschaft zweifelt, ist hier ein Forschungslabor-Käfig samt Laptop und kleineren Käfigen mit weißen Mäusen. Faust (Christoph Wieschke) gleicht einem karrieregeilen Biotechnologen, bei dessen Forschungen einem schon Zweifel in den Sinn kommen können. Wieschke turnt sich dabei auf das Glasdach und wieder retour. Überhaupt sind die beiden Aufführungen von Circensischem und Sportsgeist geprägt.

Bungeeseil-Einlagen

In Teil II zeigen Shantia Ullmann und Tim Oberließen beispielsweise akrobatische Trapez- und Bungeeseil-Einlagen. Der Pudel kommt vom hiesigen Marionettentheater, des Pudels Kern, bleibt natürlich der Wettpakt mit dem Teufel Mephisto (großartig gespielt von Sascha Oskar Weis).

Ein netter Regieeinfall ist die Szene in Auerbachs Keller, wo Goethe eine studentische Zechpartie auftreten lässt. Bei Maldeghem wird daraus ein Quartett derber Biertschecheranten, die auch einer rechten Burschenschaft angehören könnten - eventuell ein Kommentar zu den gängigen Faust-Interpretationen früherer Zeiten, die den Dichter und seinen Protagonisten in der germanischen Mythologietradition verankern wollten. Im Landestheater schütten sich die Bierburschen nicht nur zu und einmal an, sie geben auch noch eine Gesangseinlage: Es gibt kein Bier auf Hawaii; Schwarzbraun ist die Haselnuss; Marmor, Stein und Eisen bricht.

Der Regisseur bleibt bei dem überbordenden Stoff - allein Faust II hat in Goethes Original 12.111 Verse - konsequent konzis. Anders als das Mammut-Faust-Projekt von Peter Stein, bei dem einmal acht und einmal satte 14 Stunden an Sitzfleisch und Konzentration in Anspruch genommen wurden, kommt Maldeghem mit jeweils knapp drei Stunden durch.

Die riesige Bühne in der Felsenreitschule ist sparsam ausgestattet: ein kleines weißes Häuschen, eine "Linde" sowie rückwärtige Arkaden, die immer wieder von einem 50-köpfigen jugendlichen Bewegungschor belebt werden. Dazu kommt die Verteidigungsrede des Lynkeus als Schlagzeugsolo (von Gero Nievelstein) sowie viel Pyrotechnik.

Eine zentrale Stelle in Faust II, der als Allegorie auf den Kapitalismus gelesen werden kann, ist die Szene am Kaiserhof, wo über das Geld räsoniert wird. Man hätte sich in Zeiten vieler schiefgegangener Wetten gewünscht, diesen Aspekt mehr betont zu sehen. Auf die individuelle Krise in Faust I folgt jedenfalls die gesellschaftliche im zweiten Teil, in den der Regisseur auch Textpassagen aus Goethes Prometheus-Fragment eingebaut hat.

In der Felsenreitschule steht eindeutig der Teufel im Glitzersakko im Mittelpunkt. Die beiden Faust-Teile an einem Tag gibt es noch am 9. und am 16. November. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD, 28.10.2013)

  • Auf dem Vorgebirge will ein Krieg gewonnen werden: Faust (Christoph Wieschke) und Mephisto (Sascha Oskar Weis, re.) in "Faust II" in der Salzburger Felsenreitschule.
    foto: christina canaval

    Auf dem Vorgebirge will ein Krieg gewonnen werden: Faust (Christoph Wieschke) und Mephisto (Sascha Oskar Weis, re.) in "Faust II" in der Salzburger Felsenreitschule.

Share if you care.