Ein weiterer Milliardär steigt in die Politik ein

Kopf des Tages27. Oktober 2013, 23:10
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Andrej Babiš, im ersten Anlauf Nummer zwei in Tschechien

Andrej Babiš will nicht sein "wie die Politiker" – und er wirkt auch nicht wie einer. Etwas verloren sitzt er am Wahlabend in der Elefantenrunde des Tschechischen Fernsehens. Wie es nun weitergehen soll, will der Moderator wissen; etwa bei der Wahl des Parlamentspräsidiums. Babiš weiß es noch nicht genau. Um Posten gehe es ihm je­denfalls nicht. "Für mich ist das hier eine völlig neue Welt."

Eine Welt, an die sich der zweitreichste Tscheche wohl gewöhnen muss. Bei der Wahl hat seine Liste Ano auf Anhieb Platz zwei erreicht. Ano – das heißt auf Tschechisch Ja. Ano ist außerdem die Abkürzug für Aktion unzufriedener Bürger. 2011 gründet sie Babiš als Bürgerinitiative, zwei Jahre später hält er den Schlüssel zur Regierungsbildung in der Hand. Die Kurzfassung des Wahlergebnisses: Ohne Babiš geht gar nichts.

Andrej Babiš wurde 1954 im slowakischen Bratislava geboren. Als Sohn eines Außenhandelsvertreters lernte er früh die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs kennen. Zur Schule ging er unter anderem in Paris und in Genf, die Matura legte er in Bratislava ab, wo er auch Welthandel studierte und eine Stelle bei der Firma Chemapol antrat. Seine Erfahrungen und nicht zuletzt seine Französischkenntnisse führten ihn wieder ins Ausland, ab 1985 vertrat er die Interessen mehrerer Betriebe in Marokko. Ohne Mitgliedschaft in der KP wäre das kaum möglich gewesen – den Vorwurf der Mitar­beit beim Geheimdienst StB weist Babiš jedoch zurück.

1993 gründete er die Holding Agrofert, mit der er seither vor allem in der Düngemittelbranche erfolgreich ist. Die Zeitschrift Forbes schätzt sein Vermögen auf rund zwei Milliarden Dollar. Dass er im Juni den Medienkonzern Mafra und mit ihm gleich zwei tschechische Tageszeitungen gekauft hat, brachte ihm den Spitznamen "tschechischer Berlusconi"  ein.

Auch Vergleiche mit Frank Stronach liegen nahe. Mit 59 Jahren ist Babiš allerdings erheblich jünger, und in seinem Team finden sich immerhin ein ehemaliger EU-Kommissar und ein Schauspieler, der auch schon einmal Botschafter und Kulturminister war. Politisch ist Babiš jedoch nur schwer einzuordnen: "Ich kann nicht so lange und so schön reden", sagt er in der Elefantenrunde. "Aber wir möchten nicht blockieren, wir möchten arbeiten."

Andrej Babiš ist zum zweiten Mal verheiratet und vierfacher Vater. Und ob er will oder nicht: Jetzt ist er auch Politiker. (Gerald Schubert /DER STANDARD, 28.10.2013)

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    foto: apa/epa
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