Der Teufel steckt im großen Ganzen

Daniel Ender
27. Oktober 2013, 18:21
  • Grausamkeit und Träumerei, Höhenflüge und Abstürze wie auch Erotik - vieles bietet die neue Oper von Péter Eötvös.
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    Grausamkeit und Träumerei, Höhenflüge und Abstürze wie auch Erotik - vieles bietet die neue Oper von Péter Eötvös.

Am Eröffnungswochenende würdigte Wien Modern im Museumsquartier Péter Eötvös mit der Uraufführung seiner Oper "Paradise reloaded (Lilith)"

Wien - Lucifer ist richtig grantig - und schreibt dem lieben Gott nach seinem Rausschmiss aus dem Paradies einen nicht eben schmeichelhaften Brief. Währenddessen stößt eine zweite Verstoßene zu ihm: Lilith, die erste Frau aus dem Umkreis der biblischen Schriften, auch dort ausgesondert und in die Apokryphen verbannt.

Gemeinsam sinnen sie auf Rache bei Adam und Eva und bringen - so in etwa - dadurch erst eigentlich das Unheil in die Welt. So weit, so viel versprechend der Ausgangspunkt der neuen Oper von Péter Eötvös, die am Freitag im Wiener Museumsquarter das schummrige Bühnenlicht im Rahmen der Welt des Festivals Wien Modern erblickte.

Produziert wurde Paradise reloaded (Lilith) freilich von der Neuen Opern Wien, die Komposition von der Ernst von Siemens Musikstiftung finanziert. Das Stück hat nicht nur eine etwas unübersichtliche Genese. Als Umarbeitung einer früheren Oper von Eötvös unter Mithilfe des Librettisten Albert Ostermaier (Die Tragödie des Teufels), deren Text umgestellt und ergänzt wurde, während die Musik neu entstand, wird die Szenenfolge trotz der konzentrierten Regie von Johannes Erath nicht sehr schlüssig.

Die Figuren scheinen durch Jahrtausende voller Kriege und anderer Katastrophen zu irren; dass diese auch die Ermordung eines Journalisten (Stichwort: "Pressefreiheit") sowie einen Sprengstoffgürtel für Eva (Stichwort: "Schwarze Witwe") umfassen, wirkt allerdings mehr nach einem aufgesetzten Drang nach Aktualität als nach einer durchdachten Entwicklung aus dem Stoff heraus.

Ansonsten kennt der Text starke Momente, breitet die Musik ein Panoptikum aus, das das Bestreben erkennen lässt, Stilmittel etlicher Jahrzehnte zusammenzufassen. Klangtechnisch ist Eötvös ein ebensolcher Meister wie in der Kunst musikalischer Illustration von Dunkel und Licht, Höhenflügen und Abstürzen, Grausamkeiten und Träumereien.

Mit dem Amadeus Ensemble unter der Leitung von Walter Kobéra klingt alles blendend ausgeführt, und auch die vier großen Rollen sind mit Annette Schönmüller (Lilith), Rebecca Nelsen (Eva), David Adam Moore (Lucifer) sowie Eric Stoklossa (Adam) gut besetzt.

Doch was sie zu singen haben, wirkt dann doch viel zu sehr wie abgegriffener Opernpathos. Ein Großteil der expressiven bis exaltierten Linien bleibt gekünstelter Ausdrucksgesang, der ganz ohne jene Verfremdung, die Eötvös etwa in seinen Tri sestri (Drei Schwestern) so gezielt ins Treffen geführt hatte, weit hinter die gebrochenen Ausdruckswelten der letzten Jahrzehnte in neuer Musik - und leider auch bei Eötvös selbst - zurückfällt.

Ob der Versuch, wieder zum Paradies zurückzufinden, auch so gemeint war, dass der Komponist auf ein scheinbar intaktes Musizieren zurückgreifen möchte? Die klaffenden existenziellen Abgründe, die sich hinter dem Geschehen auftun, bleiben hier musikalisch jedenfalls verschlossen. Insofern steckt der Teufel nicht im Detail, sondern im großen Ganzen. (Daniel Ender, DER STANDARD, 28.10.2013)


Termine: 29., 31. 10. und 1. 11.

Link
www.wienmodern.at

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1 Posting
der erste Eindruck

ist, dass Regie und Libretto sehr beliebig und billig mit dem Stoff umgehen. Der Grundfehler, der mich an dieser ganzen Oper aufregt, liegt aber wahrscheinlich darin, dass sich eine Gruppe ausführender Männer (Partitur, Libretto, Regie, Dirigent) über eine Ikone des ungezähmten Weiblichkeit hermachen und beispielsweise der Lilith einen Luzifer zur Seite stellen, den sie nie und nimmer nötig hat.

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