Enteignung auf der hohen Kante

28. Oktober 2013, 05:30
223 Postings

Wer Geld aufs Sparbuch legt, nimmt Verluste in Kauf. Gründe sind niedrige Zinsen und Inflation. Die Österreicher sparen trotzdem gern

Wenn im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, ist er nicht mehr weit: der Weltspartag, der heuer bereits zum 88. Mal gefeiert wird. Sparen und Geld auf der Seite zu haben ist für viele Österreicher noch immer ein hohes Gut. Trotz des Faktums, dass das Sparen aufgrund des Niedrigzinsumfelds aktuell zu Verlusten führt.

5,8 Milliarden Euro lassen Herr und Frau Österreicher dabei liegen, wenn sie ihr Geld aufs Sparbuch legen - denn so hoch ist die Entwertung, die sich aufgrund der Daten der Oesterreichischen Nationalbank berechnen lässt. Die Haushalte hatten Ende 2012 knapp 211,5 Milliarden Euro an Einlagen. Bleiben die Zinsen so niedrig wie aktuell - wovon derzeit auszugehen ist - und erfüllen sich die Prognosen der OeNB zur Inflationsrate, wird dieses Geldvermögen heuer um 3,2 Milliarden Euro entwertet. 2014 wären es noch einmal 2,6 Milliarden Euro - in Summe also eine kalte Enteignung von 5,8 Milliarden Euro. Dabei ist die Kapitalertragsteuer (KESt.) von 25 Prozent nicht berücksichtigt.

100 Milliarden Euro Verlust

Vor einigen Tagen hat auch die deutsche Deka-Bank eine ähnliche Rechnung für Österreich angestellt. In dieser Analyse knabbert die Inflation (sie lag in Österreich über zwölf Monate betrachtet im Durchschnitt bei 2,4 Prozent) 3,5 Milliarden Euro weg. Weltweit schlägt die kalte Enteignung laut Deka-Bank (auf Basis von überschlagsmäßig ermittelten Daten) mit einem Verlust von 100 Milliarden Euro zu Buche.

Die Angst vor der Inflation spiegelt sich auch bei den Sparern wider. Laut einer Imas-Umfrage im Auftrag der Erste Bank nennen 72 Prozent die Geldabwertung und Inflation als große Sorge beim Sparen. 70 Prozent geben an, dass sich Sparen weniger auszahle - in der Tat befinden sich die Einlagenzinsen derzeit auf einem historischen Tief. Für täglich fällige Einlagen auf dem klassischen Sparbuch gibt es seit Jahren nur noch 0,125 Prozent - vor KESt.

Dennoch bleibt das Sparbuch die beliebteste Anlageform der Österreicher. Mehr noch: Seit Ausbruch der Finanzkrise werden fest gebundene Anlagen in täglich fällige Einlagen umgeschichtet. Dieser Trend hat sich laut OeNB innerhalb der vergangenen vier Quartale spürbar verstärkt. "Sparer suchen nach größtmöglicher Flexibilität, um jederzeit rasch auf Veränderungen reagieren zu können", erklärt Johannes Turner, OeNB-Statistik-Chef. Ende Juni entfiel mit 75 Milliarden Euro etwas mehr als ein Drittel der gesamten Einlagen (rund 212 Milliarden Euro) auf täglich fällige Mittel.

Suche nach Ausweg

Viele Sparer suchen bei Direktbanken, die höhere Zinsen bieten, einen Ausweg - wenngleich auch dort die Zinsen immer weniger werden. Christian Prantner von der Arbeiterkammer Wien gibt diesbezüglich zu bedenken, dass für höhere Zinsen oft Mindesteinlagen gefordert werden. "Zu klären ist, wie sich die Zinsen bei vorzeitiger Auflösung verändern", sagt Prantner. Auch bei Sparcards sei Vorsicht geboten. Denn bei diesen Cards handle es sich um eine Kontoform, für die auch Gebühren zu zahlen sind.

Für die Banken ist der 1924 in Mailand von den weltweiten Vertretern der Sparkassen erfundene Weltspartag allemal ein einträgliches Geschäft. 2012 hat die Erste Bank zum Weltspartag 6,31 Millionen Euro an Einlagen dazugewonnen, die Bank Austria rund 23,5 Millionen Euro.

Renaissance

Mit dem Weltspartag sollte die Bevölkerung auf den Spargedanken und sparsamen Umgang mit Ressourcen aufmerksam gemacht werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war dieser Tag ein Feiertag des Sparens, der unter dem NS-Regime zur Kriegsfinanzierung missbraucht wurde. Erst nach 1955 erlebte der Weltspartag eine Renaissance. 1989 wurde der 31. Oktober von der Uno offiziell zum Weltspartag erklärt, an dem Banken mit Spezialkonditionen und Geschenken Kunden locken.

Die Bedeutung dieses Tages nimmt aber ab. Drei Viertel der Österreicher haben nicht mehr vor, dafür extra in die Bank zu gehen, ergibt eine Umfrage der Bank Austria. "Vor allem für niedrige Einkommensgruppen hat der Weltspartag und Sparen mit klassischen Produkten an Attraktivität eingebüßt", sagt der für Privat- und Firmenkunden zuständige Bank-Austria-Vorstand Helmut Bernkopf. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 28.10.2013) 

  • Die schöne, neue Sparwelt auf den Schultern einer drahtigen Figur: der wendige Sparefroh des Sparkassensektors hat in Österreich Kultstatus. Dennoch verliert der Weltspartag an Bedeutung.
    foto: seywald/karner

    Die schöne, neue Sparwelt auf den Schultern einer drahtigen Figur: der wendige Sparefroh des Sparkassensektors hat in Österreich Kultstatus. Dennoch verliert der Weltspartag an Bedeutung.

Share if you care.