Ein Runder Tisch für die Alpen

28. Oktober 2013, 05:30
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Die Alpen sind mehr als nur ein Gebirgszug, sie sind ein Lebensraum. Die Schweizer Initiative "Alpenpioniere" möchte Vordenker aus allen Disziplinen und aus allen Alpenländern in ein Netzwerk einbinden.

Brixen/Salzburg - Der Bau der Großglockner-Hochalpenstraße während der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren quer über die Hohen Tauern gilt als eine der klassischen Pionierleistungen im Alpenraum. Tausende Arbeiter - die sogenannten Glocknerbaraber - errichteten die Straße mit teils primitivem Werkzeug nach den Plänen des Kärntner Ingenieurs Franz Wallack. Es war eine unglaubliche Arbeitsleistung, 48 Straßenkilometer über 36 Kehren bis auf eine Seehöhe von 2500 Meter dem Berg abzuringen.

Auch der Bau der Kraftwerkskette Kaprun - für den die Nationalsozialisten zig-tausend Zwangsarbeiter eingesetzt hatten und der nach 1945 im befreiten Österreich fertiggestellt worden war - gilt als eine der technischen Pionierleistungen im Alpenraum.

Pionierarbeit mit langer Wirkung

Straße wie Kraftwerk sind bis heute von enormer Bedeutung: Die Speicherseen von Kaprun - ergänzt durch moderne Pumpspeicherkraftwerke - sind seit Jahrzehnten zentraler Bestandteil der Energieproduktion Österreichs; die Straße über den Glockner gehört immer noch zu den Touristenattraktionen ersten Ranges. Die Anzahl der Besucherzahlen seit der offiziellen Eröffnung hat die 60-Millionen-Marke bereits weit überschritten.

Diese langfristige Wirkung mache letztlich das eigentlich Pionierhafte eines Projektes aus, sagt der Schweizer Hanspeter Schneider. Als Geschäftsführer der Initiative Via Storia hatte er maßgeblichen Anteil an der Erhaltung historischer Säumer-, Pilger- und Kulturwege und damit an der Entwicklung eines eigenen Tourismuszweiges.

Humus der Gesellschaft

In etwa drei Jahrzehnten sei es gelungen, rund 300 solcher Kulturwege zu revitalisieren, berichtete Schneider bei einer Diskussionsrunde Mitte Oktober zum Thema "Alpenpioniere" im Rahmen des alljährlichen International Mountain Summit (IMS) im Südtiroler Brixen. Das IMS versteht sich als weltweites Forum für so gut wie alle Fragen rund um das Thema Berg und Bergsport.

Mit Via Storia war Verkehrsplaner Schneider ein Pionier. Es könnten aber nicht alle "pionierhaft leben", warnte der Schweizer Schwimmer und Wasserschützer Ernst Bromeis bei der Debatte in Brixen vor allzu viel Euphorie. Er zieht einen Vergleich mit der Pflanzenwelt: Die Pionierpflanzen würden den Humus schaffen, damit die höheren Pflanzen leben könnten. Sie selbst würden dann freilich wieder vertrieben.

Schneider oder Bromeis gehören für Philipp Schmid jedenfalls zu den Pionieren. Der Schweizer Naturwissenschaftler und Unternehmer hat sich das Ziel gesetzt, die Vordenker aller Nutzergruppen des Alpenraums an einen Tisch zu bringen, um einen Interessensausgleich zu ermöglichen.

Ein ähnliches Projekt betreibt Schmid bereits in seinem Heimatkanton Wallis. Unter dem Motto "global meets local" bietet das Forum eine Diskussionmöglichkeit für die Walliser Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik mit Persönlichkeiten außerhalb des Kantons.

Netzwerk Alpenpioniere

Den organisatorischen Rahmen für eine Art Runder Tisch des Alpenraums soll ein eigens gegründeter und heuer am IMS erstmals vorgestellter "Klub der Alpenpioniere" bilden. Finanziert werden solle das Netzwerk von Trägerorganisationen - Unternehmen wie auch öffentliche Institutionen -, die je 8000 Euro einzahlen, sagt Schmid im Standard-Gespräch. Privatpersonen könnten mit einem jährlichen Beitrag von 500 Euro Mitglied werden.

Zusätzlich möchte Schmid den Klub durch alljährlich fünf speziell als Gestalter der Alpen honorierte Persönlichkeiten verstärken. Die ersten fünf Geehrten wurden heuer beim IMS präsentiert.

Wer neben den Ausgezeichneten noch als "Alpenpionier" gelten könnte, zeigt die Nominierungsliste: Hier finden sich der blinde österreichische Extrembergsteiger Andy Holzer, die Salzburgerin Doraja Eberle und ihr Hilfsprojekt für bosnische Kriegsopfer "Bauern helfen Bauern" sowie der Bürgermeister der Salzburger Gemeinde Werfenweng Peter Brandauer. Er hat den alpenweiten Verbund von Orten mit sanftem Tourismus, die Alpine Pearls, mit begründet. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 28.10.2013)


Mehr Infos:

www.avintas.ch

  • Eine historische Pionierleistung: Im Jahr 1934 überquert das erste Auto auf der Großglockner-Hochalpenstraße die Hohen Tauern.
    foto: grohag

    Eine historische Pionierleistung: Im Jahr 1934 überquert das erste Auto auf der Großglockner-Hochalpenstraße die Hohen Tauern.

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