Den Eishockeyklubs laufen die Fans davon

Blog25. Oktober 2013, 10:44
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Beträchtlicher Zuschauerrückgang in der neuen EBEL-Saison - unser Eishockey-Blog liefert die aktuellen Zahlen und Daten als Diskussionsgrundlage

Sieben Wochen nach dem Saisonbeginn in der Erste Bank Eishockey Liga zeichnen sich in der Tabelle bereits die ersten sportlichen Trends ab, in so manchem Klubbüro ist aktuell jedoch der deutliche Rückgang bei den Zuseherzahlen ein intensiver diskutiertes Thema. Jubelte die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Liga zuletzt in ihren Saisonresümees regelmäßig über steigendes Interesse und rasante Zuwächse an zahlender Kundschaft, so kündigt sich heuer ein deutlich weniger erfreuliches Fazit an.

Minus von mehr als 20 Prozent

Im Vorjahr durchbrach die EBEL erstmals in der Geschichte des österreichischen Eishockeys die magische Grenze von einer Million Fans im Grunddurchgang, binnen zehn Jahren stieg die absolute Zahl der Hallenbesucher damit auf das 2,5-fache an. Ermöglicht hatte den Rekord jedoch einzig die Erhöhung der Anzahl der Spiele in der Regular Season von 270 auf 324. Denn obwohl zwischen Ende September und Anfang Jänner lockoutbedingt 16 NHL-Spieler die Eisflächen der Liga bespielten, sank der Zuschauerschnitt pro Partie gegenüber der Saison 2011/12 um gut zwei Prozent auf 3.548.

Noch wesentlich deutlicher fällt der Rückgang im aktuellen Spieljahr aus. So hatten fünf der sechs Gastgeber am letzten Spieltag vergangenen Dienstag einen neuen Saison-Minusrekord zu verbuchen, aktuell liegt der ligaweite Schnitt pro Spiel bei 2.780 und damit um mehr als 20 Prozent unter dem Wert des letztjährigen Grunddurchgangs.

Zagreb nicht der alleinige Grund

Zweifellos hart getroffen hat die EBEL der Abschied von Medveščak Zagreb. Die mittlerweile in die KHL abgewanderten Kroaten platzierten sich in jeder der letzten drei Spielzeiten unter den Top-15 des europaweiten Zuschauerrankings, während ihrer vier Jahre in der Liga begrüßten sie im Schnitt mehr als 7.500 Fans bei jeder ihrer Heimpartien.

Doch die aktuelle Fanflaute liegt nicht alleine im Abgang der Bären begründet, auch um Zagrebs eindrucksvolle Zuseherzahlen bereinigt ergibt sich gegenüber dem letztjährigen Grunddurchgang beim Besuch pro Spiel ein Minus von knapp zwölf Prozent. Ebenso wenig kann die Jahreszeit – der Umstand, dass im September und Oktober traditionell weniger Fans in die Hallen kommen als etwa im Dezember oder Jänner – als exklusive Begründung für die Rezession ins Treffen geführt werden, denn auch in Relation zum identen Vergleichszeitraum des Vorjahres (alle Spiele von Saisonbeginn bis zum 24.Oktober) ergibt sich ein deutlicher Rückgang von 18 Prozent (bzw. 11,8 Prozent, zieht man Zagreb ab).

Langfristige Trends

Zuwächse, wenngleich lediglich marginale, können gegenüber dem Vorjahr aktuell nur der Dornbirner EC und der EHC Linz verbuchen. Die Oberösterreicher schicken sich in der laufenden Spielzeit, bedingt durch eine offizielle Erhöhung der Hallenkapazität, an, den 2012/13 aufgestellten Klubrekord von 3.750 Zuschauern pro Spiel zu verbessern. Wie der Zehnjahrestrend (siehe Grafik links) zeigt, stiegen die Werte der Black Wings mit der Meistersaison 2011/12 deutlich an.

Auch die Vienna Capitals realisierten im abgelaufenen Spieljahr eine neue Rekordmarke ihrer Vereinshistorie, in Wien liegt der deutliche Anstieg der letzten beiden Jahre im 2011 fertiggestellten Ausbau der Albert Schultz-Halle begründet.

Während der Zuseherzuspruch in Salzburg seit mehreren Jahren weitestgehend konstant blieb, halfen den Graz 99ers im Vorjahr sieben ausverkaufte Heimspiele unter Mitwirkung von NHL-Star Thomas Vanek dabei, sich wieder ihrem Topwert aus der Saison 2004/05 zu nähern. Beim Rekordmeister in Klagenfurt pendelte sich der Besucherschnitt pro Heimspiel in der letzten halben Dekade knapp oberhalb der 4000er-Marke ein, den einzigen statistischen Ausreißer bildete die von 30.500 Fans beim Freiluftderby gepushte Spielzeit 2009/10. Lokalrivale Villach büßte seit 2006/07 in fünf aufeinanderfolgenden Jahren Zuseher ein, konnte diesen Trend im Vorjahr jedoch stoppen.

Zweischneidiges Schwert Saisonkarten

In der aktuellen Saison kann der VSV auf den größten Stock an Stammkunden bauen: 3.350 Jahreskarten haben die Adler an den Fan gebracht, damit zeichnen die Abonnenten für über 90 Prozent des aktuellen Zuschauerschnitts verantwortlich. Nur unwesentlich weniger Saisontickets (3.340) hat der KAC verkauft, alle anderen österreichischen Teams folgen mit großem Respektabstand.

Die Vormachtstellung der Kärntner Klubs in Sachen Jahreskarten ist durchaus ambivalent zu bewerten: Einerseits steigert ein hoher Abo-Anteil die Planungssicherheit der Vereine erheblich, andererseits lassen sich im Verkauf von Einzelspiel-Tickets in der Regel größere Erträge erwirtschaften. Die Absatzmöglichkeiten für Einzelkarten korrespondieren wiederum stark mit der Tabellenplatzierung und dem sportlichen Erfolg. Ist dieser nicht oder nicht ausreichend gegeben, sinken gerade bei stark vom Verkaufserlös von Einzelkarten abhängigen Klubs wie den Graz 99ers die Ticketing-Einnahmen. Der Verein und seine Führung sind damit gezwungen, auf inadäquate Leistungen sensibler zu regieren, wie der Trainerwechsel in dieser Woche gezeigt hat.

Klubs müssen Antworten finden

Insgesamt sind die deutlichen Zuschauerrückgänge im bisherigen Saisonverlauf noch keine Katastrophe, erst ein gutes Viertel des Grunddurchgangs ist absolviert. Allerdings sind die Vereine gut beraten, die mageren Zahlen als ernstes Warnsignal zu verstehen. Denn die Budgets der großen Mehrheit der EBEL-Klubs sind zu wesentlichen Teilen durch Ticketing-Erlöse gedeckt, im Falle eines wirtschaftlichen Mittelständlers wie Villach etwa zu 35 Prozent (siehe Interview mit VSV-Manager Stefan Widitsch).

Die aktuell betrübliche Publikumsentwicklung muss von den Klubs analysiert werden, sie sind gefordert, die Fans zurück in die Eishallen zu locken. Denn verbleibt der Zuschauerschnitt auf seinem gegenwärtigen Level, hätte die Erste Bank Eishockey Liga bis zum Ende des Grunddurchgangs gegenüber dem Vorjahr eine Viertelmillion(!) Zuseher verloren – und das könnte für einzelne Vereine existenzbedrohend sein. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 25.10.2013)

Hinweis: Um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, beziehen sich, sofern nicht anders angegeben, sämtliche in diesem Artikel verwendeten Daten und Zahlen auf den Grunddurchgang der jeweiligen Saison.

  • Der Abgang schmerzt: Vier Jahre lang spielte Medveščak Zagreb in der EBEL, alleine zu den Heimspielen der Kroaten im Grunddurchgang kamen 805.000 Fans - 7.594 pro Partie.
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Der Abgang schmerzt: Vier Jahre lang spielte Medveščak Zagreb in der EBEL, alleine zu den Heimspielen der Kroaten im Grunddurchgang kamen 805.000 Fans - 7.594 pro Partie.

  • Zuschauerentwicklung 2003/04 bis 2012/13: Klagenfurter AC und Villacher SV

    Zuschauerentwicklung 2003/04 bis 2012/13: Klagenfurter AC und Villacher SV

  • Zuschauerentwicklung 2003/04 bis 2012/13: EHC Linz und EC Salzburg

    Zuschauerentwicklung 2003/04 bis 2012/13: EHC Linz und EC Salzburg

  • Zuschauerentwicklung 2003/04 bis 2012/13: Vienna Capitals und Graz 99ers

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