"Was fehlt, sind Kräfte für gröbere Szenarien"

Interview25. Oktober 2013, 17:17
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Gernot Schreyer, Milizoffizier und Mitglied der Offiziersgesellschaft, äußert seine Sorgen zum Bundesheer

STANDARD: Was würden Sie sich von der nächsten Bundesregierung für das Bundesheer wünschen?

Schreyer: Dass sie Hüterin der Wehrpflicht wird. Denn mit Freiwilligkeit allein geht es nicht. Es muss sich das, was bei der Volksbefragung herausgekommen ist, in Worten und Taten wiederfinden. Herauskommen soll dabei die klare Wiederfindung des Schwergewichts Inland vor Ausland - im Bereich des Ministeriums für Landesverteidigung und in der Armee.

STANDARD: Man müsste also mehr Aufmerksamkeit auf die Kernaufgabe der Verteidigung lenken?

Schreyer: Das folgt daraus. Im Wehrgesetz haben wir ja Landesverteidigung, Katastrophenhilfe und sicherheitspolizeiliche Assistenzeinsätze als Inlandsaufgaben. Das hat natürlich auch Konsequenzen für das, was wir im Inland an Strukturen und Truppen zur Verfügung haben müssen.

STANDARD: Es würde also nicht schaden, einmal einen Auslandseinsatz auszulassen, um dafür im Inland mehr aufbauen zu können?

Schreyer: Diese massive Schwergewichtsbildung ins Ausland ist nicht gerechtfertigt, da würde ich mir dann doch wünschen, dass man die Gewichtung etwas nach Österreich hereinverschiebt.

STANDARD: Welche Konsequenzen hätte das für die Soldaten in Österreich?

Schreyer: Nachdem ich ein überzeugter Demokrat und Milizsoldat bin, gebe ich den Hinweis auf die Verfassung, wo wir das Bundesheer nach den Grundsätzen eines Milizsystems organisieren sollten. Man braucht Berufsheerkräfte - aber mit dem klaren Ziel, Miliz aufzubauen, auszubauen und zu unterstützen. Um im Bedarfsfall dann genügend Kräfte verfügbar zu haben.

STANDARD: Werden derzeit immer noch zu viele Berufssoldaten ausgebildet? Jahr für Jahr werden ja neue Leutnante ausgemustert, die eine Karriere machen wollen ...

Schreyer: Ich lasse mich sicher auf keine Personaldiskussion ein. Es ist nicht mein Thema zu beurteilen, wie viele angehende Führungskräfte wir in drei, fünf und sieben Jahren brauchen. Das, was ich beurteilen kann: dass die verfassungsmäßigen Grundsätze des Milizsystems nicht nachhaltig umgesetzt sind. Das müsste wieder korrigiert werden.

STANDARD: Was müsste das Bundesheer können, das es derzeit nicht kann?

Schreyer: Was uns fehlt, sind die Kräfte für gröbere Szenarien längerer Intensität im Inland. Die berühmten 12.000 Mann, die man angeblich für Katastrophenhilfe im Inland braucht: Das ist eine Zahl, die ohne irgendeine kalkulatorische Grundlage politisch auf den Tisch gelegt wurde. Das ist mit Sicherheit zu wenig.

STANDARD: Wir bräuchten also eine größere Aufwuchsfähigkeit der Miliz?

Schreyer: Ja, so ist es.

STANDARD: Wie schaut es mit der materiellen Ausrüstung aus?

Schreyer: Wir haben auch hier Defizite. Gerne wird argumentiert: "Das brauchen wir nicht, weil die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes relativ gering ist." Dem kann man nur entgegenhalten, wenn Miliz die strategische Reserve unserer Republik ist, dann muss ich auch für diesen Fall entsprechend Gerätschaft verfügbar haben. Das muss ich mir einfach leisten.

STANDARD: Heute und morgen sieht man auf dem Heldenplatz einen Leo-II-Panzer und eine ganze Reihe von Großgerät. Ist das das, was das Bundesheer wirklich braucht?

Schreyer: Man kann das nicht trennen und sagen, das Großgerät brauchen wir nicht, das Kleine schon. Natürlich brauchen wir das, weil das halt für bestimmte Szenarien abgebildet werden muss. Im Übrigen kaufen die Kanadier im Hinblick auf die modernen Einsatzformen wieder Panzer dazu, nämlich genau die, die wir reduzieren.

STANDARD: Wenn man Milizsoldat ist, hat man auch im zivilen Hauptberuf Probleme?

Schreyer: Ich kann das, was ich mache, nur mit Einverständnis und Unterstützung des Arbeitgebers machen. Daher muss die Politik bei den Arbeitgebern für eine Akzeptanz des Zweitberufs Milizsoldat sorgen. Früher war das oft leichter, weil die Personalchefs der großen Unternehmen selber Milizoffiziere waren, wie in der Schweiz. Hier geht es um die richtigen Rahmenbedingungen. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 25.10.2013)

GERNOT SCHREYER (50) ist im Zivilberuf Versicherungsmanager und als Hauptmann der Miliz seit 2006 Kommandant des Jägerbataillons Salzburg.

  • Schreyer ist Milizsoldat und in der Offiziersgesellschaft engagiert - so kann er eine Meinung vertreten, die sich nicht mit der des Ministeriums decken muss.
    foto: privat

    Schreyer ist Milizsoldat und in der Offiziersgesellschaft engagiert - so kann er eine Meinung vertreten, die sich nicht mit der des Ministeriums decken muss.

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