Wiener Dialekttrainerin: "Will mir nicht überlegen, ob ich Tschüss sagen darf"

Interview27. Oktober 2013, 10:00
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Susi Stach lehrte Daniel Brühl, wie Niki Lauda zu reden und wünscht sich mehr Österreich in deutschen Filmen

Schauspielerin und Dialekttrainerin Susi Stach sprach mit Petra Stuiber auch über das Schwinden des Wienerischen.

Standard: Worauf muss man achten, wenn man jemandem Wienerisch beibringen will?

Stach: Wir Wiener verkürzen die Sprache anders, als es die Deutschen tun, zum Beispiel sagen wir "ham" statt "haben". Die Deutschen schneiden gern Artikel ab, sagen zum Beispiel "ne" statt "eine". Wir sprechen Diphtonge ganz anders. Vokale und Diphtonge machen das Wienerische aus, das ist schwierig zu lernen.

Standard: Als Sie hörten, dass Daniel Brühl die Hauptrolle in "Rush" spielt: Fanden Sie es absurd, dass ein deutscher Schauspieler Niki Lauda darstellen soll?

Stach: Der Kölner Schauspieler Denis Moschitto, den ich auch einmal trainiert habe, ist in derselben Schauspielagentur wie Daniel Brühl. Als Brühl erfahren hat, dass er Lauda spielen soll, hat er zunächst in Berlin einen Dialekttrainer für Österreichisch gesucht, aber keinen gefunden. Denis Moschitto hat ihm dann mich empfohlen und mich gefragt, ob ich das machen würde. Da habe ich zunächst einmal herzlich gelacht.

Ich habe Brühl immer für einen tollen Schauspieler gehalten, aber ich habe mich schon gefragt, wieso man den Lauda mit einem Deutschen und nicht mit einem Österreicher besetzt. Aber als ich gesehen habe, wie sich Daniel Brühl in die Rolle hineingestürzt hat, wie genau er gearbeitet hat und wie sich das punktgenau ausgegangen ist, habe ich meine Meinung rasch geändert. Brühl macht Niki Lauda nicht nach, er hat ihn innerlich als Person begriffen.

Standard: "Rush" ist eine Hollywoodproduktion. Warum spielt da der sprachliche Unterschied zwischen Deutschland und Österreich keine Rolle?

Stach: Die Amerikaner hören nur den Akzent im Englischen. Den wollte Regisseur Ron Howard auch authentisch haben. Aber Amerikaner hören nicht den Unterschied zwischen österreichischem und deutschem Akzent im Englischen.

Standard: Woher kommt das? Umgekehrt erkennen die meisten Menschen im deutschsprachigen Raum den akzentualen Unterschied zwischen britischem, amerikanischem und australischem Englisch.

Stach: Ich habe schon den Eindruck, im deutschsprachigen Raum herrscht höhere Sensibilität für Sprache. Das geht den Amerikanern ab. Sie hören es nicht. Ron Howard hat mir erzählt, er habe den Unterschied zwischen österreichischem und deutschem Englisch zu Beginn des Films nicht bemerkt. Erst am Ende habe er gelernt, ihn herauszuhören.

Standard: Das deutsche Feuilleton hat Hymnen geschrieben, wie gut Brühl das Wienerische spreche. Spricht Niki Lauda tatsächlich Wienerisch?

Stach: Lauda spricht ein Umgangsösterreichisch. Er kommt aus einer großbürgerlichen Grazer Familie, das hört man auch. Man hört, dass er nicht aus dem 13., dem 18. oder 19. Wiener Bezirk kommt, und man hört, dass er nicht aus einem armen Haus kommt. Es ist gehobene österreichische Umgangssprache. Für die Deutschen ist das übrigens ein Riesensprung.

Standard: Halten Sie deutsches Unverständnis der österreichischen TV-Sprache gegenüber für Arroganz?

Stach: Ja, ein bisschen schon. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der deutsche Fernsehzuseher das Österreichische ganz gern hört, der deutsche Redakteur aber nicht. Denn normalerweise, wenn ich als Schauspielerin in einer deutschen Produktion arbeite, darf man nicht hören, dass ich aus Österreich bin.

Standard: Wie arbeiten Sie, wenn Sie sich die Sprache einer Figur aus alten Videos aneignen?

Stach: Ich notiere mir die Besonderheiten. Für Rush habe ich mir zunächst alle Videos angesehen, auf denen Lauda Englisch spricht. Und zwar die Videos aus den 1970er-Jahren. Da gibt es nicht sehr viele, das war wichtig, die genau zu studieren. Denn sein Englisch war damals noch ein bisschen anders, als es heute ist. Er hat beispielsweise "th" grundsätzlich als "s" ausgesprochen, das tut er heute nicht mehr. Als ich das herausgefunden hatte, musste ich mir anschauen, wie oft sich das ausgeht, damit es nicht zur Parodie verkommt. Die Frage ist immer, wie gewichtet man das, wie oft und wo setzt man das ein, damit es authentisch bleibt.

Standard: Der Soziolinguist Manfred Glauninger sagte vor einiger Zeit im Standard, es sei seit einigen Jahrzehnten ein starker Abbau des Dialekts in Wien zu bemerken. Sehen Sie das auch so?

Stach: Das sehe ich ganz genauso. Ich bemerke das in meinem Umfeld. Menschen, die zu Hause immer starke Umgangssprache benutzt haben, sprechen plötzlich, aus mir unerfindlichen Gründen, mit ihren Kindern Hochdeutsch. Das geht so weit, dass die Kinder oft schon Bundesdeutsch sprechen, mit der entsprechenden Intonation. Meine erwachsenen Söhne wiederum interessieren sich zunehmend für Dialekt - aber beim dritten Satz haut es sie auf. Auch meine Studenten schaffen das kaum mehr.

Standard: Wie beurteilen Sie den Einfluss von Migrationssprachen? Glauben Sie, dass das Wienerische, das wir heute kennen, aussterben wird?

Stach: Das glaube ich schon. Sprache ist etwas Lebendiges, die entwickelt sich weiter. Vielleicht gibt es ja in Zukunft ein paar Freaks, die Wienerisch wie eine Fremdsprache lernen wollen. Aber diese Veränderungen sind nicht nur auf Wien beschränkt. In Köln hat sich neben dem klassischen Kölsch eine neue proletarische Umgangssprache etabliert, die viele Elemente aus dem Türkischen enthält. Vielleicht kommt das jetzt auch bei uns.

Standard: Sind Sie für sprachlichen Purismus? Sollen wir Fremdworte vermeiden?

Stach: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Das bedürfte einer Anstrengung, und ich finde nicht, dass Sprechen anstrengend sein sollte. Ich will mir nicht überlegen, ob ich "Tschüss" sagen darf.

Standard: In Österreich existiert ein West-Ost-Gefälle, was die Bekenntnisfreude zum Dialekt betrifft. In Wien ist Dialekt auch ein sozialer Marker ...

Stach: Ich würde sogar noch weiter gehen. Überall anders als in Wien ist Dialekt kein Stigma. Auch der Steirer bekennt sich gern zu seinem Idiom. Nur in der Großstadt Wien ist der Dialekt zum Proletarierstempel verkommen. Ich habe den Eindruck, das hat vor 30, 40 Jahren ganz extrem eingesetzt, als Eltern mit ihren Kindern Hochdeutsch sprachen, weil sie fürchteten, dass sie sonst schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt haben.

Standard: Es hat immer schon sprachliche Unterschiede zwischen gehobenem Bürgertum und Proletariern gegeben - Stichwort Schönbrunner-Deutsch.

Stach: Aber dass man keine tiefe dialektale Färbung mehr innerhalb des Gürtels hört, ist relativ neu. Die Einzigen, die sich noch zum Wiener Dialekt bekennen, sind einige Künstler, denen gesteht man es zu.

Standard: Mit welchen Assoziationen ist österreichischer Dialekt in Film und Fernsehen konnotiert? Die Soziolinguistin Barbara Soukop hat für ihre Dissertation einerseits "derb, dumm, brutal", aber auch "emotional, humorvoll, ehrlich" herausgefunden.

Stach: Das ist ja toll, wenn es auch so positive Empfindungen dazu gibt. Mit meinen Wahrnehmungen trifft sich das eher nicht. Ich habe den Eindruck, unser Dialekt wird eher als derb und dumpf empfunden und auch entsprechend eingesetzt. In Deutschland habe ich aber auch bemerkt, dass im direkten, privaten Kontakt das Österreichische als durchaus charmant gilt. Aber nicht im Film.

Standard: Glauben Sie, dass sich im TV Einheitssprachbrei und Einheitsästhetik durchsetzen?

Stach: Das hat sich ja bereits durchgesetzt. Das geht bis hin zum Aussehen der Schauspieler. Es gibt Montags-, Mittwochs- und Freitagsgesichter genauso wie Vormittags-, Nachmittags- und Hauptabendgesichter, die dann punktgenau besetzt werden. Diese Gleichmacherei dehnt sich natürlich auf die Sprache aus.

Standard: Ist das Österreichische, das Wienerische zu retten?

Stach: Ich wünsche mir, dass mehr Kunstschaffende das auch thematisieren. Für mich als Wienerin ist es selbstverständlich, dass ich Bayrisch lerne, wenn ich in einer bayrischen Produktion spiele. Oder Steirisch in einer steirischen Produktion. Mich ärgert, wenn in einem Film, der hauptsächlich in Österreich spielt, ein deutscher Schauspieler so tut, als wäre er dort geboren und aufgewachsen. Und sich gleichzeitig null bemüht, sich sprachlich anzupassen. Entweder ich erkläre, was den Deutschen nach Tirol geführt hat, oder er muss Tirolerisch sprechen. Aber Bundesdeutsch reden und so tun, als wäre man aus Kitzbühel, das geht gar nicht. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 25.10.2013)

Susi Stach, Schauspielerin, Acting-Coach und Dozentin am Konservatorium Wien, stammt aus Ottakring. Sie hat Manuel Rubey für seine Hauptrolle in "Falco" trainiert und Falcos Mutter gespielt. Weitere Filmrollen, unter anderem: "In 3 Tagen bist du tot", "Poll", "Brandstifter", sowie zahlreiche Theaterrollen.

  • Schauspielerin und Dialekttrainerin Susi Stach im Café Bräunerhof, einem der wienerischsten Orte der Stadt, wie sie meint: "Dass man keine tiefe dialektale Färbung innerhalb des Gürtels mehr hört, ist relativ neu."
    foto: standard/fischer

    Schauspielerin und Dialekttrainerin Susi Stach im Café Bräunerhof, einem der wienerischsten Orte der Stadt, wie sie meint: "Dass man keine tiefe dialektale Färbung innerhalb des Gürtels mehr hört, ist relativ neu."

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