Fanny Ardant: "Liebesgeschichten sind meine Obsession"

Interview24. Oktober 2013, 17:42
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In Marion Vernoux' Film "Die schönen Tage" verkörpert Fanny Ardant eine Frau, die mit einem jüngeren Mann eine Affäre eingeht. Die französische Aktrice über Leidenschaft, Anarchie und Perversion

STANDARD: In "Die schönen Tage" spielen Sie eine Ärztin, die in den Ruhestand geht, sich aber noch lang nicht vom Leben zurückzieht. Was hat diese Caroline für Sie attraktiv gemacht?

Ardant: Vor allem ist sie eine freie Frau, die selbst entscheidet, was sie tun will. Sie war ihr eigener Boss. Sie wurde nicht in den Ruhestand geschickt und fühlt sich jetzt alt. Ich liebe ihre Neugierde, ihren Humor; dass sie es nicht leiden kann, wenn sie jemand bedrängt. Sie liebt ihren Mann, ihre Familie, aber sie sucht auch nach Intensität. Als sie diese körperliche Anziehung zu dem jungen Mann verspürt, hat sie keine Angst, dem nachzugeben. Sie denkt nicht: "Oh, Mamma mia!" Sie behandelt ihn wie guten Wein.

STANDARD: Dann erkennt Sie aber auch recht schnell, dass er nicht der beste Wein ist, nicht wahr?

Ardant: Ganz genau. Der bessere Wein ist ihr Ehemann, aber um das herauszufinden, muss sie erst diese Erfahrung machen. Manchmal kommt man sich dadurch noch näher. Man ist froh, dass man diesen Menschen nicht verloren hat. Julien, ihr Lover, ist sexbesessen. In so jemandem verliebt man sich nicht so schnell.

STANDARD: Es ist ein realistisches Vergnügen. Ohne melodramatische Ebene.

Ardant: Ich glaube, das geht von ihr aus, weil sie clever ist. Sie hält ja auch all die Dinge schriftlich fest, die sie nicht mag. Unbewusst erkennt sie sehr früh, dass es mit Julien keinerlei Zukunft gibt. Er könnte ihr Sohn sein. Sie ist kein männerverschlingender Vamp, der mit einem jungen Mann provozieren will. Sie sind voneinander angezogen, und sie verbringen auch gern Zeit miteinander, wenn der Sex vorbei ist.

STANDARD: Glauben Sie, dass der Generationsunterschied überhaupt so wichtig ist?

Ardant: Ich würde da nie generalisieren. Es gibt große Liebesgeschichten zwischen Menschen, die nichts gemeinsam haben. Die Kultur, die Ethnie, das Alter kann ganz unterschiedlich sein.

STANDARD: Wenn man Ihre Laufbahn überblickt, angefangen bei François Truffauts "La femme d'à côté", findet man sehr viele Liebesgeschichten. Haben Sie eine besondere Affinität dazu?

Ardant: Voilà! Wenn ich Bücher kaufen gehe, halte ich immer danach Ausschau. Auch bei Drehbüchern habe ich mich nie für Frauen interessiert, die die Macht anzieht. Ambitionen inspirieren mich nicht so sehr. Liebesgeschichten sind meine Obsession, das ist wohl wahr.

STANDARD: Auf der anderen Seite sind die Frauen, die Sie spielen, oft sehr mysteriös, selbstbewusst.

Ardant: In Frankreich sagen wir, eine glückliche Liebe, das ist keine Geschichte. Damit eine Liebesgeschichte interessant wird, benötigt sie Komplikationen. Sie muss zum Drama werden, zur Tragödie. Selbst als ich Medea auf der Bühne spielte, sah ich das als Liebesaffäre. Sie war so entflammt für Jason, dass Sie dafür bereit war, die Kinder zu ermorden.

STANDARD: Ihren Namen verbindet man auch mit Freigeistigkeit. Sie haben Politikwissenschaft studiert und Ihre Abschlussarbeit über Anarchie geschrieben. Gibt es einen Zusammenhang zu Ihrem Beruf?

Ardant: Als Schauspielerin ist man auch frei. Man erzählt Geschichten von anderen. Ich habe einmal gesagt, dass ich nur bereue, nicht stärker an einem politischen Leben Anteil genommen zu haben.

STANDARD: Warum?

Ardant: Ich glaube, bei einem politischen Bekenntnis führt kein Weg zurück. Man kann es nicht im Kleinen machen - indem man ab und an auf eine Cocktailparty geht. Als ich das Thema für meine Abschlussarbeit wählte, die Anarchie, ging es mir auch darum, mich mit dem Surrealismus zu beschäftigen. Freiheit verbindet beides - es sollte ein Recht geben, seine Meinung zu ändern.

STANDARD: Wie meinen Sie das? Dass man flexibel bleiben soll?

Ardant: Ich möchte widersprüchlich sein! Ich finde es toll, wenn man sich von dem loslösen kann, was man vor Jahren gedacht hat. Einem Dogma zu folgen, wie beim Kommunismus, entspricht nicht der menschlichen Natur. Aber eine Gesellschaft voller Anarchisten wäre schwer zu regieren.

STANDARD: Weil Sie Reue erwähnten: Was hätten Sie als Politikerin denn gemacht?

Ardant: Ich wäre stark gewesen, wenig kompromissbereit, nicht so diplomatisch. Aber das ist natürlich etwas kindisch. Ich habe immer große Bewunderung für Menschen gehegt, die ihr Leben einer Sache gewidmet haben. Ich war dafür zu selbstsüchtig.

STANDARD: Alain Resnais hat Sie in "L'amour à mort" mal ganz anders besetzt. Sie spielten eine Priesterin.

Ardant: Ja, da war ich sehr großzügig, voll Licht, ganz ohne Eigennutz. Ich war das Gegenteil von mir selbst. Es ist sehr aufregend eine Rolle zu spielen, die überhaupt nichts mit einem zu tun hat.

STANDARD: Gab es einen Regisseur, der Ihnen besonders wichtig war?

Ardant: Das kann ich nicht sagen. Ettore Scola, Costa-Gavras, aber es gibt so viele. Da muss ich vielleicht warten, bis ich im Sterbebett liege und plötzlich denke: "Ah!" (lacht) Ich habe kein Pantheon von Lieblingsregisseuren.

STANDARD: In François Ozons "8 Femmes" spielen Sie bzw. kämpfen Sie mit Catherine Deneuve. Haben Sie das als symbolische Schlacht gesehen?

Ardant: Nicht, als ich die Rolle angenommen habe. Als ich den Film dann gesehen habe, dachte ich, das ist richtig pervers. Ozon hat einen eleganten Weg gefunden, alle diese Schauspielerinnen wie Fische in ein Aquarium zu stecken. Im richtigen Leben liebe ich Catherine über alles. Es gibt keinen Antagonismus. Aber es war sehr komisch, diesen Regeln eines perversen Spiels zu folgen.

STANDARD: Ein anderer Schauspieler, der Ihnen nahesteht, ist Gérard Depardieu. Was denken Sie über die Streitereien rund um Steuerflucht und Staatsbürgerschaft?

Ardant: Ach, man ist doch frei zu leben, wo man will. Er sei kein guter Bürger? Na und. Er sagt manchmal sehr gescheite, manchmal närrische Dinge. Das ist doch schön: Er ist ein widersprüchlicher Mann. Ein Provokateur.

STANDARD: Ist es nicht ein gutes Zeichen, wenn sich ein Land über seine Schauspieler aufregen kann?

Ardant: Ein guter Punkt. Depardieu ist wie der Eiffelturm. Er gehört allen. Er hat das ganze Kino geprägt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 25.10.2013)

Jetzt im Kino

Fanny Ardant (64) wurde durch mehrere Filme mit François Truffaut berühmt, mit dem sie bis zu seinem Tod auch liiert war. Sie ist bis heute eine der bekanntesten französischen Film- und Theaterschauspielerinnen.

Das Interview fand auf Einladung des Verleihs in München statt.

  • Eine Frau, die sich nimmt, worauf sie Lust hat: Fanny Ardant in "Die schönen Tage".
    foto: filmladen

    Eine Frau, die sich nimmt, worauf sie Lust hat: Fanny Ardant in "Die schönen Tage".

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