Die Neue Österreichische Politik, ein Traum

Kommentar der anderen25. Oktober 2013, 07:27
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Wer sagt denn, dass hierzulande alles gleich bleiben oder sogar schlechter werden muss? Eine traumhaft bessere Welt gibt es ja nicht nur im Film oder bei der Eröffnungsrede der Viennale

Ich halte keine Rede, ich erzähle Ihnen nur von einem Traum. Ja, auch ich hatte einen Traum. Genau genommen waren es zwei. In beiden ging es um Politik. Um österreichische Politik.

Der erste führte mich mitten in die Koalitionsverhandlungen, und in meinem Traum lief es wirklich prächtig zwischen unseren beiden nicht mehr ganz so großen, dafür aber total neuen Regierungsparteien.

Wir wissen es: Es gibt zu nichts eine Alternative. Die Banken müssen mit Milliarden gerettet werden. Die Reichen müssen reicher werden, die Armen aller Länder müssen es bezahlen. Das Klima muss erwärmt, die Landwirtschaft muss industrialisiert werden. Und es gibt keine Alternative zu Rot-Schwarz.

Grübeln macht unrund

Es wäre falsch, darüber zu jammern. In meinem Traum wurde mir klar, es ist genug gejammert. Grübeln, meine Damen und Herren, macht unrund. Keine Alternative zu haben, ist befreiend.

Erinnern Sie sich, vor einigen Jahren plakatierte die SPÖ vor einer Wahl, man dürfe jetzt keine dummen Fragen stellen. Das könnte sie jetzt jeden Tag plakatieren.

Sie tun es nicht. Wozu auch. Alles wird neu und anders, Fragen sind überflüssig, denn es gibt sowieso keine Antworten.

Sie werden aber nicht glauben, wie kreativ und neu und anders diese Koalition wirklich wird. Hier beginnt mein Traum, ganz bunt und wunderlich zu werden. Ich sah, wie unsere beiden großen Führer ins politische Neuland schritten, wie Werner Faymann und Michael Spindelegger ihr Kriegsbeil begruben.

Und in meinem Traum gingen sie nicht zum Heurigen, nein, sie rauchten ein richtiges Friedenspfeifchen miteinander.

Nach zehn Minuten stummen Paffens sagt Faymann zu Spindelegger: "Weißt du was, wir sollten nicht so egoistisch sein. Wir sollten Parteiinteressen hintanstellen und an das Land und seine Leute denken." Spindelegger war verblüfft. Dann schlug er sich auf die Schenkel und rief: "Genau! Wir pfeifen auf uns!"

"Ja", stimmt Faymann zu, "wir machen Rot-Schwarz diesmal wirklich neu. Ganz neu!" Noch einmal zogen sie kräftig am Pfeifchen. "Meinst du Schwarz-Rot?", fragte Spindelegger ein bisschen vorsichtig.

Faymann schwieg.

"Gut, neu allein reicht nicht", sagte Spindelegger. "Nicht einmal ganz neu. Wir müssen die österreichische Politik Total Ganz Neu machen. Was hältst du von Politik Zwei Null?". "Nein", sagte Faymann. Er war der kreativere der beiden. "Das glaubt uns keiner mehr. Wir machen die N-Ö-P". Die Neue Österreichische Politik. Wir machen eine Konzentrationsregierung. Dagegen kann nicht einmal der Bundespräsident etwas sagen. Wir machen die N-Ö-P der besten Kräfte."

"Genau", rief Spindelegger. "Super, das gefällt auch dem Erwin, N-Ö-P, das klingt wie Niederösterreichische Politik."

Faymann schwieg. "Wenn wir alle Parteien reinnehmen", sage er nach einer Weile, "was ist dann mit der FPÖ?" "Die nicht", sagte Spindelegger, "wir brauchen auch in der Opposition Christen."

"Du kannst wirklich zwei und zwei zusammenzählen", meinte Faymann, "du wirst Finanzminister." "Und du bleibst Kanzler", sagte Spindelegger. Und dann ein wenig leiser, "obwohl du es nicht kannst."

Darauf Faymann etwas kühl: "Wollen wir wieder per Sie sein?" "Schon wieder was Neues", lachte Spindelegger. Und die Ideen sprudelten nur so aus ihnen heraus.

Meine Damen und Herren, ich kann ihnen aufgrund meines Traumes exklusiv verraten, wie das neue Österreich aussieht.

Es gibt nur noch fünf Ministerien, für jede Partei eines: das Kanzleramt, das Finanzministerium, das Österreichministerium, das Innenministerium und das Zukunftsministerium.

Die Neos bekommen Österreich. Sie dürfen das Land umbenennen und sind damit eine Weile beschäftigt. Die Grünen bekommen das Zukunftsministerium, es beinhaltet Imkerei, veganes Essen und ein großes Observatorium zum Sternegucken.

Frank Stronach kehrt zurück und wird Innenminister. Damit endlich Schluss ist in unserem Land mit der bezahlten Auftragsmörderei. Und weil er Experten braucht, holt er Ernst Strasser, den ersten Sicherheitsberater mit Fußfessel.

Innerhalb dieser Ministerien gibt es viele Projekte mit einer Unzahl an Staatssekretariaten. Hans Peter Haselsteiner wird Bautenstaatssekretär, Monika Lindner übernimmt die Medien, ihre Bezüge werden zu ORF-Pension und Abgeordnetengehalt addiert, Maria Fekter wird Europasprecherin, das Sozialministerium gestrichen. Sebastian Kurz wird Sängerknabe, Fritz Neugebauer Alternativschulinspektor, Rudolf Hundstorfer Kardinal. Doris Bures geht ins Kloster.

Das Beraterwesen wird weiter verstärkt. Endlich zählt Erfahrung wieder etwas. Alfred Gusenbauer bringt moldawische Weinbautechnik ein und kasachisches Demokratie-Know-how, Wolfgang Schüssel wiederum wird Konsulent für Demokratieexport und Atomkraftimport. Karl-Heinz Grasser saniert die Hypo Alpe Adria und wird Beachvolleyball-Kommissar. Stefan Petzner sein Talent-Scout.

Das Beste kommt zuletzt

Hier endete mein erster Traum, weil ich aufwachte. Ermattet und verwirrt von so viel Kreativität und Neuem. Schweißgebadet fragte ich mich: aber die Kultur! Haben sie denn ganz auf die Kultur vergessen? Nach kurzer Zeit schlief ich wieder ein, und es war mir, als ob ich Spindelegger von fern sagen hörte: "Das Beste kommt zuletzt." Dann träumte ich meinen zweiten Traum. Wie aus dem Nichts, als alle schon zu müde waren, um zuzuhören, ließ Josef Ostermayer die Bombe platzen. Es entsteht ein sechstes Ministerium. Das Kunstministerium.

Und so funktioniert es: Endlich wird Schluss gemacht mit dem repräsentativen Kulturalismus der vergangenen Jahrzehnte, das Burgtheater verzichtet freiwillig auf Teile seiner überhöhten Subvention und macht wieder Theater. Die Staatsoper widmet sich in ihrem Programm zwei bis drei Uraufführungen pro Spielzeit, die Salzburger Festspiele finden nur mehr zu ungeraden Jahren statt. Der ORF wird politisch unabhängig und muss im Gegenzug öffentlich-rechtlich werden. Alle staatsnahen, quasi monopolistischen Firmen sowie die Glücksspielunternehmen kofinanzieren Kultur und Soziales mit einem Anteil ihres Umsatzes. Die Rede ist von vier Prozent. Kronen Zeitung, Österreich und Heute werden verstaatlicht, Novomatic übernimmt das Kunsthistorische Museum und bringt die Brueghels an die Börse. Ostermayer übergibt die Albertina an Wladimir Putin, der im Gegenzug drei Bundesligavereine nach Wahl finanziert. Das Prekariat: abgeschafft. Zeitgenössische Kunst erfährt besondere Unterstützung. Der Bund verdoppelt die Subvention der Gemeinde Wien für die Viennale.

Meine Damen und Herren, träumen wir weiter. Rot-Schwarz kommt bestimmt, und es wird alles ganz anders. Nur eines ist sicher: Die Viennale findet statt. Ab heute. Für zwei Wochen. Mit einer Vielzahl an wunderbaren Filmen und Gästen. Das, meine Damen und Herren, ist kein Traum. (Hans Hurch, DER STANDARD, 25.10.2013)

Hans Hurch (61) war Filmkritiker und leitet seit 1997 das Filmfestival Viennale. Diese Eröffnungsrede hielt er Donnerstag im Wiener Gartenbaukino.

  • Gute Laune nach einem Friedenspfeifchen: Werner Faymann (vorn) und Michael Spindelegger (dahinter).
    foto: reuters/bader

    Gute Laune nach einem Friedenspfeifchen: Werner Faymann (vorn) und Michael Spindelegger (dahinter).

  • Hurch: "Gusenbauer bringt kasachisches Demokratie-Know-how ein, Grasser wird Beachvolleyball-Kommissar."
 
    foto: standard/urban

    Hurch: "Gusenbauer bringt kasachisches Demokratie-Know-how ein, Grasser wird Beachvolleyball-Kommissar."

     

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