Das Leben im freien Fluss

26. Oktober 2013, 12:15
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Es ist Mittwoch - Türen gehen auf, Menschen werden sichtbar, alles dreht, alles bewegt sich: Wolf Wondratschek "does the walk of life"

Wolf Wondratschek ist in diesem Sommer 70 Jahre alt geworden. Und er hat, vielleicht nicht aus diesem Anlass, jedenfalls aber zu ihm, sich und seinen Lesern ein wunderbares Geschenk gemacht: Mittwoch, einen 250 Seiten starken Roman, der als erstes Wondratschek-Buch im Verlag Jung und Jung erschienen ist und aus den Buchneuerscheinungen dieses Herbstes hell hervorleuchtet.

Leben wir eigentlich noch, oder sind wir schon tot? Bewegen wir uns noch, oder sind wir schon in Starre verfallen? Schreiten wir, wie mutige Kinder, "in die weite Welt hinein", oder stimmt der Befund auf dem Schutzumschlag: "Wir laufen in zu engen Schuhen"? An anderer Stelle heißt es: "Wir leben, sagte er, in einem Raum zwischen der Todeszone und der Banalität. Ist es der Tanz, der uns rettet, oder die Unbeweglichkeit?"

Unprätentiös, ernsthaft und federleicht zugleich, plädiert Mittwoch für den Tanz. Es ist ein Buch in Bewegung, ohne einen Moment des Stillstands, ein Buch, das dem Leser das Gefühl geben kann, zu sich gekommen und in den Fluss des Lebens eingetaucht zu sein. Wäre Kafkas Zitat von den Büchern, die die Axt für das gefrorene Meer in uns sein müssen, nicht so verbraucht: Man könnte es ins Spiel bringen, es träfe auf Mittwoch zu.

Die fließende Bewegung entspringt der - nicht neuen, aber bestechend ausgeführten - Grundidee des Romans: Ein Hundert-Euro-Schein geht auf die Reise, und der Erzähler folgt ihm nach. Im Lauf der Reise treffen der Geldschein (und der Chronist seiner Umlaufbewegung) auf eine Vielzahl von Menschen, die in den unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen: Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Kinder, Erwachsene, Frauen, Männer, Alte, Junge, Menschen "from all walks of life", wie das der Engländer nennt.

People in Motion

Gleich auf der ersten Seite, in scheinbar ganz mühelos verfasster Prosa, lässt Wondratschek Menschen und Bewegungsimpulse aufeinandertreffen: Ein Mann verlässt ein Haus, ein Kind sitzt am Fenster dieses Hauses und macht den strahlend schönen Vormittag "noch strahlender, noch schöner", indem es, von seiner Mutter gehalten, "in eine am Griff befestigte Schlaufe atmet" und Seifenblasen auf die Straße bläst, von denen dann eine "unbemerkt an der Schulter eines in offenkundig guter Laune über eine Straße eilenden Mannes" zerplatzt: People in motion.

Das auf dem umlaufenden Geldschein fußende Konstruktionsprinzip des "Romans" - eine Gattungsbezeichnung, in der ein Streben nach "Schwere" mitschwingt, das auf Mittwoch nicht so richtig passen will -, dieses Konstruktionsprinzip gibt dem Schriftsteller alle Freiheiten und ist deshalb auch gefährlich. Wenn der Weg überall hingehen kann, führt er leicht ins Nichts (oder in die Effekthascherei).

Davon kann bei Mittwoch keine Rede sein. Wir folgen Wondratschek, eine Tür nach der anderen tut sich auf und gibt den Blick auf Menschen frei, deren Antriebe, Lebenswelten, Komödien, Tragödien und Schicksale er in meisterhaft knappen Sätzen herbeizaubert: Der Gastwirt führt ein "kleines Leben, in das nie auch nur ein Sonnenstrahl fällt. Am besten, man ist, wenn man heimkommt, zu müde, um die Augen offen zu halten". Die Frau des Gastwirts, einst "die reinste Gutherzigkeit", hat sich versoffen und gleicht "mehr und mehr einem Gespenst": "Sie war zu krank, um an einer Blume zu riechen."

Der Friseur ist ein "liebenswertes, immer unterhaltsames, aber unberechenbar launisches und schamlos schlagfertiges Scheusal", das leidenschaftlich kostbare seltene Spiegel sammelt und um seine Wirkung auf Frauen weiß: "Wenn er die Kopfhaut seinen Kundinnen massiert, streichelt er ihre Seelen." Organisch reiht sich Geschichte an Geschichte: Die Geigerin Olga, eine Jüdin, die dem Friseur beim Spiegelsammeln auf russischen Flohmärkten bei der Verständigung hilft, wird von einem Politruk brutal antisemitisch drangsaliert: "Er stellte offen seine Genugtuung zur Schau, über jeden, der ihm in seinem Büro gegenübersaß, Macht ausüben zu können, besonders über jene Sorte von Kunstschaffenden, deren nur scheinbar naives, in Wahrheit aber arrogantes Auftreten ihm so verhasst war." Ein Arzt, der von einem psychotischen Patienten angeschossen wird, beginnt sich zu fragen, ob er Medizin studiert hat, um "seiner toten Mutter nahe zu kommen, näher als jemals, näher als zu ihren Lebzeiten jemals möglich".

Wondratschek erzählt am Leben entlang, ohne Pomp und ohne Reverenz an politisch korrekte und moralische geglättete Schreibweisen, wenn er sich etwa in die Haut einer jungen Prostituierten versetzt: "Sie will von einem Mann entzündet, in Brand gesteckt, in Feuer getaucht werden. Sie will vögeln." Na, aber hallo! Das könnte bei zarten Seelen geradezu Macho-Alarm auslösen!

In einem Brief des Autors an den Verleger steht: "Wenn es möglich ist, verzichten Sie bitte auf das, was man einen Klappentext nennt. Es ist, wie wir wissen, ein bloßer Notbehelf. Allerdings las ich gestern in den 1967/68 gehaltenen Vorlesungen von Jorge Luis Borges einen Satz, der das, was ich versucht habe, genau beschreibt: ,Er ließ seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.' "

In der Tat scheint es immer wieder so, als verrieten in Mittwoch handelnde Personen über ihr Eigenleben hinaus Überzeugungen und Aversionen, die auch ihrem Schöpfer nicht fremd sind. Das Faible für virile Betätigungen wie das Boxen etwa, von dem Wondratschek auch in einer Zeit, wo die Parole vom "Ende der Männer" medial herumtrompetet wird, nicht lassen mag. Oder den Widerwillen gegen Gesundheitswahn oder die Dämonisierung des Rauchens. Der Ex-Journalist Rudi glaubt, dass die Entflechtung des Journalismus vom Rauchen nichts Gutes war: "Nicht nur muss ein Mann, wenn er schreibt, rauchen, die ganze Bude muss unter Feuer stehen. (...) Rudi kommt, wenn er zurückdenkt, ins Schwärmen. Die großen Jahrzehnte des Journalismus! Die Raucher aller Kontinente. Die Unruhe in den Köpfen. Die Ruhe in den Sätzen. Relevante Information, nichts Überflüssiges. Die haben sich tagelang nicht gewaschen, aber was sie in die Setzerei gaben, war sauber. Es war mehr als sauber, es hatte Eleganz. Es war die alte Welt, und die hat geraucht. Und heute?"

Dass solche prächtigen rückwärtsgewandten Idyllen bei Wondratschek nie abgeschmackt konservativ oder gar sentimental wirken, hat damit zu tun, dass er auch mit siebzig (oder: gerade mit siebzig?) schreibt wie ein junger Berserker, aber wie ein präziser Berserker ("Man muss jede Sache so einfach wie möglich sagen - und auf keinen Fall einfacher. Zitat Einstein."). Ein paar schöne Sätze aus Mittwoch stehen in der Randspalte links. Sich mit ihrer Lektüre zu begnügen und nicht den ganzen Mittwoch zu lesen wäre eine Sünde und Schande. (Christoph Winder, DER STANDARD, 25.10.2013)

Wolf Wondratschek, "Mittwoch". Roman, € 22.- / 246 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2013

  • "Mit Geld in der Tasche brauchte man nicht zu reden, nicht mit jedem. Geld war eine Waffe, die immer geladen war.
    foto: regine hendrich

    "Mit Geld in der Tasche brauchte man nicht zu reden, nicht mit jedem. Geld war eine Waffe, die immer geladen war.

  • Er hat die Zeit noch erlebt (und was waren das noch für Zeiten!), als der Journalismus noch mit dem Tabak verheiratet war. Selbst die Sekretärinnen waren Kettenraucher. Ich rauche, also bin ich - mehr Philosophie war unverträglich. Und die Resultate konnten sich sehen lassen. Da saßen die Sätze, nicht nur die Pointen. Da loderte der Geist.
    foto: regine hendrich

    Er hat die Zeit noch erlebt (und was waren das noch für Zeiten!), als der Journalismus noch mit dem Tabak verheiratet war. Selbst die Sekretärinnen waren Kettenraucher. Ich rauche, also bin ich - mehr Philosophie war unverträglich. Und die Resultate konnten sich sehen lassen. Da saßen die Sätze, nicht nur die Pointen. Da loderte der Geist.

  • Mir war immer, als suchte ich nach etwas; etwas hinter den Büchern. In einem Menschen suchte ich einen anderen. Etwas verstehen hieß: es unsichtbar machen. Ich wollte klüger sein als die Rätsel, die ich nicht lösen konnte.

    In den Western war es die Sonne, der man nicht entrinnen konnte, in Gangsterfilmen die Nacht. Und die meiste Zeit über regnet es, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? Richtiges ungemütliches Sauwetter, nach dem Motto: Schießen wir sie über den Haufen, bevor wir uns alle erkälten.

    Das ist das Dumme am Sterben, es bleiben immer ein paar ungelesene Bücher zurück."

  • "Nicht nur muss ein Mann, wenn er schreibt, rauchen, die ganze Bude muss unter Feuer stehen": Wolf Wondratschek ist 70, aber kein bisschen leise.
    foto: regine hendrich

    "Nicht nur muss ein Mann, wenn er schreibt, rauchen, die ganze Bude muss unter Feuer stehen": Wolf Wondratschek ist 70, aber kein bisschen leise.

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