Kaum erzählt, nie vergessen: Reisehoppalas

2. Dezember 2013, 14:45
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Wir sind alle Reiseprofis. Trotzdem tappen wir in Fallen, haben Pech, werden über den Tisch gezogen, machen Fehler - und reden darüber. Reden Sie mit!

Meistens erzählen Reisende davon, wie gut sie alle Situationen im Griff haben, selbst in der ausweglosesten Lage noch souverän jede Schwierigkeit meistern und reisetechnisch mit allen Wassern gewaschen sind.

Und trotzdem passiert es: man wird übers Ohr gehauen, wird Opfer sprachlicher Verwirrungen, schätzt die lokalen Gebräuchlichkeiten falsch ein, ist naiv und leichtgläubig oder einfach unwissend - und tappt in eine Falle.

Den Mut, von Fehlern auf Reisen zu erzählen, haben nur wenige - mit Schadenfreude darf gerechnet werden. Dabei passieren selbst Reiseprofis Fehler, etwa den Autoren und Mitarbeiter von Lonely Planet. Anita Isalska hat ihre Geschichten in einem Blog (etwa hier oder hier) gesammelt.

Nebel des Grauens

Zum Beispiel jene von Anna Parker, die im Londoner Büro von Lonely Planet arbeitet, und deren Ausflug von Dehli nach Agra in einem Disaster endete. Die Hinfahrt dauerte statt 12 Stunden 27 Stunden - in einem völlig überfüllten und verdreckten Schlafabteil der zweiten Klasse. Durch die 15stündige Verspätung fiel der Besuch beim Taj Mahal ins Wasser. Der Zug zurück ging um acht Uhr am nächsten Morgen, was bedeutete, dass sie bereits um fünf Uhr früh aufstand - um das Taj Mahal, eingehüllt in eine fette Nebelwolke, doch noch zu sehen. Oder eigentlich nicht.

Tom Hall, Redakteur bei lonelyplanet.com, brachte der Versuch, seine britische Herkunft in Chile geheim zu halten, in eine peinliche Situation. Auf die Frage, woher er denn käme, antwortete er einer Gruppe chilenischer Teenager, dass er Niederländer sei. Was Tom nicht wissen konnte: Einer von ihnen sprach fließend Holländisch. Sauer waren die Teenager übrigens nicht darüber, dass Tom Brite war, sondern über seinen wenig kreativen Versuch der Herkunftsverschleierung.

Eine brenzlige Situation hingegen erlebte Clifton Wilkinson, Reiseredakteur bei Lonely Planet. Er übernachtete in einem Hostel in Washington D. C. und besprach am Morgen die Pläne mit seinem Zimmerkollegen. Ein weiterer Zimmergast bat sie, leiser zu sein. Mit gesenkter Stimme unterhielten sie sich weiter - und sahen wenig später in den Lauf einer Pistole. "Ich hab gesagt, ihr sollt leise sein! Ich werd's euch nicht noch einmal sagen!", war die letzte Warnung. Die Polizei hat ihn mit genommen und Clifton hasst Hostels heute mehr als je zuvor.

Schlaflos mit Brechreiz

Auch die Redakteure von STANDARD und derstandard.at sind vor Fehlern auf Reisen nicht gefeit.

Sascha Aumüller (Reiseredakteur Rondo/Album) hat es erst vergangenen Sommer wieder gewagt, an der Allwissenheit des Internet zu zweifeln: Kann nicht sein, dass – so seine gewagte These – auf der Kurischen Nehrung in Litauen überhaupt kein Bettlein zu finden ist, nur weil es nicht im Netz gelistet ist. Ist aber so ­– vor allem im August und gerade weil mittlerweile jede litauische Oma ihre ausziehbare Couch per Buchungsplattform feilbietet.


Wenn es in Nida virtuell kein Bett gibt, dann darf man auch analog keines erwarten.
Foto: www.flickr.com/photos/brostad [cc]

Wer unter den 53 auf Tripadvisor gelisteten Unterkünften in und um den Hauptort Nida während der Hochsaison virtuell keinen freien Schlafplatz gefunden hat, kann sich tatsächlich die physische Suche ersparen. Volle fünf Stunden irrte der Herr Reiseredakteur mit Hang zur Verbissenheit bei der analogen Herbergssuche auf der Nehrung herum, um schließlich frustriert zu erkennen: Was es heutzutage im Internet nicht gibt, existiert auch wirklich nicht in der Realität!

Petra Eder (Lifestyleredakteurin derStandard.at) erinnert sich mit Schaudern an eine Interrailreise mit ihrem Freund Ende der Achtzigerjahre, damals noch ohne Kredit- oder Bankomatkarte. Von Portbou aus unternahmen sie einen Tagesausflug nach Barcelona. Die Rückreise um 21 Uhr mit dem letzten Zug erwies sich als unmöglich, da dieser keine Personen mit Interrailticket transportierte. Die beiden wurden also aus dem Zug geschmissen, der in Portbou gehalten hätte, und standen nun – sehr sommerlich bekleidet - mit Fotoapparat und wenig Barem auf dem Bahnhof, der in der Nacht abgeschlossen wurde.


Das letzte Hemd ging für eine Übernachtung in Barcelona drauf.
Foto: www.flickr.com/photos/eldelinux [cc]

In ihrer Verzweiflung vertrauten sie auf eine Privatvermieterin, die gestrandeten Touristen Zimmer vermietete. Das letzte Geld ging drauf für eine Unterkunft in einem Hochhaus, irgendwo in einem düsteren Viertel der Stadt. Am frühen Morgen des nächsten Tages zeigte, sich dass die beiden nicht die einzigen waren, die diese Notlösung in Anspruch genommen hatten. Auf Betten und Sofas waren die zusammen geklaubten Gäste verteilt. Für einen Kaffee am Bahnhof reichte das Geld nicht mehr aus, aber zumindest durften im Frühzug auch Interrailpassagiere mit fahren.

Mirjam Harmtodt (Reiseredakteurin derStandard.at) vergaß aus lauter Höflichkeit alle Vorsicht, und ließ sich in Potosí in Bolivien nach einigem Zureden dazu überreden, selbst gebraute Chicha (das ist ein vergorenes Maisbreischlammgatschbier) aus einem wenig Vertrauen erweckenden, dreckigen Plastikkübel zu trinken. Wieder zu Bewusstsein - und um 10 Kilo leichter - kam sie drei Tage danach, voll gepumpt mit Antibiotika, die ihr drei Monate später einen juckenden Ganzkörperausschlag mit roten Pusteln bescherten.


Wenn Höflichkeit der Vernunft weicht lässt man sich zum Chichatrinken überreden - und bereut es.
Foto: Inga Baldus/wikimedia.org [cc]

Nach Durchfall, Erbrechen und Fieberwahn musste sie auch noch mit Kotzbeutel und Kohletabletten ausgestattet, eine achtstündige Busfahrt nach La Paz inklusive Reifenpanne hinter sich bringen. (red, derStandard.at, 02.12.2013)

Wir wollen ihre schrecklichsten Reisegeschichten hören! Schicken Sie uns ihr schlimmstes Erlebnis per Mail an leserreise@derStandard.at oder posten Sie Ihr Abenteuer.

  • Manchmal hat man einfach Pech, manchmal ist man schlichtweg dumm.

    Manchmal hat man einfach Pech, manchmal ist man schlichtweg dumm.

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