Der König der Selbstüberschätzung

24. Oktober 2013, 18:27
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US-Komiker Will Ferrell ist Stargast der Viennale - Mit George-W.-Bush-Parodien und anderen Männerfiguren, die sich gerne der Lächerlichkeit preisgeben, hat er die neuere US-Komödie maßgeblich mitgeprägt

"Ich bin sehr bedeutend, ich habe viele in Leder gebundene Bücher, meine Wohnung riecht nach Mahagoni." Mit diesen denkwürdigen Angeberworten macht sich der kalifornische Nachrichtensprecher Ron Burgundy in der Komödie Anchorman an eine blonde Schönheit heran, die - kaum zu glauben - nicht weiß, um wen es sich bei seiner Berühmtheit handelt. Burgundy trägt einen schreiend orangefarbenen Frotteebademantel, der umfangreiche Brust- und Bauchbehaarung erkennen lässt; einen Pornostar-Schnurrbart Marke Boogie Nights und in der Hand einen Cocktail mit Tropenschirm, der seine forcierte Männlichkeit ein wenig Lügen straft. Der zweite Anlauf ist auch nicht viel besser: "I wanna be on you."

Peinliche Selbstüberschätzung ist ein wichtiges Charakteristikum der Figuren, auf die der Schauspieler Will Ferrell sich spezialisiert hat. Er zählt zu den Darstellern, die sich mit Hingabe der Lächerlichkeit preisgeben. Seine Physis bietet sich dazu an, er wirkt immer ein wenig ausgeblasen, die Stimme hat etwas leicht Hohles, die Haarpracht ist deutlich zu üppig, um damit jemals cool sein zu können - Ferrell geht deswegen mit seiner Frisur gern in die Offensive, siehe die Rolle des Ashley Schaeffer in der großartigen Serie Eastbound & Down.

Aufgepumpte Virilität ist natürlich ein leichtes Komödienziel, doch gibt es dafür immer noch reichlich Gelegenheiten, zum Beispiel die achtjährige Präsidentschaft von George W. Bush. Der schien eigentlich unparodierbar zu sein, und doch begleitete Will Ferrell ihn mit Sketches und Soloprogrammen bis weit in den Ruhestand, und sein You're Welcome, America. A Final Night with George W. Bush, zuerst am Broadway, später auf HBO, kann die unerträglichen Momente zwar nicht ungeschehen machen, mit denen Bush sich in die Geschichte einzutragen versuchte (seinen Auftritt als "fighter pilot" zum Beispiel), zieht ihnen aber doch zumindest ein bisschen den Stachel.

Verzweigtes Komikernetz

Will Ferrell kommt aus der kalifornischen Improv-Szene, in der auch Paul Reubens, Melissa McCarthy oder Kristen Wiig das komödiantische Handwerk lernten. Bis in die frühen Nullerjahre war Ferrell dann einer der größten Stars der Sketchserie Saturday Night Live. Inzwischen ist er fester Bestandteil des weit verzweigten Netzwerks, von dem das Genre der neueren US-Filmkomödie bestimmt wird. Um nur ein paar Namen zu nennen, die bei Anchorman schon dabei waren: Judd Apatow, Adam McKay, Paul Rudd, Steve Carell, Seth Rogen und sogar Ben Stiller, Jack Black und Vince Vaughn.

Ferrell spielt, schreibt, produziert, neben Anchorman ist seine Intelligenz besonders stark an Talladega Nights. The Ballad of Ricky Bobby (2006) zu ersehen. Der Motorrennsport bildet hier die Szene für eine gründliche Dekonstruktion von Männlichkeitsbildern. Hier wird auch die politische Agenda dieses Komödienkinos schön erkennbar: Es geht darum, einen Mainstream für eine extrem heterogene Gesellschaft zu entwickeln, keinen vereinheitlichenden, normierten Mainstream, sondern einen integrativen. Die Komödien entwickeln eine Basis, auf der alle "outrageous" sein dürfen. Das Stichwort "diversity", das Ron Burgundy noch für einen Schiffsnamen aus dem 19. Jahrhundert (!) hält, weist den Weg.

Wenn die Viennale nun also diese Blütezeit eines Genres passenderweise im Jahr einer Retrospektive der Filme von Jerry Lewis honoriert, dann ist Will Ferrell eine exzellente Wahl. Von den gezeigten Filmen wäre vielleicht noch Old School hervorzuheben, weil dessen Regisseur Todd Phillips mit der Hangover-Trilogie scheinbar eine andere Abzweigung nahm - doch gerade der vielfach unterschätzte dritte Hangover führt zurück auf den gemeinsamen Grund. The Campaign, in dem Ferrell auf den Giganten Zach Galifianakis trifft, fand in der Viennale-Auswahl leider keinen Platz. Mit dem Starbedürfnis bei Festivals ist das ja immer so eine Sache. Im Falle von Will Ferrell lässt sich aber mit Fug und Recht sagen, dass die Viennale einen sehr bedeutenden Gast gewonnen hat. Das Gartenbau wird nach Mahagoni riechen müssen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 25.10.2013)

  • Zwei der besten Will-Ferrell-Parts in einer an vielen peinlichen Momenten reichen Karriere: als so angeberischer wie minderbemittelter "Anchorman" ...
    foto: viennale

    Zwei der besten Will-Ferrell-Parts in einer an vielen peinlichen Momenten reichen Karriere: als so angeberischer wie minderbemittelter "Anchorman" ...

  • ... sowie als Rennfahrer Ricky Bobby in "Talladega Nights. The Ballad of Ricky Bobby".
    foto: viennale

    ... sowie als Rennfahrer Ricky Bobby in "Talladega Nights. The Ballad of Ricky Bobby".

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