Auch Teilzeit kann zu Burnout führen

25. Oktober 2013, 18:41
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Generell nehmen Stress und Burnout-Gefahr mit dem Alter der Beschäftigten zu - Eine Studie bei Beamten zeigt, dass auch Teilzeitkräfte betroffen sind

Vorurteile über Beamte kennt Manfred Kuster zur Genüge. Er ist Beamter. Er ist Personalvertreter. Nicht irgendwo, sondern in einem Finanzamt, das für Großbetriebsprüfungen zuständig ist. Vom Schieben einer ruhigen Kugel kann dort keine Rede sein: "Das von Politik und Medien gern verbreitete Bild vom schonenden und geruhsamen Biotop öffentlicher Dienst ist ein Ammenmärchen." Was nicht nur der Personalvertreter vertritt, sondern auch ein objektivierter Test des Stresszustands bei der Großbetriebsprüfung in Innsbruck ergibt.

Getestet wurde vom Institut für Psychologie der Universität Graz, wo sich Professor Wolfgang Kallus seit Jahren mit der Stressbelastung an sehr unterschiedlichen Arbeitsplätzen befasst.

Dabei zeigt sich: Generell nehmen Stress und Burnout-Gefahr mit dem Alter der Beschäftigten zu. Die Annahme, dass Teilzeitkräfte sich die Balance zwischen Arbeit und Freizeit besser einteilen und damit weniger gefährdet sind, stimmt allerdings nicht mehr generell.

Jung, weiblich, gestresst

Herbert Bayer, der Vorsitzende der Finanzgewerkschaft, erklärt es so: "Wer Teilzeit arbeitet, ist typischerweise mehrfach belastet. Das sind eben relativ junge Frauen, auf denen daheim nicht Erholung, sondern Familienarbeit lastet. Die arbeiten am Vormittag in einem Finanzamt, haben bei einer Halbtagsarbeit kaum Pausen - und sie bemühen sich, besonders effizient zu arbeiten, weil sie ja auch eine Karriere im Auge haben. Das führt zu extremen Belastungen." Jung, weiblich, in Teilzeit arbeitend - das ist eine Risikogruppe, die vom Psychologen Kallus als neu herausgefiltert wurde.

Im Bereich der Großbetriebsprüfung treffe das in besonderem Maße zu: Hier sitzen junge, gut ausgebildete Finanzmitarbeiter mit hohem Erfolgsdruck Unternehmensvertretern gegenüber, die mindestens so gut vorbereitet sind und plausibel machen wollen, warum diese oder jene steuerschonende Konstruktion in ihrem Fall legal angewendet werden darf. Personalvertreter Kuster: "In der normalen Betriebsprüfung geht es um Beträge von vielleicht 30.000 Euro - bei der Großbetriebsprüfung sind es dagegen Modellgestaltungen, bei denen zu untersuchen ist, ob dem Fiskus 300 oder 400 Millionen Euro an Steuersubstrat entzogen worden sind. Und da tut sich ein älterer, erfahrener Prüfer oft leichter, weil er daran mit mehr Gelassenheit herangeht als ein Junger."

Erfahrung mindert Stress

Der Psychologieprofessor Kallus erläutert im STANDARD-Gespräch: "Die Großbetriebsprüfung ist einer der wenigen Bereiche, wo mit dem Alter die Belastung nicht steigt, sondern fällt. Es gibt auch andere Bereiche, wo das zutreffen kann - auch bei Wissenschaftern und wohl auch bei Journalisten kann es durchaus sein, dass Erfahrung stressmindernd wirken kann."

In der Regel aber steigt die Stressbelastung mit dem Alter, weil ältere Mitarbeiter mehr soziale Unterstützung geben, als sie selber bekommen.

Ermittelt wird die Stressbelastung durch mehrfach wiederholte Tests, in denen einfache Fragen über die Erlebnisse der vergangenen sieben Tage gestellt werden. Wer etwa in dieser Zeit nie gelacht hat oder nie ausgeschlafen aufgewacht ist, sammelt Punkte, die ihn in den roten Bereich führen.

Erholungs-Belastungs-Fragebogen

Kommt das im Abstand von mehreren Wochen wiederholt vor, zeigt die Ampel Rot - und damit eine Burnout-Gefahr an. Den Erholungs-Belastungs-Fragebogen hat das Team um Kallus aus Erfahrungen im Spitzensport entwickelt. Kallus: "Im Sport jagt ein guter Trainer einen auch nicht von einer Belastung zur nächsten, sondern weist rechtzeitig darauf hin: Jetzt musst du dich erholen."

Was bei den Tests im Bereich der Großbetriebsprüfung gelernt wurde, gelte auch für andere Bereiche der Finanzverwaltung - besonderem Stress sind auch jene Mitarbeiter in den Finanzzentren ausgesetzt, die unmittelbar Kundenkontakt haben und Steuerzahlern vermitteln müssen, dass ihnen der eine oder andere erhoffte Anspruch doch nicht zusteht oder auch nur, dass sie auf eine Rückzahlung noch länger warten müssen.

Kallus, der auch viel in der Privatwirtschaft forscht, attestiert der Finanzverwaltung immerhin, mit Schulungen auf die Stressdiagnose zu reagieren. Zusätzlich benötigtes Personal bleibt aber eine Budgetfrage. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 25./26./27.10.2013)

  • Stress und Burnout-Gefahr nehmen mit dem Alter der Beschäftigten zu.
    foto: istockphoto.com / pejo29

    Stress und Burnout-Gefahr nehmen mit dem Alter der Beschäftigten zu.

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