Oppenheimer: "Alle prahlten mit ihren Taten"

Interview24. Oktober 2013, 18:18
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Der US-Filmemacher hat für seinen Dokumentarfilm über ein verdrängtes Kapitel indonesischer Geschichte einen ungewöhnlichen Zugang gewählt

Südafrika hatte seine Wahrheitskommission, um die Jahrzehnte der Apartheid aufzuarbeiten. In Kambodscha dreht der Filmemacher Rithy Pan seit über 20 Jahren Filme über die Ära des "Steinzeitkommunismus" der Roten Khmer. In Deutschland wird die Schuld, die sich mit den Jahren 1933 bis 1945 verbindet, für immer ein Thema bleiben. Was aber, wenn, wie in Indonesien, die Mörder an der Macht bleiben, der Völkermord nie aufgearbeitet wird? Dann bedarf es schon drastischerer Mittel, um das Schweigen zu brechen. Der amerikanische, in Dänemark lebende Filmemacher Joshua Oppenheimer lässt in The Act of Killing Mitglieder der Todesschwadronen, die nach dem Militärputsch von 1965 das Land von vermeintlichen Kommunisten säuberten, nicht nur davon erzählen. Er lässt sie ihre Taten nachspielen, wobei die Mörder sich selber inszenieren, nach dem Vorbild jener Filme, die sie damals zu ihren Tötungsarten inspirierten.

STANDARD: Als Sie dieses Filmprojekt starteten, ist Ihnen da je in den Sinn gekommen, dass sich einer der Beteiligten durch die Arbeit an diesem Film mit seinen Handlungen auseinandersetzen würde?

Oppenheimer: Nein, diese Hoffnung hatte ich nicht. Ich habe diesen Film gemacht, weil ich wissen wollte, wie Menschen mit Schuld leben, wie unsere Normalität auf Terror, Verbrechen und Lügen aufgebaut ist. Von Überlebenden, mit denen ich meinen vorangegangenen Film gemacht hatte, wurde ich aufgefordert, die Verbrecher zu filmen. Sie hofften auf Informationen, wie ihre Angehörigen ums Leben kamen. Sie wiesen mich auf Nachbarn hin, von denen sie wussten, dass sie Anführer von Todesschwadronen gewesen waren.

STANDARD: Die Leute, die sich 1965 an die Macht putschten, haben dort immer noch das Sagen?

Oppenheimer: Ja, in Indonesien ist es so wie im Märchen vom Kaiser ohne Kleider: Wir filmten nichts, was unbekannt ist, sondern etwas, über das geschwiegen wird. Jeder weiß es, hat aber Angst, darüber zu reden.

STANDARD: Im Mittelpunkt des Films steht Anwar Congo ...

Oppenheimer: Alle prahlten mit ihren Taten, Anwars Schmerz kam mehr an die Oberfläche als bei anderen, auch wenn er sehr prahlerisch war - niemand sonst hat einen Tanz aufgeführt an dem Ort, wo er gemordet hat (und das gleich beim ersten Treffen). Ich spürte intuitiv, dass dieses Prahlen vielleicht nicht ein Zeichen von Stolz, Reuelosigkeit oder mangelndem Gewissen war, sondern vielleicht ein Zeichen von Menschlichkeit - dass er weiß, er hat etwas Falsches gemacht, und verzweifelt versucht, dies zu verneinen. So verweilte ich bei ihm.

STANDARD: Kamen all die Ideen für die Settings und die Nachinszenierungen von den Protagonisten? Es gibt da eine Szene, wo sie einen Verdächtigen in einem Büro befragen und sie alle Hüte tragen, als sei es aus einem Gangsterfilm der 40er-Jahre.

Oppenheimer: Das war das Genre, das ihnen am besten gefiel. Ich habe Anwar mehrfach sagen hören, dass er seine Tötungsmethoden erdachte, wenn er aus dem Kino kam, berauscht von der Kinoerfahrung. In den 60ern liefen in Indonesien viele Filme aus den 40ern und 50ern. Darunter eine Reihe von Gangsterfilmen, die das Garottieren zeigten, das Erwürgen mit einer Drahtschlinge, lange vor Der Pate.

STANDARD: Der Film beginnt mit einer fragmentarischen Musicalnummer vor einem Gebäude in Fischform ...

Oppenheimer: Am Ende fiel die Nummer raus, weil sie zu lang und anekdotenhaft war. Einer von Anwars Lieblingssongs ist Peggy Lees Is that all there is? Er liebt ihn, weil es darin um Enttäuschung geht. Die dabei gesprochenen Sätze hat er geändert und auf seine eigenen Erfahrungen bezogen - nicht: "Das erste Mal, dass ich in den Zirkus ging", sondern: "Das erste Mal, dass ich tötete." Seine Enttäuschung besteht darin, dass er immer der Gangster geblieben ist und nie politische Macht errungen hat wie seine Freunde. Als wir herumfuhren, auf der Suche nach geeigneten Orten, entdeckten wir diesen riesigen Beton-Goldfisch: ein Fischrestaurant, das in den 90er-Jahren, zur Zeit der Wirtschaftskrise in Asien, zusperrte.

STANDARD: Hatten Sie einen formellen Vertrag mit den Protagonisten, hatten die ein Vetorecht?

Oppenheimer: Nein, sie wussten von Anfang an, was ich wollte. Da sie so angeberisch waren, konnte ich auch ganz offen zu ihnen sein: "Sie haben teilgenommen an einem der schlimmsten Völkermorde in der Menschheitsgeschichte. Ich möchte gerne wissen, was das für Sie bedeutet. Vielleicht können wir diese Fragen beantworten, wenn Sie mir zeigen, was Sie getan haben!" Sie hatten noch nie in einem Dokumentarfilm mitgewirkt, so gingen sie mit einer gewissen Unschuld daran heran. Die Methode war, dass sie während des Drehs das gesamte Material sahen, sodass es eigentlich keine Überraschungen gab. Der Film ist sehr schmerzhaft - als Anwar ihn sah, war er sehr bewegt, stumm und den Tränen nahe. Der Film zeigt, wie eine ganze Gesellschaft, in der die Übeltäter immer noch an der Macht sind, es schafft, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Sie wissen, dass es falsch war. Das zuzugeben ist zu schmerzhaft, also belügen sie sich selber.

STANDARD: Kann der Film in Indonesien legal gezeigt werden?

Oppenheimer: Solange die Zensurbehörde ihn nicht verbietet, ist es legal, ihn zu zeigen. Wir haben uns gefragt: Wie können wir den Film so breit wie möglich vertreiben, ohne ein Verbot zu provozieren? Wir wollten, dass Menschen den Film gemeinsam sehen und darüber sprechen. So errichteten wir ein Netzwerk von prominenten Indonesiern, die diesen Film unterstützten. Ich forderte sie auf, in ihren Communities Vorführungen zu organisieren. Beginnend mit dem Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember wurde der Film gezeigt. So erreichte er am ersten Tag insgesamt 10.000 Zuschauer. Im Sommer sahen ihn über 100.000 Zuschauer in über hundert Städten. Seit 30. September steht der Film auch im Netz, und jeder in Indonesien kann ihn kostenlos herunterladen. (Frank Arnold, DER STANDARD, 25.10.2013)

Joshua Oppenheimer, geb. 1974 in Texas, studierte in Harvard und am Londoner Central St. Martins College Film. Dreht seit 1995 Dokumentarfilme und forscht auch zu "Genocide and Genre". 

26. 10., Gartenbau, 18.00

27. 10., Urania, 16.00

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www.viennale.at

  • Dokumentarische Intervention: Ehemalige Mitglieder indonesischer Todesschwadronen der 1960er-Jahre stellen im Stile alter US-Kinofilme ihre damaligen Gräueltaten nach.
    foto: viennale

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    foto: daisysun

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