Im Windfang ohne Kopftüchl

28. Oktober 2013, 16:11
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Am Weingut Bohrn in Herrnbaumgarten darf sich jeder als Winzer versuchen und lesen helfen

"Habts eh a Kopftüchl mit'bracht", will Oma Aloisia Bohrn gleich einmal wissen. Haben wir nicht. Sieben Gäste begaben sich an diesem Oktobertag ins östliche Weinviertel. Sie wollten "einmal Winzer sein". So heißt ein neues touristisches Angebot, das sich die Österreich Werbung hat einfallen lassen, um Weinaffine aufs oder ins Land zu bringen. Einige Winzerbetriebe aus dem Burgenland und Niederösterreich machen schon mit, und lassen Interessierte bei der Weinlese helfen, so auch das Weingut Bohrn in Herrnbaumgarten.

Ein rescher Nordwind bauscht dicke, graue Wolken über einem tiefen Himmel auf, und schon wünschen sich einige, sie hätten ein Kopftuch mitgebracht. Wenngleich die Ausrüstung gut ist: Funktionsjacken, festes Schuhwerk, froher Mut. Früher hätte man diese Winzer in spe rüstige Senioren genannt. Und ihnen damit Unrecht getan. Es sind weitgereiste Männer und Frauen, die viel von Wein verstehen und die Zeit haben, auch an einem Wochentag einmal etwas Neues auszuprobieren. Während Handschuhe und Scheren verteilt werden, unterhalten sie sich über Weinbau auf Madeira und den Azoren.

Ideal zum Tratschen

Gerhard Bohrn, der Hausherr, wirft den Traktor an, alle klettern auf den Anhänger und werden zum ersten Weingarten gebracht. "Windfang" heißt er. "Unsere Hauptsorte ist der Grüne Veltliner", erklärt Aloisia Bohrn, seine Frau. "Unser Betrieb erzeugt rund 70 Prozent Weiß- und 30 Prozent Rotweine", erzählt sie weiter, während sie den Gästen zeigt, wie man die Trauben abschneidet. Immer zwei und zwei sich stehen dabei gegenüber. "Ideal zum Tratschen", sagt sie lachend.

Die ganze Familie hilft heute bei der Weinlese mit, Eltern, Großeltern, die drei Kinder. Auch die kleinste, Magdalena mit ihren fünf Jahren, darf schon eine Schere halten. Die Handlese ist aber die Ausnahme. Die meisten Lagen werden hier maschinell gelesen. 30 Hektar, aufgeteilt auf 48 verschiedene Weingärten, hat die Familie Bohrn insgesamt zu bewirtschaften. "Viele kleinere Betriebe haben in den letzten Jahren aufgehört", erzählt Aloisia Bohrn, "also konnten wir dazukaufen." Neben dem Wein, dem größten Einkommen, baut die Familie Getreide und Sonnenblumen an.

"Soll ich diese Trauben auch nehmen?", fragt Elfriede Krenz. "Nein, das sind Krampelweiba", sagt die Winzerin. "Krampelwas?", fragt die Städterin. Es geht um Weinbeeren, kann geklärt werden. Sogenannte Geiztriebe, die sauer bleiben und deswegen nicht mitgepresst werden sollen. Sie hängen meist höher und werden deswegen auch Achseltriebe, in manchen Regionen umgangssprachlich "Aixen", genannt. Wieder etwas gelernt. "Ich komm mir vor wie eine Ferialpraktikantin", sagt Elfriede, "die sind auch keine große Hilfe." Trotzdem scheint es ihr Spaß zu machen.

Die Trauben sind wunderschön fest und süß und hängen in einer angenehmen Schnitthöhe, also geht die Arbeit schnell voran. "Mein Schwiegervater war einer der Ersten im Ort, der sogenannte Hochkulturen angelegt hat", erzählt Aloisia. Dabei wird der Stock so bearbeitet und hochgebunden, dass man sich bei der Lese nicht jedes Mal zu den Trauben hinunterbücken muss. "Zuerst wurde er noch belächelt, aber dann haben's die anderen schnell übernommen", sagt sie und ist sichtlich stolz dabei.

Die geernteten Trauben kommen erst in Kübel und werden dann in größere Gefäße auf dem Traktor geleert. Das ist schwere Schlepparbeit, die in diesem Fall die Söhne übernehmen. Nach einer Stunde ist auch die letzte Reihe erledigt. "Viel Händ', g'schwind's End'", sagt Oma Aloisia lachend. Aber die Touristen wollen mehr. Sie haben gerade erst Blut, das heißt den Traubensaft, von ihren Fingern geleckt.

Also werden sie in den nächsten Weingarten, den "Schlossgarten" gekarrt. Aber: Weit und breit ist kein Schloss zu sehen. "Das wurde 1645 von den Schweden zerstört", erklärt Aloisia die Jüngere, "nur ein Brunnen ist erhalten." So lernt man neben Weinkultur auch Geschichtliches, während man bis zu den Knöcheln im nassen Gras steht. "Deswegen hab ich Gummistiefel an", sagt Aloisia die Ältere ganz ohne Häme. Sind halt Anfänger, die Städter.

Den Künstler kennenlernen

Munter geht es weiter mit der Lese, diesmal leicht bergab. Eine "nähere Beziehung zum Wein" suche er, erzählt Ernst Swietly, während er konzentriert weiterschneidet. Er nutzt das Angebot, im Weingarten mitzuhelfen, "weil es dem Weingenuss förderlich ist". "Das ist wie bei einem Kunstwerk - wenn Sie den Künstler kennen, haben Sie auch mehr davon."

"Schauen Sie", sagt Gerhard Bohrn, "hier gab's ein Wetterproblem bei der Blüte. Da wurden die Trauben nicht befruchtet und bleiben ganz klein." Ausgerieselt nennt man das, lernen die Novizen. Weiter unten wurde Welschriesling angepflanzt. "Der hat immer eine Beitraube, spitzere Blätter, und die Trauben sind walzenförmig, während die Veltlinertraube eher geschultert ist", geht der Unterricht weiter.

Wenn der zweite Weingarten fertiggelesen ist, hat man viel über Rebsorten, Bodenbeschaffenheit, das Dorf, aber auch die ganze Region gelernt - und den Bauch voller Trauben. Die restlichen werden jetzt in den Weinkeller transportiert, und schon drei Stunden später kosten die Gäste den ersten Saft aus den von ihnen gelesenen Beeren. Gerhard Bohrn erklärt die Funktionsweise der pneumatischen Presse, prüft den Zuckergehalt und scheint zufrieden.

Nach einer deftigen Jause verkosten die Lesehelfer im neuen Degustationsraum die Weine der vergangenen Saisonen vom Weinviertel DAC bis zum Cabernet Sauvignon 2009. Da wird gefachsimpelt, was das Zeug hält. Ein bisschen Botrytis, also Edelfäule, könne manchmal nicht schaden, so der Hausherr. "Sonst bleibt der Wein sehr dünn und kurz im Abgang." Besser Botrytis als Arthritis. Der war aufgelegt!

Aloisia Bohrn überlegt, dem Package aus Mittagessen, Weinlese, Jause, Degustation und Übernachtung eine "selbstgelesene" Flasche Wein hinzuzufügen, die man sich im nächsten Jahr abholen kann. Damit die Gäste wiederkommen. Das werden sie. Ist ja schließlich nicht irgendein Wein. (Tanja Paar, DER STANDARD, Album, 25.10.2013)

Die Weinlesetermine differieren je nach Saison und Witterung.

Info: www.weingut-bohrn.at

Herrnbaumgarten, Hauptstraße 65, Tel. und Fax: +43-2555-224

Anreise zum Beispiel mit dem Regionalzug R 2326 ab Wien in Richtung Bernhardsthal, Fahrradmitnahme begrenzt möglich, weiter mit ÖBB-Bus 431 in Richtung Poysdorf oder mit dem Fahrrad rund 18 km nach Herrnbaumgarten.

"Endlich öffentlich" ist eine lose Serie über touristische Ziele, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind.

  • Aloisia Bohrn liest mit ihrem Mann Gerhard in fünfter Generation Wein in Herrnbaumgarten.
    foto: tanja paar

    Aloisia Bohrn liest mit ihrem Mann Gerhard in fünfter Generation Wein in Herrnbaumgarten.

  • Die Weinlese geschieht bei den Bohrns in sogenannten Hochkulturen: Das bedeutet, die Weinstöcke wurden so angelegt, dass man sich beim Pflücken der Trauben nicht bücken muss.
    foto: niederösterreich tourismus / christian fischer

    Die Weinlese geschieht bei den Bohrns in sogenannten Hochkulturen: Das bedeutet, die Weinstöcke wurden so angelegt, dass man sich beim Pflücken der Trauben nicht bücken muss.

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