Fernsehporträt eines fast ganz Uneitlen

Ansichtssache25. Oktober 2013, 17:02
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Linz - Dieses eine Foto steht wie kaum ein anderes symbolhaft fuer die Zweite Republik: Leopold Figl präsentiert vom Balkon des Belvedere aus einer jubelnden Menge den soeben unterzeichneten Staatsvertrag. Ob der Satz „Österreich ist frei!", mit dem das Foto so untrennbar verbunden ist, überhaupt am Balkon gesprochen wurde oder schon zuvor bei der Unterzeichnung sei gar nicht so gewiss. Viele seien dabei gewesen, alle erinnern es anders, erzählt Erich Lessing.

foto: orf/erich lessing culture/erich lessing

Und er spricht weiter in dieser sehr eleganten Art, mit der sich jene, die wirklich etwas zu sagen haben, nicht allzu wichtig nehmen: manchmal sei es so, dass ein Anderer, Größerer, einem gerade in geschichtsträchtigen Momenten den Blick verstelle, bei diesem einen Foto sei es zum Glück nicht so gewesen.

Ob es nicht fast absurd sei, dass ausgerechnet er, ein Jude, der 1939 vor den Nationalsozialisten fliehen konnte, dessen Familie ermordet wurde, für die Freiheit der Republik stehe, beantwortet der 90-jährige im STANDARD-Gespräch so: "Das ist richtig, das kommt mir selbst ein bisschen skurril vor." Wie ein Rip van Winkle, (der Held der ersten amerikanischen Kurzgeschichte, der nach einem zwanzigjährigen Zauberschlaf erwacht und feststellt, dass sich die Machtverhältnisse geändert haben, Anm. Red.) komme er sich manchmal vor. Und dann frage er sich, warum da nicht mehr andere da seien, fügt er nachdenklich hinzu.

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foto: orf/orf iii/thomas hackl

1947 wieder in Wien

Da ist - im Leben wie im Film - seine Gattin Traudl Lessing (hier im Bild), die 1947, als Lessing nach Österreich zurückkehrte, um nach seiner Familie zu suchen, in Wien als Journalistin für Associated Press tätig war und ihm die ersten Fotoaufträge in Wien verschaffte. Thomas Hackl und Martina Hechenberger (Kamera/Produktion), geben Traudl und Erich Lessing als noch immer auch gemeinsam beruflich tätiges Paar viel Raum, hören zu, beobachten sie, als wären sie alte Bekannte.

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foto: orf/orf iii/thomas hackl

Tatsächlich sind Erich Lessing und Thomas Hackl befreundet, seit der Fotograf und Kurator für das Stadtmuseum Nordico in Linz 2006 eine Ausstellung zum "Ungarnaufstand" 1956 mit organisierte. Lessing war damals einer der wenigen Fotografen, die sich auf den Weg nach Budapest machten, um den Aufstand zu dokumentieren. Stationen des sehr frühen Mitgliedes der Agentur Magnum und berufliche Entwicklungen sind ebenso Thema wie leise, tiefgehende Momente, etwa wie er auf die Frage, warum es denn keine Biografie von ihm gebe, antwortet, er sei "weder interessant noch alt genug".

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foto: orf/orf iii/thomas hackl

Es sei ein schöner Film geworden, sagt Lessing nach der Vorpremiere im Linzer Stadtmuseum Nordico. Und er erwähnt, dass er sich erst daran gewöhnen musste, sich selbst 50 Minuten lang zu zuschauen. Zum Glück aber, so Lessing, sei er wie viele andere eitel genug.

TV-Hinweis: Erich Lessing im Porträt von Thomas Hackl und Martina Hechenberger: Samstag, 22.45, ORF 3

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