Lithium im Trinkwasser senkt Suizidrate

24. Oktober 2013, 11:06
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Rückstände von Lithiumverschreibungen im Grundwasser könnten für einen "Kohortenschutz" gegen Suizidabsichten sorgen

Eine bereits im Juni 2011 an der MedUni Wien durchgeführte Studie hat gezeigt, dass im Trinkwasser enthaltenes Lithium die Suizidrate senken könnte. Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, dass es sich zum überwiegenden Teil um natürlich enthaltenes, aus Gestein herausgewaschenes Lithium handelt. Neue Daten legen nahe, dass sich auch Rückstände von Lithiumverschreibungen im Grundwasser befinden.

Stimmungsstabilisierer Lithium

"Das Leichtmetall Lithium wird seit 60 Jahren in der Psychiatrie als Stimmungsstabilisierer und zur Depressionsprophylaxe eingesetzt. Es gelangt damit auch über Ausscheidungen ins Grundwasser beziehungsweise wird es in den Kläranlagen nicht herausgefiltert", sagt Psychoanalytiker Nestor Kapusta von der MedUni Wien.

Der Psychiater geht davon aus, dass es in Regionen mit hohen Lithiumverschreibungszahlen eine Art "Kohortenschutz" geben kann: "Eine hohe Psychiater-Dichte und hoher Verabreichungsgrad könnten für mehr Lithium im Trinkwasser sorgen, was sich auch bei unbehandelten Personen positiv auswirken könnte." Jakob Klein aus der Suicide Research Group an der MedUni Wien arbeitet gerade an dieser Studie.

Möglicherweise essenziell

Schon in der Studie vor zwei Jahren war anhand von 6.460 Trinkwasserproben in 99 österreichischen Bezirken festgestellt worden, dass hohe Lithiumwerte im Trinkwasser mit einer tendenziell niedrigeren Suizidrate in der Region einhergehen. Dies deutet darauf hin, dass Lithium bereits als Spurenelement messbare Effekte hat. "Manche Forscher behaupten mittlerweile, dass Lithium essenziell für den Menschen sein könnte", sagt Kapusta.

Dass die Anreicherung von Medikamenten im Trinkwasser zunehmend ernst zu nehmen ist, zeigt auch eine aktuelle Studie aus den USA, in der die Verunreinigung des Grundwassers und des Trinkwasser aus der Leitung durch zahlreiche Medikamentenrückstände nachgewiesen wurde. 

Kein Wundermittel

"Im Fall von Lithium wäre es ja ein potenziell positiver Effekt. Dennoch wäre es verfrüht, zu fordern, dass man dem Trinkwasser Lithium beigeben sollte. Dazu ist dringend weitere Forschung nötig", so Kapusta. Auch wenn bei derartig niedrigen Lithiumwerten im Trinkwasser keine Nebenwirkungen im Vergleich zu therapeutischen Dosen (u.a. Nieren- und Schilddrüsenbeschwerden) zu erwarten sind, so fehlen diesbezügliche Studien.

Lithium sei kein Wundermittel, auch wenn manche Berichte es so darstellen, so Kapusta.  So wurde etwa festgestellt, dass das Leichtmetall zwar anregend auf das Wachstum neuer Gehirnzellen wirkt - nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bereits bei Embryos. Es ist jedoch noch unklar, wie sich eine systematische Exposition gegenüber dem Spurenelement bei Schwangeren und Kindern auswirkt. Da wäre dringend weitere Basisforschung nötig und von einer Supplementation vorerst abzuraten, so der MedUni Wien-Experte.

Alzheimer-Therapie?

Auch in der Behandlung von Alzheimer beziehungsweise Demenz könnte Lithium eine Bedeutung erlangen: Das Element scheint sich in der Gehirnsubstanz einzulagern, nämlich stärker in der weißen als in der grauen Gehirnsubstanz. Umgekehrt ist bekannt, dass Menschen die eine Lithiumtherapie erhalten, mehr graue Substanz erzeugen. "Die Alzheimer-Erkrankung ist unter anderem mit einem Abbau und Veränderungen der weißen Substanz assoziiert, denen Lithium entgegen wirken könnte", sagt der Forscher. (red, derStandard.at, 24.10.2013)

  • Lithium-Rückstände im Trinkwasser könnten vor Suiziden schützen.
    foto: dpa/oliver berg

    Lithium-Rückstände im Trinkwasser könnten vor Suiziden schützen.

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