Empathie - was die Welt zusammenhält

23. Oktober 2013, 19:30
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Die dänische Familientherapeutin, Psychologin und Autorin Helle Jensen war in Wien zu Gast - und präsentierte ein beeindruckend einfaches Rezept für mehr Empathie

Wer andere Menschen erkennen will, sollte gelegentlich die Augen schließen. Dem eigenen Atemstrom lauschen. Die Muskeln entspannen. Die kleine Pause zwischen Ein- und Ausatmen wahrnehmen. Denn Empathie für andere Menschen, also die Fähigkeit, deren Gefühle und Emotionen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden, sie basiert auf einer guten Wahrnehmung der eigenen Empfindungen. Wer sich selbst kaum oder nicht spürt, kann auch andere schwer spüren - das ist eine der Thesen der dänischen Familientherapeutin, Psychologin und Autorin Helle Jensen. Mit dieser Botschaft beginnt sie gerne ihre Vorträge zum Thema - indem sie das Publikum zu einer kleinen Atemübung einlädt. So auch in Wien, wo Jensen kürzlich auf Einladung der Internationalen Gesellschaft für Beziehungskompetenz in Familie und Organisation zu Gast war.

"Empathie - was die Welt zusammenhält" lautete der Titel des Vortrages, den Jensen im bis auf den letzten Platz gefüllten Veranstaltungssaal der Sargfabrik hielt. Rund 150 Menschen lauschten ihr in hoch konzentrierter Atmosphäre. Im Zentrum stand die Frage, wie Kinder jenes Einfühlungsvermögen entwickeln, das sie brauchen, um Gefühle wie Trauer, Schmerz, Verzweiflung, aber auch Freude anderer nicht nur wahrzunehmen, sondern auch emotional zu "spiegeln".

Voraussetzung für Solidarität

Jensen verstand es blendend, die Verbindung zwischen einem guten Gefühl für sich selbst und der Fähigkeit zur Empathie für andere herauszuarbeiten. Den Einwurf, dass es unter ökonomischem Druck und den Bedingungen der Leistungsgesellschaft mitunter schwierig sein kann, die Ruhe zu bewahren, parierte Jensen so: Dieser Druck existiere freilich - umso wichtiger sei es, sich selbst zu ermächtigen, hier gegenzusteuern. Und das gelinge mit einer Gelassenheit, die sich aus einer gesunden Selbstwahrnehmung speist, allemal besser.

Jensen ist überzeugt, dass die Fähigkeit zur Empathie eine zentrale Voraussetzung für ein gesellschaftliches Miteinander und Solidarität im Großen ist. Nicht zuletzt deshalb brauchen Kinder Raum zum Entwickeln der eigenen Empathie: In der Praxis bedarf es dafür etwa ein wertschätzendes Umfeld, das Mädchen und Buben in ihrer Eigenart Raum gibt und unverplante, ablenkungsfreie Zeit, in der Kinder Kreativität und ein Gefühl für sich selber entwickeln können.

Einfache Atemübungen seien durchaus schon für kleine Kindern geeignet. "Dazu können sie zum Beispiel einen kleinen Stein nehmen, den die Kinder selbst gefunden haben", sagt Helle Jensen. "Wenn er sich auf der Bauchdecke langsam im Atemrhythmus hebt und senkt, kommen die Kinder schnell zur Ruhe." Nicht wenige der anwesenden Fachleute und Eltern dürften den Saal mit dem Vorsatz verlassen haben, das gleich einmal bei den eigenen Kindern auszuprobieren. (red, derStandard.at, 23.10.2013)

  • "Die Grundlagen von Empathie liegen in jedem von uns." - Psychologin und Autorin Helle Jensen.
    foto: igfb

    "Die Grundlagen von Empathie liegen in jedem von uns." - Psychologin und Autorin Helle Jensen.

  • Helle Jensen im Gespräch mit IGfB-Gründerin Robin Menges (li.) und Moderatorin Lisa Mayr (DER STANDARD/derStandard.at).
    foto: igfb

    Helle Jensen im Gespräch mit IGfB-Gründerin Robin Menges (li.) und Moderatorin Lisa Mayr (DER STANDARD/derStandard.at).

  • Den Band "Miteinander - Wie Empathie Kinder stark macht" brachte Helle Jensen 2012 gemeinsam mit Bestsellerautor Peter Høeg und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul heraus.
    foto: beltz verlag

    Den Band "Miteinander - Wie Empathie Kinder stark macht" brachte Helle Jensen 2012 gemeinsam mit Bestsellerautor Peter Høeg und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul heraus.

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